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Zunächst: Nie wieder Grüne. Nie wieder SPD. Nie
wieder Krieg.
Dann: Ein Stapel Papier mit spontanen, erratischen Ausdrucken aus NULL
seit Jahresbeginn. Durchsicht desselben. Von der Neugier getrieben, eventuell
etwas zu finden, das so in keiner auf Papier gedruckten Anthologie oder
Zeitschrift zu lesen wäre. (Mein eigener erster Text etwa wurde,
in Ermangelung sozusagen erkennbarer, als literarisch kodierter Eigenschaften,
von der Redaktion zunächst gar nicht als Beitrag erkannt und erst
mit einer Woche Verspätung ins Netz gestellt.)
Hettche (könntest Du, Jana, alle
Namen mit entsprechenden Links zu ihren jeweils gemeinten Texten versehen?) am
1.1.: Erstaunlich dichterische Eröffnung (hatte ich mir irgendwie
kantiger vorgestellt), Problemzone Kindheitserinnerungen. (Was mich hier
halbwegs legitimiert, gleich mal loszuwerden, daß ich mit achtzehn
Jahren fast durch meine Kriegsdienstverweigerungsverhandlung fiel, weil
ich mich getraute, den für alle Zeiten ausschließlich defensiven
Charakter der Bundeswehr anzuzweifeln. Hier könntest Du, Jana, wenn
Du Lust hast, einen Link zur Homepage der aktuellen deutschen, eben leider
doch ewigen Angriffsarmee einrichten.) Hettches kühne Apostrophierung
der an NULL Beteiligten als Generation, für die erstmals die Rituale
des Bleistifts nicht mehr gelten. (Dem dann aber so nicht sein sollte.)
Outro auch wieder supersolenn: Balkon über den Dächern der Stadt,
feiernd und frierend, in Erwartung des Feuerwerks am Ende dieser einjährigen
Silvesternacht (läßt mich an Ernst Jüngers Pariser Balkon
denken, und gleichzeitig an die Dächer Belgrads). Schwieriges Jahr
(mal völlig vom Millennium abgesehen).
Krausser am 1.1.: Kann es nicht lassen,
mit einer Absage anzugeben. (Eleganter: Wahrscheinlich sind wir alle gefragt
worden, an dem bewußten Projekt teilzunehmen.) Ansonsten gefällt
mir des Autors Tonfall hier mal. Das Journalhafte, Fragmentarische als
besonders gut ins Internet passend. Illusion des Gegenwärtigen. Sozusagen
Pop (den Krausser ja aus vollem Halse verabscheut).
Herbst am 6.1.: Pop betitelt, aber warum
eigentlich? Hettche hat offensichtlich einen ersten Text von ihm abgelehnt.
NULL sei kein Müllabladeplatz. Kann ich von Hettches (Herausgeber-)
Seite aus verstehen, aber bedeutet das Internet nicht ganz besonders gerade
das? Wir schreiben also im Netz, bilden dessen sprichwörtliche Ambivalenz
hingegen nicht selber ab. Ist das korrekt? Marianne Fritz zu loben, finde
ich klasse von Herbst. Marianne Fritz möglichst immer und überall
loben (und damit auch ihren abenteuerlustigen Verleger), auf jeden Fall.
(Da scheidet dann Independent-Gegner Altenburg
aber sofort aus.) Herbst bereitet die NULL Leserschaft darauf vor, demnächst
in einem Porno-Chat als Klärchen auftauchen zu wollen.
Hettche am 1.2.: Wir alle sind längst
auf der Reise. Im dunklen Licht des Bildschirms. Abgekoppelt von der eigenen
Herkunft, vom eigenen Körper. Gesichtslose Stimmen im Netz. Maskenspiel
der Chatter. Neuland. Unentdeckter Raum. Erst Pynchon zitieren, dann Adorno und
Horkheimer, schließlich Gorch Fock: Navigare necesse est, vivere
non necesse. Bewaffnete Blicke ins Internet. Der zu erobernde Raum. Ankunft,
Windschatten, Nachtlager. Abendmahl. Wie lustig meint Hettche, den ich
ja als auf sympathische Weise lustigen Menschen kennengelernt habe, alles
dieses? Werden seine eloquenten monatlichen Grußworte dereinst den
von Dumont (kontraproduktiverweise) anvisierten, papierenen Reader durchziehen?
(Macht hier einer einfach seinen Job? Das Gegenteil von Müll abladen?)
Scholl am 4.2.: Half serious, half
wired die große Feministin Donna J. Haraway skizzierend, was mich
sofort anspricht (Haraway als eine der zentralen Inspirationen zu meinem
Roman Tomboy). Deren Buch Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse
wie Free Jazz gelesen. (Toll finden, ohne gleich alles zu verstehen.)
Bist du Borg? Bin ich Borgward? Schon wieder ein Balkon, andauernd Haraways
Balkon. An einem kalifornischen Holzhaus. (Vielleicht saßen sie
und ihr Interviewer ja auf einer Porch.) Zu den Wired-Typen: Auch Donna
Haraways durchaus als ironisch lesbare Science-Fiction scheint mir nicht
immer ganz frei von technologischer Euphorie zu sein. (Wie steht sie eigentlich
zu real existierenden Gen-Manipulationen?) Borgward fragt: Ist eine Person
im Rollstuhl ein Cyborg?
Spinnen am 18.2.: News-Bummel, mit
Einstieg Zagreb. Einen Monat später wird Spinnen (was hier nicht
direkt hingehört), von einem Journalisten auf deutsche Bomber über
Belgrad angesprochen, antworten, als Autor sei man wesentlich dafür
verantwortlich, daß richtig gesprochen werde, nicht daß das
Richtige gesprochen werde. Finde ich zum Beispiel überhaupt nicht.
Würde ich selbst Spinnen absprechen wollen. (In Kriegszeiten allemal.)
Trotzdem ein mir angenehmer Text, der ein surfmäßiges Tempo
aufzeigt.
Monioudis am 18.2.: Inkubation. Untertitel:
Für Rainald Goetz. (Goetz als mein Internet-Favorit. Ohne sein grandioses
Abfall für alle hätte ich wahrscheinlich gar keinen Enthusiasmus
für die literarischen Möglichkeiten dieses Mediums aufgebracht.)
Bleibe kurz hängen an Deleuze, Matthieu Carri�re, Elisabeth Ruge,
Marcel Hartges, Kittler, Miss Kittin, Borges, Marquez, Sven Väth,
Norbert Niemann, Langston Hughes, Westbam.
Hettche am 1.3.: Plötzlich ganz nüchtern,
ja pragmatisch ans Glas geklopft. Ansprache an alle. NULL einfach nur
als Ort für gute Texte im Netz. (Vorangestellt: Tut uns leid.)
Krausser am 1.3.: Offensichtlich alkoholisiert.
Nimmt (kritisch delirierend?) Bezug auf diverse NULL-Texte.
Herbst am 1.3.: Gibt vor, (wie Politycki)
nach Netz-Schauspielerinnen für seine virtuellen Girls zu suchen.
(Siehe auch: Netzstrumpfhose.) Aber vielleicht steht Herbst auch nur mächtig
unter Dampf und will so richtig was losmachen im Internet. Wäre ja
okay. Seitenlanger Chat (als Klärchen) mit einem geilen Porsche-Fahrer
aus der Schweiz.
Herbst am 5.3.: Versucht Krausser in
sein funky Netz zu verstricken. Beklagt sich über die Langsamkeit
von NULL (ich hatte ja anfangs auch gedacht, es ließe sich hier
gleichsam in einem Dauer-Chat rasant miteinander herumkommunizieren).
Auf einer weiteren Seite selben Datums eine gut durchgeknallte Note an
Spinnen.
Herbst am 15.3.: Macht den Journalisten
Holm Friebe an. Und verschwindet im Folgenden, per Dissens mit der Redaktion,
inklusive seiner bisherigen Beiträge aus NULL. Ich hätte Herbsts
Internet-Intrigen sicherlich mit Interesse weiter verfolgt. Hier bahnte
sich womöglich was (sozusagen) Spezifisches an.
Hettche am 5.4.: Meldet sich mit Impressionen
aus Krakau. (So steht es nicht im Baedeker.) Plötzlich der nackte
Frauenknie in einer katholischen Kirche ablösende (nennen wir es
mal: das Entsetzliche literarisierende) Satz: Zum ersten Mal erfahre ich
von einem Krieg aus dem Internet. Gefolgt von: Es will mir einfach nicht
gelingen, die Verkehrszeichen hier anders als ihre eigenen Abbildungen
in Kinderbüchern anzusehen. Wie bitte? (Aber ich hatte mich ja in
NULL auch noch nicht zum neuen deutschen, durch absolut nichts legitimierten
und durch nichts legitimierbaren Angriffskrieg, dem immerhin dritten in
diesem Jahrhundert, auf Serbien geäußert. Woher diese Lähmung?
Weil mit dem Wegfall der alten politischen Blöcke auch die unmittelbare
militärische Bedrohung meines Lebensraums verschwunden schien? Weil
diejenigen jetzt unsere Regierung bilden, denen wir vor zehn Jahren noch
parlamentarisches Protestpotential gegen die Politik (eigentlich in allen
Bereichen eher das Ende der Politik und die zynische Wiederherstellung
der von 1789 bis 1989 unterbrochenen alten Herrschaftsstrukturen), die
sie heute betreiben, zutrauten? Habe ich zuviel Judith Butler gelesen,
deren dekonstruktivistische Theorie mir absolut praktikable, wenngleich
komplizierte Ansätze zur seit zehn Jahren in der neuen Linken proklamierten
Repolitisierung bot, um noch zu wissen, wie sich politische Dissidenz
in dringlichen Fällen auch einfacher demonstrieren läßt?)
Bringt mir den Kopf von Joschka Fischer.
Krausser am 5.4.: Direkt an Leupold,
die sich über seine elektronische Kußofferte beschwert hatte.
Nimmt weiterhin auf eine Meldung Bezug, nach welcher der preußische
Protestant Ernst Jünger in seinen letzten Jahren zum römisch-katholischen
Glauben übergetreten ist. Findet Krausser überhaupt nicht überraschend.
Ich, römisch-katholischer Autodidakt, in den frühen Achtzigern
viel Jünger gelesen habend, ihm zum Neunzigsten sogar telegrafiert
habend (zum Hundertsten nicht mehr), zunächst schon. Andererseits:
Huysmans, Jünger, (...) Warhol, Ciccone (macht durchaus Sinn). Nichtsdestotrotz
ist hier wieder dieser eitle, antiquierte Großkünstler-Duktus
im Spiel, der Kraussers ersten Internet-Beiträgen für NULL auf
angenehme Weise abging. Was er am 5.4. ins Netz stellen ließ, könnte
so direkt in seinen öffentlichen Tagebüchern stehen. Etwa: Grüßchen
an Döring (heute Dumont, einst Lektor bei Suhrkamp), der das (eine
zuvor sich selbst zitiert habende geniale Eingebung des Autors) damals
(1984) für banal hielt (Gedankenstrich, der mir nicht über die
Finger geht) und mir (Krausser) ein kümmerliches Suhrkamp-Dasein
ersparte. (Originalton Krausser.)
Richle am 5.4.: Gesang aus dem nächtlichen
Big Apple, eine afroamerikanische Rapperin mit auffallend fragwürdigen
Zuschreibungen belegend. (Offensichtlich eines der schwierigsten Unternehmungen
überhaupt: Einen literarischen Text über New York zu verfassen.
Ohne Yellow Cabs scheint gar nix zu gehen.) Richles Text steht hier stellvertretend
für viele ordentliche, literarisch lineare Erzählungen in NULL.
Sind die alle extra für NULL so verfaßt worden? Könnten
die auch in nichtelektronischen Literaturzeitschriften stehen? (Abladen
von Nicht-Müll?)
Spinnen am 5.4.: Ist per Webcam in
der Wohnung einer jungen Frau gelandet und schildert diesen etwas pikanten
Umstand auf vergnügliche, leichtfüßige Weise. Zum Schluß
tritt noch kurz Duchamp auf, um von Tina, dem Webgirl, (mit Spinnens Worten)
abserviert zu werden.
Von Düffel am 12.4.: Über
die Zweitausendfähigkeit von Computern und Menschen räsonierend,
das ganze munter weiterspinnend, sich schließlich auf das Jahr 1900
freuend.
Altenburg am 19.4.: Sehr amüsantes
Stück ohne Punkt (doch: einem am Schluß) und Komma über
das NULL-Projekt und seine Beteiligten im fröhlichen Achtziger-Jahre-Verleumdungs-Stil.
(Dabei eigentlich ungerecht: Wo der Billermaxim fällt, dürfte
auch der Altenburgmatthias zumindest ins Wanken geraten.)
Kuckart am 19.4.: Kleine Anekdote über
die Wege der Literatur im Internet. (Wirkt womöglich kulturpessimistischer
als von der Autorin beabsichtigt.)
Leupold am 19.4.: Sarkastischer Nebensatz zum immer heftiger gegen Serbien
geführten Krieg.
Oleschinski am 19.4.: Meldet sich leidenschaftlich
zum Thema Krieg. Keiner Seite zugeschlagen werden wollen, keiner Fahne,
keiner Ethnie, keiner Partei. Dann ins Literarische schweifend, kurz den
realen Hettche streifend, und abermals: Literatur total. Plötzlich
eine Reflektion der Möglichkeiten von NULL, wiederum ganz meiner
Meinung: So daß ich vermutlich von Anfang an weniger an Literatur
und Texte dachte, sondern automatisch an Briefe.
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