

|
|
|
Hettche
rief an - will lockere Beiträge für ein Internet-Projekt zum Thema
Jahrtausendwende.
Na schön. Abfall für alle - und keinen.
"Das Jahr 2000 will ich noch erleben" - den Satz hab ich oft gehört,
zum ersten Mal aus dem Mund meines Vaters - das war zur Olympiade '72. Wahrscheinlich
wird in den nächsten zwei Jahren nur noch grob fahrlässig gestorben,
aber danach - am 2. Januar 2000 - hebt ein Krepieren an, daß die Schlote
rauchen.
Die Kraft der Null am Ende einer Zahlenreihe. Ein Atemholen, eine Pause.
Raststätte.
Sollbruchstelle.
Asma Semler rief an - will 52 Autoren für einen großen Fortsetzungsroman
in der ZEIT zusammenbringen, das letzte Kapitel käme in der ersten
Woche des neuen Jahrtausends.
Ich soll den Reigen eröffnen. Nein danke. Zeitverschwendung.
"Da haben aber etliche zugesagt, die sind mindestens so berühmt
wie du."
"Na also - dann brauchst du mich gar nicht."
Der ganze Millenniumszinnober beginnt mich anzuöden. Eine beliebige
Zahl zwingt noch laufende Projekte zu Zäsuren, laufende Verfahren zu
überhasteten Abschlüssen, quasi zu außergerichtlichen Einigungen.
Hat etwas sehr Bürokratisches. Mehr Abrechnung als Fest.
In der Summe ein Klasse-Jahrhundert. Mordswaslos. Laut Neumeister seien
die letzten Jahrzehnte nur durch den Pop erträglich gewesen.
Sie waren mehr als erträglich - trotz des Pop.
Helmut Krausser, Rom/München, November/Dezember 98
|
|