Aus: Der Universalratgeber Schnepfenthal, Verlag Ernst Danson, ohne Ort und Jahr.
Katharina Hacker
 

 

 

29.1.1999


 

 

Mißlungene Personen. Die Mißlungenen Personen halten sich allgemein in den Treppenaufgängen oder hinteren Kellern auf. Sie richten sich dort ein, wo nur selten die Schritte anderer vorbeiführen. Im allgemeinen sind die Mißlungenen Personen rücksichtsvoll, und wer sich in den hintersten Keller verirrt, um einen Wasserschaden, eine zerbrannte Stromleitung ausfindig zu machen, wird gerne das kleine Handtuch annehmen, um die Spinnenweben abzuwischen, die Schimmelpilze, die Rußflecken, den fauligen Schlamm von den Schuhen am Ende, und immer, fast immer tragen die mißlungenen Personen ein kleines Tuch oder Handtuch bei sich, mit dem sich allenfalls leichte Kopfverletzungen, die in den niedrigen Räumen oder Gewölben nicht auszuschließen sind, notdürftig verbinden oder doch mindestens Blutflecken zerreiben lassen. Vielleicht sind die niedrigen Decken oder Durchgänge der Grund dafür, daß die mißlungenen Personen sich häufig gebeugt halten. Verschiedentlich ist angemerkt worden, dies verleihe ihnen eine demütige, geduckte Haltung, beinahe etwas Kriecherisches, es ist angemerkt worden, solche Haltung gebe schlechtes Beispiel, erwecke den Verdacht, betreffende Personen seien hinterhältig und zu niedrigen Handlungen jederzeit bereit. Man möchte dabei zu Bedenken geben, daß Demut keinesfalls schädlich ist, besonders dann nicht, wenn statische oder räumliche Gegebenheiten sie nahelegen und vernünftig scheinen lassen. In diesem Licht ist auch der schleichende, tastende Gang auf gewissen Dachböden zu betrachten, die zudem nicht besser beleuchtet sind als andere Schattenseiten auch, so daß faulende oder fehlende Bohlen leicht übersehen werden. Verletzungen sind dann die Folge. Und bleiben auch laute Beschwerden seitens dieses Personenkreises aus, so läßt sich das Stöhnen doch nicht ohne weiteres überhören, ein schwaches, wimmerndes Geräusch, das Hausbewohner verleitet, sich aus den Fenstern zu beugen, Sturm, Regen oder anderes Unwetter zu vermuten, Unbillen also, die das Geräusch und das Gefühl des Unbehagens erklären könnten. Der Seelenfrieden der Hausbewohner wird dadurch deutlich beeinträchtigt, wogegen es keinem schadet, wird ihm ein kleines Tuch gewissermaßen von unten heraufgereicht, begleitet von einem Blick, der flehend scheint, - auch dies ein Ergebnis gebeugter Haltung. Ganz anderes ist dagegen von größter Wichtigkeit und ein wirklicher Anlaß, sich diesem wenig erfreulichen Thema zu widmen. Denn entgegen dem, was oberflächliche Überlegung folgern mag, ist es unbedingt wünschenswert, daß besagter Personenkreis in größerer Anzahl auftritt. Mißlungene Personen besitzen durchaus die Fähigkeit, mit wenig Platz auszukommen oder auf dem verfügbaren Platz gebührend zusammenzurücken. Man neigt dazu, ihr häufiges Vorkommen anzukreiden und energische Maßnahmen zu fordern, hartes Durchgreifen, wie man es etwa Tauben oder anderen mißliebigen Geschöpfen gegenüber an den Tag legt. Es ist dies jedoch durchaus zu kurz gedacht. Mißlungene Personen in größerer Anzahl sind zweifellos ein Ärgernis. Verglichen mit dem Auftreten weniger Mißlungener Person jedoch sind sie eben nur dies: ein Ärgernis. In geringer Anzahl dagegen sind sie weit mehr. Das Vorkommen Mißlungener Personen in der Einzahl stellt dann eine wirkliches Störung dar, wenn nicht Schlimmeres. Denn während sie in der Vielzahl eine gewisse Allgemeinheit wahren und also unpersönlich bleiben, eine Mißhelligkeit, wie es dererlei viele gibt, werden sie in geringer Anzahl aufsässig, sperren das Maul auf, als wollten sie gefüttert werden, geben Widerwort, verziehen die Miene, kurz, in der Minderzahl wagen sie es, an die Einzahl zu denken, ja, werden geradezu einzeln und Einzelpersonen und unterstehen sich darauf hinzuweisen, daß auf ihren täuschend gekrümmten Körpern ein Gesicht, ja, ein Gesicht sitzt, das einen von unten herauf beinahe vertraulich anblickt.