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Weil Dagmar schon nach zehn Minuten unruhig auf dem alten
Sofa herumrutscht, überlassen wir den Flimmrich-Apparat
sich selbst und begeben uns ins Freie. Was läßt sich nicht
alles anstellen mit einer derart fernsehgefeiten Freundin! Wir schlendern
ums Haus und leisten eine Weile den Bäckerlehrlingen Gesellschaft,
die mit nacktem Oberkörper im Hof stehen und sich waschen. Ein Transistorradio
spielt die Herman Hermits. Bernie tut uns den Gefallen, aus der Haut eines
schlaffen Luftballons einen kleinen Fingerballon zu drehen. Man kann mit
den Zähnen auf ihm herumreiben; dann hört man Musik. Mit der
Lupe könnte man eine winzige Gestalt darin erkennen, die John
von Düffel zum Verwechseln ähnlich sieht. Dagmar
schürzt eine diskrete Augenbraue. Wir gehen zum Kolonialwarenladen
nebenan, setzen uns auf die Stufen und warten auf jemanden, von dem wir
ein Split schnorren können. Daggi erzählt mir, daß sie
nach Amerika ziehen wird, wenn sie groß ist. Und fünf Kinder
will sie haben.
Ich beschließe, ihr Tante Dola vorzustellen. Wir steigen über
den Zaun und Maler Thiede droht programmgemäß mit der Faust,
flucht Unverständliches in sich hinein. Dola ist, wie absehbar, zwischen
Freude über den Besuch und Sorge wegen schmutziger Schuhe hin- und
hergerissen. Sie lotst uns durch die Diele und wischt die Regenwasserpfütze
auf der Bank am Kirschbaum ab. Als wir mit hängenden Beinen dort
plaziert sind, kommt das schwarze Kätzchen zur Begrüßung.
Ich drücke meine Stirn in sein geduldiges Fell und hoffe, Dagmar
zu imponieren. Sie aber greift dem Tier lässig ins Genick und hebt
es zu sich herüber. Es liegt ihr wie eine Stola um den Hals, als
Dola mit zwei Gläsern Saft zurückkehrt. Er ist lauwarm, schmeckt
mürbe und wässrig. Ich beobachte Dagmars Augenbraue; sie bleibt
friedlich. Meine Oberschenkel beginnen feucht zu werden: Die Bank ist
immer noch naß. Ich kann Dagmar schlecht erzählen, daß
ich auch später nach Amerika gehen werde, obwohl ich das sichere
Gefühl habe, daß ich das schon immer wollte. Also sage ich,
daß ich, wenn ich groß bin, Wüstenforscher werden wolle.
Was gibt's denn da zu forschen? fragt sie und ich stehe vorsichtshalber
auf. Wir verabschieden uns, obwohl Dola verheißungsvoll von Bohnenkaffee
spricht, und schlagen uns durch bis zum Postberg. An der ersten Kurve
hat man einen Blick über die Elbe und in Ortruds Hintergarten. Dort
sind Zelte aufgestellt. Wir bleiben stehen. Qualm steigt auf. Ortrud und
Elke kommen im Laufschritt auf uns zu. Sie haben eine Decke dabei und
versprechen eine Überraschung, wenn wir uns unter ihr verstecken
lassen. Wir machen ihnen die Freude. Nach einer Ewigkeit, während
der die beiden hektisch "Noch nicht!" rufen, reißen zwei
fremde Jungen in kurzen Hosen und Pfadfinderjacken die Decke über
uns weg. Daggi wird rot im Gesicht. Wahrscheinlich laufe ich auch an.
Helmut und Erwin lieben euch! schreien die Mädchen und flattern mit
der Decke.
Irgendwann hat Dagmar sich wieder aus dem Staub gemacht. Mein Fenster
stand die Nacht über offen. Erst regnete es, dann hörte ich
die Pfadfinder vorbeiziehen. Sie sangen: "Zwei kleine Italiener,
die träumten von Napoli ...", und als sie auf dem Rückweg
waren, hörte ich im Halbschlaf verlockend und sehr melodisch: "Heißer
Sand, ein verlorenes Land ...". Vielleicht sollte ich wirklich Wüstenforscher
werden.
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