|
|
|
|
|
|
| Aus:
Der Universalratgeber Schnepfenthal, Verlag Ernst Danson, ohne Ort und Jahr.
Katharina Hacker |
||||
|
|
|
|||
|
|
29.1.1999 | |||
|
|
|
Das Wehleid. Das Wehleid hat rote Augen und dicke Strümpfe an. Das Wehleid hat rote Augen. Nie, niemals dagegen hat das Wehleid Ringe unter den Augen, nie zittern seine Finger, niemals hat es fahrige Hände, die ängstlich nach irgend einem falschen Gegenstand greifen, niemals läßt es ein Glas fallen und keiner hat es in einer Straßenbahn, in einem Schuhladen, auf offener Straße, ganz öffentlich je weinen sehen. Womöglich weint es nicht, niemals womöglich. Womöglich besitzt es kein Taschentuch. Das Wehleid schleicht manchmal um Kaufhäuser und träumt davon, eine Hängematte zu kaufen. Zwischen großen Eichen hängt die Hängematte, geschaukelt vom Wind, geschaukelt von Eichhörnchen, die das Wehleid heimtückisch einfängt und an dünnen Fäden befestigt. Mit seinen plumpen Armen hascht das Wehleid ins Leere und gibt alle Schuld den dicken Strümpfen. Keiner mag es leiden, und wenn es ins Café geht, Sahnekuchen ißt, dann bleibt es alleine, rückt die Stühle laut, um zu zeigen, hier ist noch Platz!, doch keiner kommt, allenfalls ein Ober, der es streng auffordert, leise zu sein. Traurig schaut das Wehleid den Ober an, gehorsam nickt es wie ein gescholtenes Kind, und wer genau hinsähe, würde erkennen: das Wehleid ist schüchtern, zupft leise am Häkeldeckchen auf dem Tisch. Aber was ändert das? Schon eine Minute später wird es mit laut fordernder Stimme einklagen, daß es eine Minute vorher da war, daß es diesen Sahnekuchen (niedliche Mandarinenscheiben darauf) für sich bestellt hat, daß der Tee kalt ist, die Mandarinen aus der Dose, der Teller schmutzig, die Gabel krumm; das Wehleid wird vom Dschungel träumen und von der Tigerjagd, löwenherzig rettet es Verzweifelte vorm Verhungern; ach, wer je ein Löwenherz gesehen hätte! Heimlich und in seinem innersten Herzen liebt das Wehleid den Kleinmut, listet zärtlich schäbige Bedenken auf, zählt Pfennige und Mottenlöcher, beschäftigt eine kleine, magere Putzfrau, die nach Schweiß riechen muß, und taktvoll schenkt das Wehleid ihr Seife und Deodorant in rosa Einwickelpapier geschlagen. Dann nimmt es einen grünen Hut und geht verrucht hinaus, mit schwarzen Seidenstrümpfen und Pfennigabsätzen oder mit dicken Strümpfen und Plateausschuhen oder mit einem roten Regenmantel und blauen Gummistiefeln: das Wehleid weint, trocknet sich Blumensträuße fürs eigene Grab, windet sich Immortellenkränze, und würde ihm nicht sogleich schlecht davon, dann rauchte es Zigarren, sorgte es sich nicht um seine Gesundheit, dann tränke es Schnaps und würde endlich, endlich verkommen! |
||
|
|
|
|||
|
|
|
|
|