Aus: Der Universalratgeber Schnepfenthal, Verlag Ernst Danson, ohne Ort und Jahr.
Katharina Hacker
 

 

 

29.1.1999


 

 

Rätsel, 1. Leihbibliotheksbücher. Zu den unlösbarsten Rätseln, welche die Allltäglichkeit nicht wenige bietet, gehört es auch, daß man in den Händen von Damen, denen man unbedenklich das Prädikat "fein" zuerkennen muß, zuweilen uralte Bücher aus Leihbibliotheken sehen kann, die von Schmutz starren, auf jeder Seite Flecken zeigen und einen Geruch verbreiten, der sich schon auf drei Schritte kundgibt. Freilich können solche Damen unmöglich wissen, daß diese Schmutzflecken eine schlimme Gefahr für die Gesundheit bergen; aber man sollte doch sagen, daß bei ihrem oft peinlichen Gefühl für Reinlichkeit und ihrem ebenso großen Abscheu gegen unsaubere Gegenstände die bloße Berührung solcher Bücher außer Möglichkeit liegen müßte, geschweige denn, daß sie sich stundenlang liebevoll und mit gespannter Aufmerksamkeit damit beschäftigen. Die besagte Gefahr für die Gesundheit liegt darin, daß jene Schmutzflecken fast ausschließlich aus Bazillen, Schimmelpilzen und Bakterien bestehen, die von ansteckenden Krankheiten herrühren können und tatsächlich von solchen auch oft herrühren. Namentlich dürften, wie Untersuchungen vermuten lassen, häufig die Tuberkelbazillen vertreten sein. Lungenkranke und andere mißlungene Personen, die das Zimmer hüten müssen, lesen bekanntlich viel, und bei der fast allgemein verbreiteten, aber recht üblen Gewohnheit, beim Umschlagen der Blätter die Finger vorher mit Speichel zu benetzen, bleibt denn auch die betreffende Infizierung der Bücher nicht aus. Weiter soll dies Bild nicht ausgemalt werden, es dürfte aber auch dem hier zugrunde liegenden Zwecke genügen.