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Manchmal war das Ostfernsehen das einzige Programm,
das klar war, ohne Schnee und Streifen. Wir guckten fast jeden Nachmittag,
vor allem Montags, meine Brüder und ich und von den Kindern im Dorf,
wer jeweils zu unseren Freunden zählte. Unsere Leidenschaft galt
Professor Flimmrich, einem breitgesichtigen Herrn mit Kassenbrille, glatt
über den Kopf gekämmtem Haar und weißem Kittel. Nur wenn
seine Sendung wegen einer Reihe von Staatsfeiertagen mehr als einmal ausfiel,
begannen wir, sie eine Zeit lang zu vergessen, und die Geländespiele
flammten auf.
Zu unserem alten Haus gehörte eine Fernsehstube,
von mattgelben Rollos verdunkelt. Ihr ursprünglicher Zweck war die
ungestörte Mittagsruhe meiner Verwandten väterlicherseits, die
alle leicht erschöpfbar waren und im Sitzen schliefen, wenn unsere
Bäckerei sie wieder zu früh dem weichen Bett entrissen hatte.
Ein oder zwei Jahre früher hatten die gelben Rollos noch würdevolleren
Zwecken gedient. Vor der Ankunft des Fernsehers war der Höhepunkt
der familiären Abendgestaltung eine Lichtbildschau gewesen. Die Dias
stammten von einer Reise meines Onkels, dessen Frau nach Griechenland
ganz verrückt war. Der Diaabend hatte kaum begonnen, da wurde er
schon unterbrochen. Mein Onkel schob noch ein paar Wälzer unter den
Projektor, und eine mediterrane Sonnenlandschaft, in der meine Tante mit
großem Hut stand, ruckte auf dem Rollo hin und her, da hörten
wir von draußen Stimmen und Gelächter. Wir stürmten ins
Freie. Auf dem Gehweg war eine Menschentraube entstanden, die sich über
die spiegelverkehrten Reisephotos meines Onkels amüsierte. Für
den Rest des Abends pendelten wir Geschwister rastlos zwischen Stube und
Straße und genossen so das zweifelhafte Privileg, den Zauber von
beiden Seiten anzusehen. Das Fernsehen ist nie so aufregend gewesen wie
diese Reisephotos eines Laien.
Gegen die Außenwelt war unsere Fernsehstube
durch die stereotypen Rufe nach Ruhe ihrer Benutzer abgesichert. Auch
stieß jeder, der die Tür passierte, augenblicklich auf ein
unglaublich häßliches, aber fest gepolstertes Sofa, das man
unserem Vergnügen neidlos überlassen hatte. Der Bezugsstoff
war aschgrau und kratzte. Er besaß eine hartnäckige Struktur
von Wirbeln, Schlangenlinien und Punkten, die vage an die Landungsspuren
Außerirdischer im Wüstensand Nevadas denken ließ. Wir
versuchten vergeblich, die Noppen mit den Fingernägeln aufzulösen.
Das Möbelstück ließ sich so wenig manipulieren wie die
Angebote des Fernsehgeräts oder die übrigen Einrichtungsstücke.
An der Wand hing eine ovale Baumstammscheibe mit einer Harzansicht, ich
weiß nicht mehr, ob gemalt oder photographiert. Man sah eine aufwärtsstrebende
Gondel und dichten Tannenwald. Anfangs hatte diese Urlaubstrophäe
im Gästezimmer gehangen, das ich vor allem besuchte, um meinen amerikanischen
Onkel aus dem Schlaf zu kitzeln.
Bei diesen Gelegenheiten diente die Harzansicht als
bevorzugter Gesprächsstoff. Ich war damals der Meinung, ich könnte
jederzeit in diesem Bild verschwinden. Der Grund war vielleicht, daß
es ein Fahrzeug zeigte und ich noch nicht durchschaut hatte, daß
die Menschen gern vollkommen unbrauchbare Schwebebahnen zur Augenfreude
an die Wand zu hängen. Obwohl der Anblick mich immer zum Aufbruch
reizte, blieb es bei der Verlockung. Das Bild mit dem Borkenrand zeigte
die Welt in müßiges Sonnenlicht getaucht, wie ich es hauptsächlich
von Hochzeitsfeiern kannte. Ich hätte schwören können,
daß sich die Gondel immer, wenn ich wegsah, bewegte. So kam es mir
nur konsequent vor, daß dieses ausrangierte Souvenir mit seiner
unverjährten Einladung zur Reise seine letzte Ruhe neben dem Fernsehgerät
fand.
Über allem, was sich in der fahlen Sube eingefunden
hatte, herrschte das eherne Gesetz der Unverrückbarkeit. Das galt
selbst für die Verteilung der Plätze. Beim Fernsehen saßen
wir am liebsten auf der Lehne in Sichthöhe des Bildschirms. Unsere
Gäste nahmen ohne Aufbegehren unten Platz. Während meine Brüder
und ich schon einige Lässigkeit im Umgang mit dem neuen Medium besaßen,
waren die anderen völlig ausgehungert. Das Abendprogramm entging
ihnen ganz. (Wir durften immerhin gelegentlich "Mit Schirm, Charme
und Melone" sehen.) Die ungleiche Besessenheit zeigte sich besonders
am sinkenden Status der Spiele im Freien. Zunächst verschaffte der
Fernsehapparat ihnen eine überraschende Konjunktur. Nie zuvor waren
Haus und Garten so beliebt gewesen. Selbst bedeutend ältere Kinder
fanden sich bei uns ein. Doch die Schnitzeljagd und das Cowboywesen verloren
schlagartig an Attraktivität, wenn wir nicht zur vorgesehenen Stunde
in die Fernsehstube luden. Dann nahm selbst das Draußentoben den
Charakter schlechter Filme an. Die Körper demonstrierten plötzlich
Unlust an jeglicher Bewegung. Sie schleppten sich dahin, als wäre
die Welt durch Bretter vernagelt.
Dieselbe lähmende Atmosphäre, wie sie der
Spielboykott erzeugte, trat irgendwann auch vor der Mattscheibe ein. Sobald
die Konzentration bei uns nachließ, zerfloß das Filmgeschehen
in breiig-graue Lichterschwaden und matte Schatten, auf denen sich triumphierend
der Glanz des Fenstervierecks wiegte. Was mich betraf, war das immer dann
der Fall, wenn irgendjemand im Saloon die Brandybatterie zusammenschoß.
Doch Kopfschmerzfilme dieser Art wurden von unseren Besuchern mit derselben
stoischen Aufmerksamkeit konsumiert wie richtig gute Märchenfilme.
Als Professor Flimmrich mir vor ein paar Wochen wieder einfiel, war ich
der Überzeugung, ich hätte in seiner Sendung einen richtig guten
Märchenfilm nach dem anderen gesehen. Eine hektische Sehnsucht nach
vagen Bildern und halberinnerten Geschichten kam in mir auf. Ich telephonierte
herum und fuhr nach Berlin, um in Adlershof die Archive zu benutzen.
Man erreicht das Rundfunkarchiv über einen Matschpfad,
der von der U-Bahnstation durch eine Wiese führt. Eine numerisch
kodierte Sprechanlage regelt den Zugang. Vor dem Fahrstuhl wird gewarnt.
Der Eisenabtreter scheint dem ausgegrabenen Pompeji zu entstammen, die
vielen Tritte haben ihn verbogen und gesenkt. Schrifttafeln fehlen, so
daß man sich in die richtigen Etagen und Zimmer durchtasten muß.
Einmal angekommen, war die Hilfsbereitschaft beinah grenzenlos. Das Personal
war allem Anschein nach aus alten Zeiten übernommen. Nur der historische
Archivar kam aus Freiburg im Westen. Bei ihm fand ich mehr und weniger,
als ich erhoffte: Einen Stapel ausgeleierter Ordner, die von vergilbten
Matritzenkopien der Sendemanuskripte überquollen. Unmöglich
umzublättern, die dünnen Seiten rissen vom Blickkontakt ein.
Auf ihnen war der genaue Wortwechsel, selbst im Fall von Interviews, im
vorhinein festgelegt und der Film notiert, den man jeweils zeigen würde,
wobei die Rahmenhandlung durch Flimmrichs engen Kontakt zur Pionierjugend
geprägt war. Besonders aufschlußreich für die synthetische
Natur der Sendung war der Bericht einer Pionierreise in die Mongolei.
Es war alles sehr schön, sollte eines der Kinder erzählen, auch
wenn uns gleich zu Anfang ein Mißgeschick passiert ist: Wir ließen
die Kamera im Zug - dem transsibirischen vermutlich - , und ohne Kamera
gab es keine Bilder von der weiten Reise. Der vorkonzipierte Gesprächstext
ersparte die Dokumentation einer höchstwahrscheinlich ohnehin nur
auf dem Papier existierenden Reise. Was die Pfadfinder dann in der Sendung
von ihren mutmaßlichen Erlebnissen zum besten gaben, soll einer
"Tagesspiegel"-Rezension zufolge hölzern und aufgesagt
geklungen haben: "Ihre Erzählungen waren freilich allzu einstudiert
und sachlich unergiebig".
Die Sendeprotokolle stellten auch einiges richtig.
Etwa, daß ich "Professor Flimmrich" mit dem samstäglichen
"Meister Nadelöhr" verwechselt hatte. Der märchenerzählende
Schneider mit dem Spitzbart war mir nie geheuer gewesen, und deshalb hatte
ich ihn vergessen. Seine kessen Puppenkollegen, Pittiplatsch und Schnatterinchen
(mit dem Namen dieser entenschnäbeligen Dame bedachten mich jahrelang
meine Brüder), evakuierte mein Gedächtnis fürsorglich auf
den Montag. In Wahrheit hatten sie nichts mit Flimmrich zu tun, mit dem
zusammen sie nur auf Pionierfesttagen im Palast der Republik auftraten.
An den jungen Pionier Karli Kurbel mit dem selbstgemachten Vorführgerät,
der die Sendung im ersten Jahr leitete und sich seit dem 14. September
1959 regelmäßig bei Flimmrich einfand, hatte ich mich auch
nicht mehr erinnert. Wie selektiv war mein Gedächtnis da erst mit
den Filmen umgegangen? Das Rundfunk- und Fernsehprogrammheft der DDR erwies
sich als eine im Vergleich zu den Aktenordnern weniger schüttere,
doch dafür um so knappere Quelle. Es kündigte lediglich den
Namen des Filmes an, den der Professor zeigte, und selbst das nicht immer.
Regisseur, Darsteller, Inhalt, Länge, Produktionsjahr und Provenienz
blieben im Dunkeln. Ich ging die Programmhefte bis 1965 durch, auf der
Suche nach vertrauten Titeln. Natürlich waren viele von Grimms
Märchen darunter, ein paar Episoden aus Tausendundeiner Nacht und
Titel, die nach modernen Abenteuerbüchern klangen: "Der Schatz
unter der Palme", "Das Geheimnis des Bergsees", "Alarm
im Zirkus", "Der Junge vom Sklavenschiff", "Das geheimnisvolle
Wrack", "Expedition ins Unbekannte" "Die kleinen Bärenführer",
"Am Partisanensteg", und "Reise in die Urzeit".
Mit keinem dieser Filme konnte ich etwas verbinden.
Als ich mir dann die greifbaren Filme ansah, brannte mein Enthusiasmus
schnell herunter. Es waren Entdeckungen zu machen, zum Beispiel der junge
Manfred Krug als König Drosselbart oder die Till Eulenspiegel-Verfilmung
nach einem Drehbuch von Christa Wolf und ihrem Mann. Aber es war auch
viel Dutzendware. Am meisten schreckte ich bald vor der Bezeichnung Großer
deutscher Märchenfilm zurück. Darunter verstand man Defa-Produktionen,
die offensichtlich am laufenden Band und leider oft im Studio gefilmt
worden waren. Von der farbigen Unendlichkeit des Märchens blieb so
nicht viel übrig. Der leere Raum ersetzte den wechselnden Szenen
ihren spezifischen Hintergrund. Zur Markierung von Wänden hängte
man Tür- und Fensterrahmen in das Einerleigrau. War das Budget so
knapp gewesen oder steckte eine symbolische Bedeutung hinter diesen bunten
Spielen im Gefängnis?
Gerade, weil manches Märchen vom Umsturz der
Verhältnisse und dem Eintritt sozialer Gerechtigkeit erzählt,
kommt es nicht ohne das Wunder aus. Auf ihm beruht der Ruhm des Genres.
In "Lütt Matten und die weiße Muschel" von 1964 findet
eine radikale Desillusionierung der kindlichen Appetite auf Märchenstoffe
statt. Lütt Matten muß lernen, daß die legendäre
weiße Muschel ihm nicht beim Fischfang hilft, denn in Wahrheit,
so beweist der Film, verlangt das Glück nach handwerklichem Können,
Solidarität und Arbeitswillen. Das Wunder paßt nicht mehr in
diese Welt: "Lütt Matten, was würdest du machen mit all
dem Aal?", fragt ihn seine kleine Freundin. "Ich gebe ihn in
die Produktion und dann wird er ins ganze Land verschickt und alle essen
davon", ist die Antwort.
Ein anderer Höhepunkt der Aufklärungsarbeit
war die Vorführung des KZ-Films "Nackt unter Wölfen"
von 1963 zur montäglichen Märchenzeit. "Ein Fernsehspiel",
warnt dunkel das Programmheft. Folter und Schikane bilden das Zentrum
dieses wirklichkeitsnahen Spielfilms. Kopfschur, Entlausung, Massen-Duschen,
klaustrophobe Schlafgestelle und ein demütigender Gruppendrill wurden
den jungen Zuschauern, die zu dieser Zeit vermutlich wie wir allein am
Bildschirm saßen, entschlossen zugemutet. Einziger Lichtblick ist
der kommunistische Häftlingsuntergrund der Lagerälteste Walter.
Lange haben mich, auch in Träumen, zwei flimmernde Filmausschnitte
heimgesucht: An Galgen hängende Männer, von einer zitternden
Kamera fixiert. Und das Eintreffen von Menschen in einem Lager. Ein Kind
mit einem Apfel ist dabei. Ein Uniformierter nimmt dem Kind, fast höflich,
den Apfel ab und schleudert es mit beiden Armen wie ein nasses Wäschestück
gegen die Wand.
1961 führt die Verfilmung des Grimmschen "Hölzernen
Kälbchens" die Ungerechtigkeit der großen Landbesitzer
vor und will zudem plausibel zu machen, daß im Pfaffen allemal der
Teufel steckt. Auch "Das kalte Herz" hat seine drei feisten
Kapitalisten. Mit "Schneewitchen" geht es dann ab ins proletarische
Milieu: das Bergwerk. "Feierabend" ruft ein Zwerg dem anderen
auf Sächsisch zu und schultert pfeifend seine Hacke. "Die Suche
nach dem wunderbunten Vögelchen" stärkt das Vertrauen in
den Genossen Polizisten. Das Präsidium ist technisch auf dem letzten
Stand, überall blinken Einsatzlichter, die Vopos geben sich jovial
und kinderlieb. Als Papageiendieb wird ein Jahrmarktszauberer ertappt.
Weil er den Menschen etwas vormacht, war ihm ohnehin nicht zu trauen.
Gewiß: Auch der Kapitalismus hat seine Desillusionierungserzählungen,
und im "Zauberer von Oz" kommen die Figuren schließlich
ohne die Wunder von Oz aus. Doch das Wunderbare wird damit nur verschoben,
denn Dorothy und ihre Freunde, der Löwe, der Blechmann und die Vogelscheuche,
sind selbst schon phantastische Gestalten. In "Lütt Matten"
hingegen bleibt das Wunder ganz aus. Nur einmal darf der Junge von der
prallen Reuse träumen. Am nächsten Morgen findet er nur einen
kleinen Fisch. Ähnlich geht es den Kindern, die im "Wunderbunten
Vögelchen" das Zelt des Zauberers besuchen: Seine Tricks mißlingen
am laufenden Band.
Der Jugendfilm "Rüpel" von 1963 ist
wie das "Wunderbunte Vögelchen" ein Werbefilm der Volkspolizei.
Die Titelrolle spielt ein Kampfhund, in dessen Umerziehung zum Blindenführer
ein paar junge Pioniere ihren Ehrgeiz legen. Dabei wird viel geknurrt
und gebellt und in wattierte Waden gebissen. Das Gekläff der Bluthunde
hörten wir noch, wenn der Fernseher schon lange aus war. Es hallte
vom Ostufer der Elbe, dem sogenannten Todesstreifen oder Niemandsland,
herüber. Nicht selten war das Bellen von Schüssen begleitet.
Am Morgen diskutierte man beim Brötchenholen in unserer Bäckerei
das Ergebnis, denn zu den ersten Kunden gehörten die Zöllner.
Von ihnen erfuhr man, ob die Flüchtlinge - meistens waren es zwei
- es geschafft hatten, ob sie ertrunken oder abgefangen worden waren.
"Unser Staat gibt viel Geld dafür aus", bemerkt der Hundetrainer
in "Rüpel" von seiner Arbeit: "Man kann das Geld nicht
zum Fenster hinauswerfen." Bekanntlich waren die Fenster des Staates
von gegenüber so blind wie die leeren Rahmen in den Großen
deutschen Märchenfilmen.
Ein Großer deutscher Märchenfilm
überstand die ideologische Formatierung. Dank seines Helden, des
Schusterklaus, sprüht "Die goldene Gans" vor Lebenslust
und ausgelassener Laune. Der Refrain, den die an die Gans geklebte Menschenkette
hin- und hergerissen mitsingt, fand in meinem Gedächtnis ein freudiges
Echo. Und doch gehört "Die goldene Gans" nicht zu den drei
Filmen, die mythischen Charakter für mich angenommen haben. Der erste
begann mit einer Bauernkriegsszene und einer fliehenden Prinzessin. Von
ihren Helfern wird sie wegen des häßlichen Mantels, in den
sie gehüllt ist, Mäusepelzchen genannt. Wohl der bärtigen
Bauern wegen, die sich mit Mistgabeln wehren, hielt ich den Film für
russisch. Nicht nur die geglückte Flucht des Mädchens hatte
mir imponiert, sondern auch die Zuneigung, die die Menschen mit besonderer
Genugtuung gerade der Bettelgestalt schenkten. In der Kellerküche
eines fremden Schlosses findet die Prinzessin Unterschlupf. Unverblümt
rügt der Prinz ihr räudiges Fell, als sie beim Auftragen des
Speisen aushilft. Wie habe ich damals gehofft, sie würde den Mantel
ausziehen!
Obwohl Prinz und Prinzessin am Ende zusammenfinden,
liegt die Wirkung des Films nicht im glücklichen Ende, sondern in
den vorhergehenden Abenteuern der Verkennung. Vielleicht hat mir die Geschichte
vom Mäusepelz den substantiellen Charakter der Zeit vorgeführt.
Zugleich stammen aus diesen Jahren starke Phantasien von der Immaterialität
des Raums und meinem Vermögen, ihn im Nu zu durchfliegen, die sicher
nicht nur von einer Peter Pan-Verfilmung (im Westprogramm), sondern vom
Fernsehzauber überhaupt inspiriert gewesen sind.
Schließlich fiel mir ein, daß das Mädchen
im Mäusepelz "Die Prinzessin mit dem goldenen Stern" war.
Der Film stand auf meiner Adlershofer Liste. Gerade um das Glänzen
an ihrem Hals zu verbergen, trägt die Prinzessin ja den grauen Pelz.
Leider war dieser Märchenfilm nicht vorhanden, so wenig wie die zweite,
mir eingestanzte Filmerinnerung. Sie paßt eher zu Cocteau, Breton,oder
Buñuel, aber da sie auf die Kindheitsfernsehtage zurückgeht,
gehört sie irgendwie nach Rußland. Die Handlung ist dunkel
politisch: Ein Landesgegner wird ins Meer verbannt. Es gelingt ihm, dort
zu überleben. Seine Geliebte und ein alter Mann erwirken seine Begnadigung.
Man holt ihn aus dem Wasser und sperrt ihn stattdessen ins Gefängnis.
Weil er aber nicht mehr ohne weiteres außerhalb der See zu existieren
vermag, verbringt er seine Haft in einer mit Wasser gefüllten Tonne.
Aus ihr taucht er auf, wenn Freunde ihn besuchen. Endlich reift die Einsicht,
daß auf seine Entwöhnung vom feuchten Element nicht mehr zu
rechnen ist. In der Nacht bringt mqn ihn mit der Tonne zurück an
den Strand. Hoch oben von den Klippen schaut der Hofstaat zu, wie die
Frau und der Greis Abschied nehmen. Dann verschwindet der Mann im Meer.
Vom dritten, mir durch das Gedächtnis spukenden
Film wußte ich, daß er Eiskönigin, Eispalast, oder so
ähnlich heißen mußte. Die Adlershofer Liste half mir
weiter: Am 20. Januar 1964 hatte "Die Schneekönigin" bei
Flimmrich auf dem Programm gestanden. Unter diesem Namen waren gleich
zwei Videokopien katalogisiert, ein russischer Zeichentrick- und ein Spielfilm.
Obwohl er der jüngere war, sah ich mir zuerst den Spielfilm von 1966
an. Gennadi Kasanskis Adaption des Andersen-Märchens ist ein Werk
von großer Schönheit und bis an den Rand von Einfällen
durchsetzt, die der dänischen Vorlage würdig waren. So zeigt
sich die Schneekönigin den Kindern in einer weißen Wolke, die
wirbelnd vor dem Fenster haltmacht. Ihr starrendes Gesicht ist unverhältnismäßig
groß, wie wenn eine erwachsene Frau durch die Scheiben eines Puppenhauses
blickt. Vielleicht hatte mich der Film dieser Szene wegen einst so stark
beeindruckt. Denn sie ging auch uns direkt an. Wir selbst waren in unserer
Fernsehstube nicht länger auf sicherem Posten. In unserem Rücken
hinter dem Rollo konnte schon die böse Königin lauern. Dabei
war sie gar nicht häßlich, sondern auf ihre Art sogar sehr
anziehend, so attraktiv wie die böse Stiefmutter im "Schneewittchen"-Film
der Defa. Die stolze Schneekönigin schmückt ein hoher, kegelförmiger
Kopfputz, der an indische Götterkronen erinnert. Beide Herrscherinnen
sind als aristokratische Schönheiten gezeichnet, ihr Geist machiavellisch
und frei von der bürgerlichen Wärme, die die sozialistische
Ästhetik bei ihren Frauenbildern vorzog. Während die guten Mädchen
schlichte Kleider tragen, aber vor Gesundheit strahlen, waren die gefährlichen
Frauen exotisch ausstaffiert und blaß. Es bestätigte meinen
Verdacht gegenüber diesem Frauentypus, daß sich das Defa-Schneewittchen,
kaum hatte der Prinz es erweckt, ebenso arrogant verhielt wie seine Stiefmutter.
Aber das war keine erzählerische Absicht des Produktionsteams oder
gar der Grimms, sondern die Nachlässigkeit der Schauspielerin und
ihres Regisseurs.
Den Kummer um den von der Königin entführten
Kay teilt ein Hauskobold mit der schnarchenden Frau Tintenfaß. Der
Zwerg klettert an einem Faden das Schreibpult hinauf und bewegt seine
viereckige Freundin durch die schlechte Nachricht zum Vergießen
schwarzer Tränen. Gerda hat sich inzwischen auf die Suche nach ihrem
Bruder gemacht. Unterwegs trifft sie allerlei hilfreiche und tückische
Fabelwesen, die Andersen entzückt hätten, wie etwa einen eingebildeten
Raben und seine Frau, die "Hofkrähe". Der Flug dieser sprechenden
Vögel ist als Tricksequenz gestaltet, die sich mühelos in den
Spielfilm integriert. Rabe und Krähe bringen Gerda in das nahe Schloß
und zeigen ihr - Kino: Trickfilmversionen nämlich von den Träumen
der Hofdamen und Kavaliere. Ein verrückter König, eine überkandidelte
Prinzessin und ein Gespenster-Ahne treten auf. Mit der Staatskutsche ausgestattet,
gerät Gerda anschließend in die Fänge einer Räuberbande
und ihres weiblichen Hauptmanns, eines Haudegens in Röcken mit reichlich
respektlosem Nachwuchs: "Ich versage meiner Tochter nie etwas",
erklärt die rauhbeinige Mutter: "Man muß sie richtig verwöhnen.
Da muß man ganz konsequent sein. Nur so werden richtige Räuber
aus ihnen." Die pädagogische Maxime ist ein Zusatz, den man
bei Andersen vergeblich sucht. Es wäre leicht, eine Parodie des Kapitalismus
nach dem Muster von Lubitschs "Bergkatze" in dieser filmischen
Räuberbande zu sehen. Doch nach all den allegorischen Kinderfilmen
aus Babelsberg und Moskau, die ich inzwischen angesehen habe, halte ich
die Maxime des Räuberhauptmanns für genuin sozialistisch.
In einer Welt, wo die neue Generation für alle
Hoffnungen einsteht, gilt es nicht mehr zu erziehen, sondern zu schmeicheln
und zu opfern. Gerda ist noch ein Kind der bürgerlichen Epoche, das
gewissenhaft zwischen Gut und Böse unterscheidet. Doch die Welt gehört
der skrupellosen Räuberstochter, die zum Vergnügen jeden mit
dem Messer kitzelt. Auf Befehl ihrer Mutter wird die goldene Kutsche,
in der Gerda gereist ist, zertrümmert. Auch das ist eine sozialistische
Ergänzung. Der Nachdruck, den man hier auf den expliziten Vandalismus
legt, ruft Erinnerungen an Josef Beuys wach, den Rußland-Liebhaber,
der das Modell einer Kaiserkrone öffentlich in einen Hasen umschmolz.
Trotz der Attraktivität, die die Räuberstochter ganz zweifellos
für mich gehabt hat, war Gerda meine Rolle: das Mädchen, das
sich durch die Rettung ihres Bruders profilieren konnte. Als sie im Schneepalast
ankommt, stört sie Kay beim Puzzlespielen: "Ich muß aus
den Eisstücken hier das Wort Ewigkeit zusammenlegen", erklärt
er Gerda. Diese Idee stammt von Andersen selbst. Wenn irgend etwas, dann
markiert sie den Gefrierpunkt der Märchen.
Trotz der Begeisterung, mit der ich den Film sah,
deckte sich keine der Szenen exakt mit den Bildern, die ich bei mir gespeichert
hatte. Ich war nicht einmal sicher, ob Menschen oder Kunstfiguren die
Rollen in meinem Gedächtnis spielten. Also sah ich mir die frühere
Version, den Zeichentrickfilm von 1957, auch an. Zu meiner Überraschung
basiert er nicht nur auf derselben Geschichte, sondern zeigt großenteils
dieselben Einstellungen und Charaktere. Menschen- und Trickwelt sind auf
den Kopf gestellt: Die Schauspieler von 1966 kopieren die Zeichenfiguren
aus den fünfziger Jahren. Auch in anderer Hinsicht erweist sich der
Trickfilm als markanter. In ihm hat die Handlung ganz in Andersens Sinne
noch einen erotischen Subtext und besitzt psychologische Schärfe.
"Ist sie denn schön?", fragt Kay keck die Großmutter,
die von den Untaten der Schneekönigin erzählt.
Anders als in der späteren Version sind Gerda
und Kai hier keine Geschwister und so steht ihrer wechselseitigen Bestimmung
nichts im Wege. So wird Gerdas Suche nach Kay zum Kampf zwischen zwei
Frauen. Genau das war der atmosphärische Kern meines Erinnerungsrests,
in dem die Kulissen und die Positionen der Sprecher unverrückbar
feststehen: Auf den Stufen des Eispalasts findet das Mädchen den
Gespielen wieder. Doch sie ist ihm gleichgültig geworden. Ihr Entsetzen
ist das der verratenen Geliebten, nicht das der sorgenden Schwester. Erst
bei seinem zweiten Besuch - so behauptet beharrlich mein Gedächtnis
- bricht das Mädchen den Zauber, und die Gefühle des Knaben
tauen auf. Die Königin spricht einmal von ihrer Einsamkeit. Ein Paradox,
wenn man bedenkt, daß ihr Reich das der erstorbenen Gefühle
ist. Wenn ich es mir überlege, so war am Ende doch diese Herrscherin
mein Ideal, die Figur, durch die ich am meisten lernte.
Warum hat die ätzende Zeit diese Szenen ausgespart?
Was verbindet mich mit ihnen? In allen drei Filmen gibt es eine aktive
weibliche Figur, die jemanden zu retten unternimmt, im ersten Fall sich
selbst. Jede der Heldinnen setzt sich mit einem ihr fremden Element auseinander:
dem Eis, dem Wasser, der Armut. Mäusepelzchen wird wie Kay ein Teil
dieses Fremden und gewinnt dadurch sogar an Reiz. Die Geliebte am Meer
tauscht sich über den amphibischen Mann mit dem Wasser aus. Wie weit
geht Gerda in dieser Hinsicht? In Anbetracht der Schneekönigin wäre
das feindliche Element als Reich der Mutter zu deuten. Meine Erinnerungssplitter
ließen sich dann als Illustrationen der ödipalen Krise lesen.
Das den Geliebten verschlingende Meer mag mit dem ozeanischen Gefühl
zusammenhängen, das, Freud zufolge, Religionen nährt und das
wir vom Mutterleib her in uns tragen. Ein janusköpfiges Thema ist
allen drei Filmen gemeinam: Trennung und Vergessen. Mäusepelzchen
erfährt, daß es ein Glück sein kann, sich vom Alten zu
trennen. Durch den Aufbruch ins Neue erhält sie das hinter sich Gelassene:
ein Königreich, in verwandelter Gestalt zurück. Gerda hingegen
lernt die Kräfte kennen, die das Beharren freisetzt. Sie entdeckt
in sich selbst das Äquivalent des Eises und kann deshalb den Kampf
mit der Schneekönigin aufnehmen und gewinnen. Die Geschichte am Meer
integriert beide Varianten. Loslassen und Festhalten werden hier zu ein
und derselben Handlung. Weil sie den Fischmenschen erhalten wollen, lassen
seine Freunde ihn gehen. Gerade die Trennung besiegelt die Liebe. In den
drei Formen der Selbsterhaltung erkenne ich die Matrix späterer Geschichten.
Mäusepelzchen eröffnet die komischen, der amphibische Geliebte
die tragischen und die Entführung durch die Schneekönigin die
romantischen Möglichkeiten.
Was die Fernsehstube betrifft, brach ihr Frieden bald
auseinander. Nicht durch die Schneekönigin, sondern durch einen zweiten
Fernseher, der bei den Nachbarn gegenüber einzog. Ich habe ihn nie
gesehen, das war eine Frage des Stolzes. Die nicht eben vielköpfige
Dorfjugend teilte sich von nun an in zwei Lager oder Fernsehgemeinden.
Für die Geländespiele war diese Entwicklung von Vorteil. Auch
wenn sie vom läppischen Zeitvertreib ins Gegenteil umschlugen und
nun kriegsähnlichen Charakter hatten. Die Kampfmethoden wurden härter.
Wir träumten davon, mit faulen Eiern zu werfen - aber woran erkannte
man faule Eier? Wir versuchten es mit faulen Tomaten, frischen Eiern,
Schnee, Stroh und Steinen. Einen Waffenstillstand bewirkte die Ankunft
eines Jungen aus Hamburg. Dirk Schaaps versammelte uns auf der Bodentreppe
und erzählte vom Kino in Fuhlsbüttel. Er war älter als
wir, dick und brutal und wußte aus Science-Fiction-Filmen von exotischen
Sadismen.
Leider gehörte er meist zu den andern. Auf dem
Höhepunkt unserer Kriege war nichts so beliebt und zugleich so unmöglich,
wie Geiseln zu nehmen, die wir dann natürlich foltern und zu Geständnissen
bewegen wollten. Das Ende der Spiele im alten Stil kam für mich sehr
plötzlich, als Dirk Schaaps, den wir, solange er unser Feind war,
mit Begeisterung Schafskopf riefen, sich eines Tages kampflos von mir
fesseln ließ.
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