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"Man könnte. Aber man kann nicht."
Martin Walser, 'Meßmers Gedanken'
Drei Tage ist es nun her, seit er ihn in der Volksbühne sah; er hatte
sich verspätet, zu lange telefoniert mit einer ... überaus herzlichen
Unbekannten, die ihm für seine immerhin dem Ende zugehende Wohnungssuche
in Prenzlauer Berg ein paar Adressen nannte und von der er über Burkhardt
wußte, mit dem er sich zu diesem Deleuze-Techno-Anlaß verabredet
hatte, ohne zu wissen, worum es sich handelte und deshalb zunächst
dem aufblickenden Matthieu Carriere im Flur begegnete und dann einer scheuen,
bloß herumstehenden brünetten jungen Frau mit hochgestecktem
Haar, Bildhauerin mit englischen Eltern, die sich von ihm selbst, erkältet,
müde, neugierig, ansprechen ließ, als hätte sie auf solches
gewartet, und später völlig unerwarteter Weise und mit Freude
seiner Lektorin Elisabeth Ruge vom Berlin Verlag und auch dem Lektor Marcel
Hartges vom Rowohlt-Verlag; da standen sie im Roten Salon, und Hartges,
sie waren eben erst angekommen, fragte, worum es hier ging: und er selbst
antwortete - die Worte Burkhardts im Ohr, der, bei Kittler an der HU über
Opfertheorien promovierend, mit Hegel im stw in der Manteltasche in asiatische
Spielfilme geht, in die Kalkscheune, in den Tresor usw.: "Der Berliner
Techno ist hart zur Zeit, schneller dröhnender Bass, fast industrial
zu nennen und darüber dieses spitze Scheppern, Zischen" -, Deleuze
habe vom künstlichen Körper gesprochen ... den man sich mit
Hilfe ... von fremden Schauplätzen ... aneigne; er selbst trat aus
dem Roten Salon, und wen sah er plötzlich vor sich, drei Tage ist
es nun her: Rainald Goetz.
"Ah, Perikles", sagte Goetz, "ja". Er selbst hatte
Goetz eine E-Mail mit dem Inhalt geschickt, daß ein Teil des Stuttgarter
Schlosses Solitude, wo er gerade noch wohnte, zur Goetz-Zone erklärt
wurde von ihm und von Manuel Karasek, Mitstipendiat und Techno-Maniak,
Raver vor dem Herrn, der einzige, mit dem er ins "Prag" gehen
konnte, wo sie auch schon mit ... DJane Miss Kittin abfeierten;
"Maid mit langen schwarzen Zöpfen", sagte Karasek, und
dann:
"BAM BAM BAM", und dann:
"Zwing' das wahre Geschick - Grönemeyer."
"Afterparty im Stomp", sagte er Karasek, und Karasek nickte,
wobei sich ihm die langen schwarzen Haarsträhnen ... radiär
... wieder und wieder um den Kopf legten.
"Meine Rache", sagte er Goetz, "auf deiner Abfall-für-alle-Site
konnte man dir nicht antworten."
"Hettche machte den NULL-Versand mit allen E-Mail-Adressen."
"Das geht nicht, das ist klar."
"So wurde meine Adresse ..."
"Ja, ist unlauter, dir zu schreiben so ... aber wie gesagt, meine
Rache."
"Bei Abfall-für-alle geht's ja eben ums Ich, um den Einzelnen,
das ist nicht ein Diskussionsforum, sondern die Welt durch einen Einzelnen
..."
"Richtig, klar, ja ja ... deshalb auch 'Rache'."
Sie verabschiedeten einander mit Schulterklopfen, Lachen und einer Art
Victory-Zeichen; so hatte er selbst sich die Begegnung mit Goetz vorgestellt,
er war froh, daß Goetz kein Arschloch ist, im Gegenteil, Goetz zückte
sein Notizbuch und streckte es ihm, offen, hin: auf der letzten Seite,
oben, stand "Perikles Monioudis, Deutschlandflug"; sie lachten,
und er selbst sagte Goetz:
"Ich hasse französische Philosophen", und Goetz lachte
auf, es stimmte wirklich, er selbst haßte französische Philosophen
und die französische Mode, er selbst trug nur britische, italienische
und, mit Vorliebe, deutsche Stoffe, und er schrieb Karasek, mit dem er
oft aus "Mix, Cuts & Scratches" rezitierte und deklamierte,
eine Karte nach ... Fulda: "Es gibt IHN wirklich, ich habe IHN gesehen."
Und er selbst dachte: ich hasse den französischen Fußball,
und ich liebe den deutschen, und ich liebe vor allem deutsche Frauen;
Karasek mag junge Mädchen mit nassen Rücken zwischen Spaghettiträgern,
gepiercte Zungen ... Auf Karaseks Schreibtisch liegen die Titel Borges',
Marquez', Goetzens; und auf seinem:
"Inkubation",
"Das Gespräch der drei Gehenden",
"Das Register",
"Cohn & König",
"Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt",
"Verstörung",
"Die Kunst der Gesellschaft",
"Irre" (Anfangssatz: Ich erkannte nichts wieder; Schlußsatz:
Ist endlich alles eines, meine Arbeit?),
"Rave" (... - und kam mir in Zeitlupe entgegen; Nein, wir hören
nicht auf, so zu leben),
"Celebration" (Es war Ende Juli, und Sven Väth sollte in
Tokio spielen; Dadurch entsteht gute Laune).
Goetz ließ ihn an Norbert Niemann denken, schnelles Bairisch, getaktet,
aber vielleicht hatte er bloß zuwenig Lesungen in Bayern, als daß
er nicht in jedem Bayer gleich den Bayer sah (Moment mal, auch Burkhardt
ist Bayer). Er blickte auf seine Schreibmaschine, daneben alles Bücher
aus dem Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main. Ist endlich alles eines,
meine Arbeit?, dachte er. Und: BAM BAM BAM, vorsprachlich, außerhalb
der Reichweite von Sprache, BAM BAM BAM; Goetz würde niemals BAM
BAM BAM ausdeutschen wollen wie andere, Unerfahrene; ein Dichter weiß,
daß nicht alles geht, dachte er ... galvanisch: Hendrik Rost, Dichter,
"Chatham I-III", und vierfacher und amtierender Deutscher Meister
im Bodyboard-Wellenreiten, WM-Teilnehmer kürzlich in Portugal, direkt
von der Solitude Stuttgart ans Meer und zurück und dann im März
zum Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, und dann an die Nordsee aufs Brett;
eine Journalistin: Schreiben Sie auch Gedichte übers Wellenreiten?,
Rost: Das geht nicht, wissen Sie, Sie: Oh, wirklich? Ist endlich alles
eines, meine Arbeit?
Er selbst: Die Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung, seine Berichte
wurden in der Sitzung diskutiert, dabei hatte er sich strikt an den "Sprachindex
der Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung" gehalten, Spezialitäten
hat er ja nicht nötig, dennoch, "Was schreibt der da eigentlich?",
er saß auf den Pressetribünen der Fußballstadien und
verfolgte Spiele, redete dann in den Umkleideräumen mit halbnackten
Profis, gefaßten Trainern, fand Worte für das Spiel und die
Spieler, "Das ist zu hoch!", Grönemeyer: "Den Schneid
geschenkt" - zu hoch!, "gegebenenfalls beträchtliche Genugtuung"
- zu hoch!, dann schrieb er halt wieder einmal übers Boxen, der Schulz-Kampf
damals, für den "Tagesspiegel", er schaute in der Ausgabe
nach, im Sportteil - nicht zu finden, seltsam, ach, hier ist der Text
ja, im Feuilleton!; er wartet noch immer darauf, daß die "Zeit"
eine Sportberichterstattung im deutschsprachigen Raum einführt, die
sich absetzt ... aber im Moment schreibt er ohnehin über die Antike.
Die Party geht weiter; läßt sich das Vorsprachliche mit Sprache
toppen? Wellenreiten, Fußball, Boxen, Raven ... was ist mit der
allseitigen Verbindung dessen. ber die Liebe läßt sich
schreiben (worüber sonst?), über Sex ... kaum, nicht? ...
Goetz umkreist die Umkreisung, und die Linien überlagern sich zu
dreidimensional wirkenden Bildern. "Dance, whirl, whirl, till the
... day is done", schrieb Langston Hughes vor Jahrzehnten; und würde
Goetz fragen, wer ihn begleiten wollte mit dem Notizbuch, wie auch er
begleitete mit dem Notizbuch Sven Väth nach Tokio und Westbam ("BAM
BAM BAM") nach San Francisco, würde er aufstehen, die Hand heben
und sagen:
"Ich, ich!"
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