Herbstzeitl ist eine besonders
hübsche Ose, wenn auch stark vergiftet von Natur aus und unterm
Beschuß der Frühlingsästheten zur Blässe neigend.
Vor allem aber: Herbstzeitl ist wild! Kümmert sich einen Dreck
um Zucht und Dressur, erwandert auf lila Stümpfchen die Niederungen
feuchter südlicher Wiesen, wiewohl sie auch im Norden nicht immer
fehlt. Ihr lateinischer Name, Colchicum autumnale, verweist gar auf
Kolchis: Medea, die kolchisches Kraut, kolchische Rüben zu zaubrischen
Mixturen verrührte. (Oder?) So schnell geht´s vom herbstlichen
Wiesenkraut zur Antike hinunter.
Herbstzeitl trägt weitere wundervolle Namen: Spinnblume, Strockenbrod,
Nackende Jungfer, Ägidibleamel, Wiesensafran, Lichtblume, Giftkrokus,
Hundshode, Spinn- und Michelsblume. So nennen sie die Bewohner jener
Regionen, in denen sie hierzulande wächst, während Franzosen
Colchique d´automne, Tue-chien, Safran des prés oder Veilleuse
ausrufen, erblicken sie die Ose persönlich. Die Italiener begnügen
sich mit einem fröhlicen Colchico d´autumno, und die Engländer
murmeln Meadow saffron, Mysteria, Naked lady, Wonder bulb, Autumn oder
Fall crocus, meinen sie das herbstzeitlose Gewächs. Mehr als zwanzig
Alkaloide mischen das Gift meines Lieblings, wobei vor allem dem Colchicin
die verheerende Wirkung zuzuschreiben ist, die eintritt, gerät
Herbstzeitl ins Essen: Zunächst reizt es den Gastrointestinaltrakt
auf´s Teuflischste, um nach der Resorption die Microtubuli zu
depolymerisieren. Zellen mit hoher Teilungsrate sind dabei am stärksten
betroffen (Darmepithel, Knochenmark), ebenso Zellen mit einer hohen
Metabolisierungsrate. Die Blutkapillaren werden schwer geschädigt,
und nach der Passion der Blut-Hirn-Schranke wirkt Colchicin zunächst
erregend, dann lähmend. Der erwachsene Mensch vergeht an fünf
Gramm von Herbstzeitls Samen, ein Kind schon an weniger als der Hälfte.
Nach einer Latenzzeit von zwei bis achtundvierzig Stunden ist mit folgenden
Symptomen zu rechnen: Koliken, Salivation, Apathie, schwankender Gang,
Zähneknirschen, Erbrechen, gelblich-brauner, grünlich-schleimiger
oder blutiger Durchfall, Polyurie, Hämaturie, Kreislaufstörungen
bis zum Kollaps, Anurie, Hypothermie, Paralyse. Nach einigen wenigen
Tagen kann der Tod eintreten (Letalität: 25-50%). Und das alles
wird Medea gewußt haben!, während ich es mir mühsam
zusammensuchen mußte ... Wenn ich als Kind mit meinem Vater über
die feuchten Wiesen des Thüringer Beckens radelte und wir lauthals
sangen oder kleinlaut die löchrigen Schläuche des Fahrzeugs
flickten, war Herbstzeitl etwa ab Anfang August zugegen und verzog sich
erst zum November. Einmal hatte ich eine tote Kuh gefunden in einer
Grube, der Geruch hatte mich angezogen und neugierig gemacht, denn in
bißchen hoffte ich, folgte ich ihm, auf Hexeneier zu stoßen,
die wir so gern aßen. Hexeneier hießen die noch jungen Stinkmorcheln,
deren Beschaffenheit mich aber immer eher an Ochsenaugen denken ließ
als an Eier gefährlicher Frauen. Wer weiß, wer das Stück
Vieh auf dem Kerbholz hatte: Das Alter, ein Rindermörder, die LPG?
Mir gruselte so wohlig. Heute denke ich, es könnte auch Herbstzeitl
gewesen sein. Herr Dr. Martin Elsäßer von der Staatlichen
Lehr- und Versuchsanstalt Aulendorf empfiehlt folgerichtig, einen Angriff
auf Herbstzeitl zu starten, sobald ein Quadratmeter Weide mehr als zwei
Pflanzen aufweist. Auf lockeren Böden sollte eine Wiesenwalze zum
Einsatz kommen, um die Zwiebeln zu beschädigen und den Boden zu
verdichten, damit keine Keimung aus dem Samenvorrat vonstatten gehen
kann. Besonders Schäfchen sollten über den Acker gescheucht
werden. Schäfchen nämlich schädigen Herbstzeitl durch
Tritt und Verbiß. Sagt Dr. Elsäßer. Aber ob es nach
dem Verbiß den Tieren noch gutgeht? Regelmäßiger Schnitt
im Frühjahr, wenn die Samenkapseln weit genug aus der Erde schauen,
kann nach drei Jahren zu einer deutlichen Verminderung des delinquenten
Gewächses führen. "Noch günstiger als jährlicher
Frühschnitt, ist zweimaliger Frühschnitt in einem Jahr."
Aha. Aber: "Möglich ist auch Schnitt der Blüten im Herbst
gegen Samenbildung." Außerdem könne man die Pflanzen
ausziehen und abtransportieren bei voller Blattentwicklung und bei fühlbarem
Erscheinen der Kapseln. Wenn man danach jedesmal die Flächen mit
Flüssigmist oder Jauche befahre, sagt Dr. Elsäßer, komme
es zum Ausfaulen der Zwiebeln. Naja. Was aber nicht hilft, und das hatte
ich eben irgendwie geahnt: Die chemische Keule.
Das hat Medea gedreht, die Colchicin als Gift der Liebe verehrte.