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Die zwölf Kennzeichen des Vogels. Der Vogel der Gegenwart
ist durch folgende zwölf Merkmale charakterisiert:
1. Die Zweifüssigkeit. Er ist der vollkommenste aller Zweifüssler
(Abb. 201, 6). Der Mensch ist ein Nachkomme
von Klettertieren und balanciert daher in der Ebene nur mühsam dahin.
Er wird nicht mit der Fähigkeit zu gehen geboren, sondern das Menschenkind
braucht Jahre, ehe es die Technik des Gehens beherrscht, und Stehen und
Gehen sind dem Menschen zeitlebens eine seiner Natur eigentlich zuwidere
Last, so dass er zum bequemen Leben nichts so nötig braucht wie Stuhl
und Bett. Damit das Skelett eines Menschen aufrecht bleibt, muss man es
aufhängen. Das junge Huhn dagegen läuft mit der Eischale auf
seinem Rücken davon; es braucht keinen Stuhl zum Ausruhen und kein
Bett zum Schlafen. Ein Kanarienvogel lebt ein Jahrzehnt in seinem Käfig,
ohne sich ein einziges Mal zu setzen, und wenn er es tut, ist es ein Zeichen,
dass er brüten will oder sterben. Die ideale Zweifüssigkeit
des Vogels erklärt sich aus dem zweiten Merkmal:
2. Das ineinandergeschobene Skelett. Man vergleiche auf Abb. 200 das Skelett
1 des Reptils, typisch für alle laufenden Wirbeltiere, und das Skelett
4 des Papageis. Die Wirbel des Rumpfes sind beim Vogel zu einem festen
Stück verwachsen. Das Becken ist eine Schale, in der die Eingeweide
ruhen, und das Brustbein ein Schild, der sie abdeckt. Durch die Zusammendrängung
der Eingeweide im Becken liegt der Schwerpunkt des Vogelkörpers tief,
und hierdurch wird dem schwebenden Vogel wie einem gut beladenen Schiff
seine Stabilität gegeben.
3. Die Abschaffung des Schwanzes. Man kann eine Ochsenschwanzsuppe bestellen,
aber keine Hühnerschwanzsuppe, denn der Vogel hat den langen Wirbelschwanz,
der für den Archäopteryx noch charakteristisch war, auf einen
Stummel reduziert. Dagegen gibt es einen langen Hühnerhals, und dieser
Gegensatz: kurzer Schwanz, langer Hals ist typisch für den Vogel.
Er braucht den langen Hals, damit er seinen Kopf, der durch die Zweibeinigkeit
erhoben wurde, zur Erde bringen kann; daher haben die Vögel umso
längere Hälse, je höher ihre Beine sind.
4. Der Flügel. Der Vogel hat seine Arme
in Flügel verwandelt, und aus den Schuppen sind lange Federn geworden,
eine Umformung, deren Hergang wir uns mit unseren gegenwärtigen Kenntnissen
nicht vorstellen können, die aber unzweifelhaft in der Epoche zwischen
Reptil und Archäopteryx vor sich gegangen ist. Durch den ausschliesslichen
Gebrauch der Arme zum Fliegen haben sich die Finger zurückgebildet,
und der Vogel ist seines Greiforgans verlustig gegangen. Um sich vorzustellen,
wie ein Vogel lebt, lasse man sich die Hände
auf dem Rücken zusammenbinden: Er geht ohne Hände durch das
Leben. Alles, was er tut, muss er mit den Füssen und dem Kopf machen,
und umso bewunderungswürdiger erscheint die Kunst, mit der er seine
Nester baut. Auf ihn kann man den bekannten Satz Lessings anwenden: Raphael
wäre auch dann ein grosser Maler geworden, wenn er ohne Arme geboren
wäre.
5. Luftknochen und Luftsäcke. Um sein Gewicht zu verringern, nimmt
der Vogel aus seinen Knochen soviel Material heraus wie möglich.
Die knöchernen Platten seines Schädels sind dünn wie Pergament.
Ein Pelikan wiegt 25 Pfund, aber alle seine Knochen zusammen wiegen nicht
mehr als eines. Die Hohlräume in den Knochen benutzt der Vogel zum
Einbau von Luftsäcken, die von der Lunge her aufgeblasen werden (12).
Dreimal in der Geschichte der Tierwelt begegnen wir Luftsäcken: bei
Insekten, Fischen und Vögeln, also jenen Tieren, die sich im dreidimensionalen
Raum bewegen. Wird ein Vogel geschossen und läuft dem verwundeten
Tier die Lunge voll Blut, so dass es nicht mehr atmen kann, so erstickt
es noch nicht. Das Leiden des armen Tieres wird dadurch verlängert,
dass es durch die gebrochenen Knochen seiner Flügel zu atmen vermag.
6. Der zahnlose Schnabel. Dem Prinzip, den Körper zu erleichtern,
sind auch die Zähne zum Opfer gefallen. Der Archäopteryx trägt
noch Zähne wie die Reptilien. Aber Zähne brauchen starke Kiefer
als Sockel; daher wurden sie als Ballast über Bord geworfen, und
der Vogel segelt mit einem zahnlosen, von Hornkiefern umrahmten durch
die Luft. Dies ist die gegenwärtige Erklärung nach dem Prinzip
der Nützlichkeit; ob sie richtig ist, kann man bezweifeln. Da der
Vogel den Schnabel zum Hantieren benutzt, nimmt dieser je nach der Lebensart
eine Sonderform an, und eine Sammlung von Schnäbeln ist eine wahre
Musterkollektion von Werkzeugen, von den langen Saugröhren der Kolibris
bis zu den Markttaschen der Pelikane, vom breiten Löffel der Ente
bis zum Nussknacker des Papageis.
7. Der Kropf. Da er keine Zähne hat, kaut der Vogel nicht, sondern
schluckt oder würgt seine Nahrung unzerkaut herunter. Die Zerkleinerung
erfolgt nach dem Schlucken im Magen oder vor diesem in der Speiseröhre,
die zu diesem Zweck erweitert oder verstärkt ist zum Kropf.
8. Der Kaumagen. Da die Nahrung nicht im Mund gekaut wird, muss es im
Magen geschehen. Dieser ist im typischen Fall zweigeteilt. Der eine Teil
ist ein Saft, der andere ein Kraftmagen mit jener dicken Muskelwand, die
wir als Hühnermagen verzehren. In diesem findet die Köchin beim
Öffnen Steine. Diese schluckt das Huhn nicht etwa zufällig herunter,
sondern die Steine im Magen des Huhns sind die Zähne, die dem Schnabel
fehlen. Sie sind ein verschlucktes Gebiss. Hindert man das Huhn an der
Einverleibung der Steine, so stellen sich, wie beim zahnlosen Menschen,
Verdauungsstörungen ein.
9. Abschaffung aller entbehrlichen Doppelorgane. Zur Erleichterung des
Körpers lässt der Vogel von jenen Organen, die er durch die
ZweiseitenSymmetrie doppelt besitzt, jene verkümmern, die er entbehren
kann. Er hat nur eine Niere und das Weibchen nur einen Eierstock. Die
Harnblase, die ein zwar praktischer, aber nicht lebensnotwendiger Behälter
ist, wird abgeschafft, und der Urin in den Mastdarm entleert, dessen Öffnung
man die Kloake nennt. Die Hoden der Männchen sind so winzig, dass
man sie nur in der Brunstzeit findet, wenn sie um das 20 000fache angeschwollen
sind. Auch die äusseren Geschlechtsorgane fehlen. Das Männchen
presst einfach seine Kloake gegen die des Weibchens.
10. Das Legen von Eiern. Um den Körper nicht durch Brut zu beschweren,
hat der Vogel die Sitte der Reptilien, Eier zu legen, beibehalten. Es
gibt Fische, Reptilien und Säuger, die lebende Junge gebären,
aber keinen Vogel, der es tut. jene, die gute Flieger sind, legen wenige
und kleine Eier, während diese bei den Laufvögeln bis zur Grösse
der Strausseneier anwachsen. Die Eier des ausgestorbenen Riesenvogels
Äpyornis, von denen noch ungefähr 25 erhalten sind, wiegen leer
über 5 Pfund und fassen einen Inhalt von 9 Liter, also 150mal mehr
als die
Eier des Huhns. Sie sind hochbezahlte Raritäten, deren Preis über
1000 Franken beträgt. Noch dreimal mehr wird für die Eier des
ausgestorbenen RiesenAlks geboten.
11 . Hohe Temperatur des Blutes und hohe Zahl der Blutzellen. Ein auffallendes
Merkmal des Vogels ist, da er doch von kaltblütigen Reptilien abstammt,
die hohe Temperatur seines Blutes, die Schnelligkeit des Herzschlages
und die hohe Zahl der besonders kleinen Blutzellen. Nach Menschenbegriffen
lebt ein Vogel in stetem Fieber. Es ist dies ein markantes Beispiel dafür,
dass die frühere Auffassung, in der Natur würden die Fortschritte
langsam und stufenweise erzielt, zwar als Regel richtig, aber keineswegs
ein Gesetz ist. Der Gegensatz zwischen Reptil und Vogel in Temperatur,
Schnelle der Reaktionen, Charakter und Lebensstil ist derart unvermittelt
und widerspricht dem doch sonst konservativen Charakter des Reptils derart,
dass man niemals auf den Gedanken kommen könnte, der Vogel sei ein
gefiedertes Reptil, wenn nicht Geschichte und Anatomie es unbestreitbar
lehrten.
12. Die Feder. Das einzige, wahrhafte Charakteristikum, das man wirklich
nur bei Vögeln und unter diesen an jedem Vogel ausnahmslos findet
und das folglich seinen Träger eindeutig als Vogel charakterisiert,
ist die Feder. Fische und Reptilien tragen Schuppen, Säugetiere Haare,
Vögel Federn. Die Schuppe ist die Mutter von Feder und Haar, und
die Feder das bestentwickelte der drei Gebilde, denn während Schuppen
und Haare nur passive Schutzorgane sind, ist die Feder nicht nur die Tragfläche
des Flugzeugs Vogel, sondern auch dessen bewegter Propeller. Man braucht
nur irgend eine Feder in die Hand zu nehmen, um in helles Entzücken
zu geraten über dieses und trotzdem fast unangreifbare Gebilde. Ob
man es als Künstler oder als Techniker betrachtet, man ist immer
wieder erstaunt, mit welch einfachen Mitteln hier der Natur eine ihrer
grössten Schöpfungen gelungen ist. Nimmt man eine Lupe zur Hilfe,
so entdeckt man Finessen und Schönheiten, die das Auge gar nicht
ahnt. An einer wohlentwickelten Feder gehen vom Hauptschaft über
600 Äste ab, von jedem Ast über 600 Strahlen, von jedem Strahl
Dutzende von Wimpern, und jede Wimper wieder trägt über 500
Haken. So sind im Gerüst einer einzelnen Feder mehrere Hundertmillionen
Haken aus Horn verzahnt, und es sind Hunderte solcher Federn, die kunstvoll
zu einem Fächer zusammengestellt den Vogel dahintragen, über
uns, im blauen Raum verloren, / Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
/ Wenn über schroffen Fichtenhöhen / Der Adler ausgebreitet
schwebt, / Und über Flächen, über Seen / Der Kranich nach
der Heimat strebt.(aus: Das Buch der Natur, von Dr. Fritz Kahn, Albert
Müller Verlag AG, Rüschlikon ZH 1952)
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