Die schöne Ose Endl erinnert an einen Dichter.
In endlos zu nennenden Texten schwadroniert der Kerl durch die Zeiten.
Seit ich ihn erstmals wahrnahm, klebt etwas wie Verehrung in meinem
Blick, der sich, ich gebe es zu, dadurch gelegentlich trübt. Das
gefällt mir. Ich lasse mich gern überreden. Endlos geraten
seineTexte vor allem dadurch, daß sie keinen Anfang haben. Vor-
und Nachhut seiner in die Kämpfe geschickten Worttruppen muß
man sich denken können, dann gibt es ein herrliches Durcheinander.
Ein Beispiel:
Die Säkulär-Sauftour Bubi Blazezaks/
Tagebuchblatt und Prosafragment
I
Tagebuchblatt
"Wanzen" // Immer wieder beim Besuch in fremden Wohnungen
der schon gewohnheitsmäßige forschende Blick zum meist blätternden
Plafond, zu den Buckeln der Tapete, auf die Dielenritzen hinunter -
gibt es irgendwen, der nicht weiß, worauf ich hinauswill? -, das
Stirngerunzel und fragende Augenzwinkern schließlich, das vom
Gastgeber oder "Wohnungsinhaber" wissen möchte: "Mh,
ob es hier irgendwo `Wanzen´ hat ...? - Deutscher Alltag 1981!
- Die Antwort nicht selten (sinngemäß): "Nehm´
ich doch an ... Meine Frau und ich gehen jedenfalls davon aus ... Ach,
sollen sie, sollen sie doch ... Der Lauscher an der Wand ..." -
Doch sogar in der eigenen Fluchthöhle und Nischen-Nische ertappt
man sich trotz aller Gewöhnung ans "vivere pericolosamente"
mit schöner Regelmäßigkeit dabei, daß man den
grüblerisch-verträumten Blick zu den Steckdosen, zu den Lampen
und in die sieben dank einer sagenhaften Zettelwirtschaft (und Zeitungssammelei)
unzugänglich gewordenen Schmoll- und Schmuddelwinkel des Raums
wandern läßt: "Wie kommt es, daß der X. gestern
gewußt hat ...? Das geht nicht mit rechten Dingen zu ... Irgendwo
steckt garantiert ´ne Wanze - im Gummibaum?, hinter den Bücherreihen
vielleicht?, in den alten Jahrgängen der Einheit?"
... -//- ... und manchmal findet man die Dinger, die "Wanzen"
auch, hat sie ergriffen, ehe sie ausgeschlüpft und weggehüpft
sind, und zeigt sie im Bekanntenkreis mit dem Stolz des erfolgreichen
Jägers grienend herum; vor einer Weile ist das ein paar Stunden
vor dem Beginn einer Lesung bei den Poppes in der Rykestraße geschehen,
und es ist beleidigenderweise eine Abhörwanze "der älteren
Bauart" gewesen, wie mir der Kenner und Wanzen-Fan Gerd Poppe erklärt
hat, von scheuer Hand ausgesetzt auf dem kieselbestreuten Dachboden
zu Häupten des erwarteten Dichters - Poppes wohnen selbstverständlich
im fünften Stock -, welcher augenblicklich den Anfang seiner als
Pseudo-Referat präsentierten Erzählung Tod in Crimmitschau
entsprechend korrigiert und erweitert hat; andere "Wanzen"
mögen mitgehört haben, als ich anhub: "Meine Damen und
Herren, liebe Freunde meiner Dichtkunst und meines Altersstils, nicht
zuletzt auch du, unsere gute alte fette Oma Wanze! Ein Stück
Konterpropaganda ist es - na gut, nicht ausschließlich!
-, wenn ich an diesem verschwiegenen, vom Üblichen weggewinkelten
Ort neuerlich feststelle, übrigens nun wirklich zum letzten Mal:
Bubi Blazezak, Zentralfigur der ersten Bände meines Romanwerks,
hat die Gaststätte ODERKAHN, welche vor kurzem den Autor vollkommen
grundlos mit Lokalverbot belegt hat, wenigstens zu seinen Lebzeiten
niemals betreten ..." (Undsoweiter; und zwei bis drei Stunden
lang und wahrlich "politischer", als es der Anfang vermuten
lassen könnte; und geradezu leitmotivisch und akzentuiert immer
mal wieder unserer "Oma Wanze" entgegen gereicht!) Alle in
Poppes kleiner Wohnung zusammengepferchten 100 oder 120 Zuhörer,
darunter der ob meiner clownesken Spaßeslust vermutlich einigermaßen
verblüffte Robert Havemann, sie alle werden bestätigen können:
Es wurde die sagenhafteste "Lesung", die man sich denken kann
- vielleicht nicht zuletzt dank der befeuernden Anwesenheit der einen
oder anderen "Wanze", der man ziemlich sicher sein konnte,
wie auch der ignoranten Haltung ihrem sonst oft lähmenden magischen
(wenn auch unsichtbaren Blick gegenüber. -/- Leider gelingt so
etwas in letzter Vollendung nur ein einziges Mal; jede Wiederholung
muß ohne den Zauber des frech und "umwerfend" Improvisierten
bleiben.
(aus: Adolf Endler: Tarzan am Prenzlauer Berg. Sudelblätter
1981-1983. Leipzig 1994, S. 27-29)
Ach ja, so war´s. Es gibt Tage, da lach´ ich mit Endl
über alte Geschichten. Gerade kamen mir einige lose Blätter
ins Haus: Mein Ausgegaucktes. Neueste Nachrichten aus der Vergangenheit
sozusagen. Wirklich nett urteilten die Informanten damals - 1982 - über
mich: "Die zu Ermittelnde verfügt über keine eigenen
Möbel und sie lebt entgegen anderslautenden Gerüchten ...
in geordneten Verhältnissen. Sie und auch die Freundin wohnen nicht
mit Personen männlichen Geschlechts zusammen und die Kinder machen
auf die Quellen einen gepflegten, intelligenten und sehr gut erzogenen
Eindruck. Die Person hat kein erwähnenswertes Eigentum und ihre
finanziellen Verhältnisse gelten als nicht rosig, aber geordnet.
... Die Person ist sprachbegabt (Russisch, Englisch) und spielt auch
Klavier. Ihre Eltern sind parteilos. ... Bisher vertrat die Sch. wie
bereits erwähnt, jederzeit ihren progressiven Standpunkt, lehnte
aber auch immer aus einer falsch verstandenen Emanzipation heraus die
Ehe ab. In Diskussionen vertrat sie den Standpunkt, nicht verheiratet
sein zu müssen, um einen Mann lieben und ihre Kinder großziehen
zu können. Sie gilt als arbeitsam und fleißig, denn sie fand
neben der Fahrt zur Arbeit, dem Beruf und den Kindern noch die Zeit,
sich mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit zu befassen. Sie
fällt durch ihre Kleidung (lange Kittel, Sandalen, hippieähnlich),
welche sie auch auf Grund ihrer molligen Figur wählt, auf, wobei
unter dummen Bemerkungen ihr Selbstbewußtsein nicht leidet. ...
Ein Hobby besteht in der Form des Schreibens von Gedichten. ..."
Tja, Herr Hauptmann Scheffczyck, welches war denn Ihr Hobby?
Mitten in den Spaß hinein aber kam, auch dieser Tage, ein Anruf:
Ein Spitzel meldete sich, nach nunmehr 18 Jahren und -angeblich? scheinbar?-
aus Gründen, die weder mit der damaligen Schnüffelei, der
Ausübung der Spähpflicht sozusagen, noch mit der Übersendung
der Schnüffelprosa an meine Person zu tun haben. Wat nu? Warum
jetzt? Sollt Endl am Ende nicht nur in den Schnipselsäcken
der Behörde, in den Kellern des BUNDESBEAUFTRAGEN FÜR DIE
UNTERLAGEN DES STAATSSICHERHEITSDIENSTES DER EHEMALIGEN DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN
REPUBLIK ein Auskommen haben, sondern sogar, ein frisches Lied auf den
Lippen, die alten Kumpels auf dem laufenden ...? Nein, nein, soweit
wollen wir doch nicht denken. Manchmal reift einfach die Zeit hinter
Endl heran, der alten Ose, tritt hervor und macht Männchen,
und dann kommen die alten Pappkameraden zum Abschlußrapport, ehe
sie im Orkus verglühn. So will ich denken.
Endl aber geht einfach weiter, nie vorbei.