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Tina ist 25 Jahre alt. Sie ist geboren in Düsseldorf, dort lebt
sie auch; gut möglich, daß ihre Eltern vermögende Leute
sind. Tina ist ausgebildete Versicherungskauffrau und angestellt bei einem
renommierten Versicherungsmakler, so heißt es in ihrem Steckbrief,
den sie mit der Hand auf ein rotes Buntstiftherz geschrieben hat.
Tina hat zwei Videokameras in ihrer Wohnung installiert. Deren Bilder
erscheinen, aufgefrischt alle paar Minuten, im Internet. Infolgedessen
kann man Tina dabei zusehen, wie sie lebt. Der Zugang ist frei.
Im Moment ist Tina nicht da. Aber das macht nichts. Im Archiv ist
nachzusehen, wie sie die letzten Monate gelebt hat. Tina hat gekocht,
gegessen und sich umgezogen. Es sind Freunde zu Besuch gekommen. Sie hat
auch einmal in schwarzer Wäsche gebügelt.
Natürlich hat Tina eine E-Mail-Adresse. Sie bekommt viel Post; und
der jeweils Tausendste, der ihr schreibt, bekommt ein Tina-T-Shirt.
Außerdem gibt Tina Rätsel auf; das letzte muß schwierig
gewesen zu sein, denn Tina sagt, es seien kaum richtige Lösungen
eingegangen.
Unter Aktuelles sind die Termine angegeben, an denen man Tina im
Radio oder im Fernsehen wiedertreffen kann. Sie ist von westdeutschen
Rundfunksendern eingeladen worden, von RTL und von VOX in Spiegel-TV.
In ihrem Tagebuch schreibt sie, wie es dort war. Mal so und mal
so.
Ansonsten macht Tina im Grunde nichts. Tina lebt nur und läßt,
in einem gewissen Maße, die Welt dabei zusehen. Der Zugang zu ihrer
Website ist, ich sagte es schon, kostenlos, allerdings erscheint hier
und da Werbung, es gibt dafür einen speziellen Kontakt, und am 1.
April soll ein Tina-Shop geöffnet werden. Im Februar 1999 wurde die
Website 190.000 Mal aufgerufen.
Tina gelingt im Großen und Ganzen, ob sie es weiß oder will
oder nicht, was Duchamps mit einem armseligen Flaschentrockner versuchte.
In Tina werden das unauffällig Alltägliche und das Sensationelle
im Handstreich identisch. In Tina geht zusammen, was wir uns, aus purer
Not, als getrennt zu denken befahlen: das Bedeutende und das Unbedeutende,
die Gier und der Überdruß, der Lebenswille und die Todessehnsucht.
Am Ende des Jahrhunderts hat sich die Moderne erfüllt. Die readymades
sind lebendig geworden und die Lebendigen sind beinahe ohne alles Zutun
Kunst. Es ist nur noch ein kleiner Schritt bis zur Unsterblichkeit. Ein
Klick. Und das macht, daß man jederzeit, wo immer man gerade steckt,
aufstehen und nach Hause gehen möchte: zu Tina.
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