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Ist etwa schon wieder März? Das darf doch nicht wahr
sein, daß jetzt schon wieder März ist! Irgendwie war kürzlich
erst Silvester, und ich hatte eben noch das bestimmte Gefühl, ich
würde mit offenen Augen auf das Neue Jahrtausend zu rasen, ein Roadmovie
durch die Zeit, hatte ich gedacht, eine Reise durch den Kalender wie durch
die Weiten Nordamerikas, Route 66 auf Terminebene, dachte ich. Und jetzt
ist schon wieder ein Vierteljahr vorbei, und ich habe noch immer nichts
gemerkt.
In meinem Roadmovie würde ich jetzt anhalten, die Landschaft zum
Stillstand bringen und aussteigen. Das erste Viertel des Films im Rücken,
setzt der Held einen Fuß aus dem Auto. Er tritt in den Staub, stellt
sich auf einen einsamen Hügel und inhaliert die Prärie in Erwartung
des Problems.
Berlin ohne Jahr. Ich komme zu einem Kurzbesuch nach Hause und mein Neffe
begrüßt mich mit: "tschüß, John!" Ich
muß ohnehin gleich wieder gehen. Tschüß ist mein erster
Vorname. Überall, wo ich hinkomme, bin ich schon wieder weg. Ich
bin Spezialist für Abschiede, tut gar nicht weh. Meine Gegenwart
ist nichts als vorauseilende Abwesenheit. Wenn ich mich länger als
zwei, drei Stunden irgendwo aufhalte, überkommt mich das Gefühl,
ich stünde im Stau. Das Roadmovie-Syndrom, die Show muß weitergehen.
Für mich selbst überraschend: meine neuerliche Neigung, nicht
ins Bett zu finden. Dabei lobe ich zuweilen öffentlich den Schlaf
vor Mitternacht und bin Platz sieben auf der Liste der gefürchteten
zehn Frühaufsteher im Theater. Sicher wäre es voreilig, mir
senile Bettflucht zu attestieren. Aber was ich schätze an den vom
Leben losgelösten Stunden drei, halbvier Uhr morgens ,
ist die Krümmung der Zeit und ihre zwanglose Verlangsamung. Die plötzlichen
Momente des Nichtvergehens, wenn das Ticken von den Sekundenzeigern abtropft
und die Leere der Zeit eine Stimmung wird, die kein Scheibenwischerschlag
mehr unterbricht. Geparkte Zeit und einfach nur sitzen, sitzen, als wäre
man der einzige Überlebende nach einer Massenkarambolage.
So müßte man eigentlich Silvester
2000 verbringen, in einer Seifenblase aus Zeit. Könnte
nicht irgendein Wissenschaftler zur Abwechslung einmal herausfinden, daß
der Zeitpunkt für den Jahrtausendwechsel
nicht am 1.1.2000 um 0.00 Uhr, sondern bereits am zweiten Weihnachtstag
um 4.17 Uhr morgens ist, wenn die Zeit wirklich für ein paar Lidschläge
aussetzt. Ich biete das Honorar für diesen Artikel als Preisgeld
für denjenigen, der nachweist, daß Silvester schon gewesen
ist. Und ich werde auf ihn trinken zu irgendeiner aus der Zeit gefallenen
krummen Stunde, die es auf den Radioweckern unseres Lebens gar nicht gibt.
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