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Jetzt mache ich mir aber doch Gedanken, wer hier zweitausendfähig
ist. Allenthalben wird im Hinblick auf den Jahreswechsel mit der Doppelnull
die Frage nach der Zweitausendfähigkeit gestellt. Anfangs hat mich
das geärgert. Aber das lag wohl daran, daß ich es wie immer
im Leben viel zu persönlich genommen habe. Ich fühlte mich irgendwie
angesprochen, als es auf einmal ganz unverblümt hieß: "Sind
Sie zweitausendfähig?" Es war zu später Stunde, beim letzten
Streifzug durch die Wiederholungssendungen im Nullquotenbereich, also
nicht gerade zu einer Tageszeit, da man mit einer Morgenstund-hat-Gold-im-Mund-Gestimmtheit
in die Zukunft sieht. Und es dauerte eine Zeitlang, bis mir klar wurde,
daß mit "Sie" nicht ich gemeint war, sondern pars
pro toto mein Computer.
Ob mein Computer zweitausendfähig ist. Im Grunde könnte mir
das wurscht sein. Ist es aber nicht. Vielleicht liegt es an der Art der
Fragestellung: Sind Sie zweitausendfähig? Man könnte schwerlich
darauf antworten, ich schon, aber mein Computer nicht, bedaure. Oder auch:
mein Computer schon, aber ich persönlich, leider nein. Haarspaltereien
sind in diesem Fall nicht vorgesehen. Jeder Mensch ist so zweitausendfähig
wie sein PC.
Bitte, beschwöre ich also das Gerät und damit auch zu einem
guten Teil mich selbst, bittebitte, sei zweitausendfähig. Ich würde
mich schämen, wenn nicht. Ich würde vor Scham die Wohnung nicht
mehr verlassen. Und es würde mir rein gar nichts nützen, da
heutzutage alles mit allem verbunden und vernetzt ist. Ich würde
schamrot vor meinem zweitausendunfähigen Computer hocken bleiben
wie für alle Zeit, und er würde nicht aufhören, ein schlechtes
Licht auf mich zu werfen. Ein hundsmiserables Licht. An mich adressierte
E-Mails kommen zum Absender mit dem Vermerk zurück: Empfänger
zweitausendunfähig. Adressendealer aus der Web-Welt indizieren meine
Codenamen mit häßlichen kleinen Zusätzen. In weniger als
24 Stunden mutiere ich zur web-weiten Unperson. Also, bitte, liebes Gerät,
mach mir keine Schande, tu mir das nicht an!
Vielleicht sollten Sie jemand fragen, der sich damit auskennt, denke ich
und maile am nächsten Morgen einen Bekannten an, einen Computerfachmann,
der mir erklärt, das Problem sei die zweistellige Jahreszahl. Ich
versuche, aus seinem Fachchinesisch das Wesentliche für meine bescheidenen
Zwecke herauszufiltern, und verstehe ungefähr soviel, daß sich
die Programmierer seinerzeit, um Platz zu sparen, bei den Jahresangaben
meist auf zwei Ziffern beschränkt haben. Ein menschlicher Zug von
den Programmieren, finde ich, die doch sonst immer an alles denken. Aber
in diesem besonderen Fall haben sie am falschen Ende gespart. Womöglich
weiß mein PC gar nicht, daß ein Millenium bevorsteht. Statt
1999 registriert er lediglich die Doppelneun, und während am Silvesterabend
allseits das Neue Jahrtausend herbeigezählt wird, springt er seelenruhig
auf 1900 um. Ich würde vor Scham in den Boden sinken. Womit schon
mal klar ist, wo ich die Jahrtausendwende verbringen werde. Vor dem Computer.
Den bangen Blick auf die Datumsanzeige gerichtet.
Andererseits, was wäre daran eigentlich so schlimm einmal
abgesehen von den sozialen Komplikationen, die sich einstellen, wenn man
plötzlich um einhundert Jahre zurückgeworfen wird. Mein Computerfachmann
hat für diese Nachfrage wenig Verständnis. Ich würde praktisch
keine Datei mehr wiederfinden, weil es die Dateien, die ich suche, um
1900 noch gar nicht gab. Alles, was ich in den letzten Jahren geschrieben
habe, wäre aus Computersicht ferne Zukunft. Ich müßte
praktisch ganz von vorne anfangen.
Das Jahr Null, denke ich und fange nun wirklich an, mich für diese
Vorstellung zu begeistern. Denn mal ehrlich: Haben wir nicht alle miteinander
eine Heidenangst, daß wir am Neujahrsmorgen 2000 aufwachen und alles
läuft so weiter wie bisher? Dieselben öden Daten auf der Festplatte,
abgetakelte Computerspiele und nie e-gemailte Liebesbriefe, der ganze
Ballast der letzten tausend Jahre, alles schleppen wir weiter mit uns
herum, und die Jahrtausendwende ändert schlichtweg nichts daran.
Leute, ehrlich bleiben! Schon am vierten Januar 2000 sind unsere Vorsätze
vergessen, die Nullen-Euphorie verrauscht und auch der Kater auskuriert,
der uns noch immer irgendwie mit diesem digitalen Großereignis vernabelt
hat. Wir werden weiterwurschteln wie bisher. Es gibt nur eine Möglichkeit,
dieser Weiter-und-immer-so-weiter-Kalamität ultimativ zu entgehen.
Ich sage nur, 1900. Wer wirklich eine zweite Chance will, der sollte dafür
sorgen, daß er noch einmal in die Vergangenheit zurückkehrt,
in eine Zeit, bevor es ihn überhaupt gegeben hat. Prosit, zwanzigstes
Jahrhundert! Game over! Try again!
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