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Die
Rede der Ziffer 9,
gehalten im Großen Rat der Ziffern in der letzten Stunde
des 31. Dezember 1999,
mitstenographiert,
im Gedenken an seinen großen Vorgänger im Amt,
den Professor Georg Christoph Lichtenberg aus Göttingen,
von Mag. Burkh. Spinnen,
hebt wie folgt an:
"Liebe
Schwestern,
es scheint in einer Zeit, in der viel von der richtigen Verteilung der
Arbeit und anderer Ressourcen die Rede ist, nur wenig angezeigt zu sein,
cum voce und an einem derart prominenten Datum einen Umstand zu erwähnen,
dessen Reflexion von anderen, da ihnen andere Worte fehlen, allzu leicht
und fälschlicherweise einerseits als Klage über die eigene Überforderung
oder andererseits als Klage über die eigene Unterforderung aufgefaßt
werden kann. Ich sollte mich also besser hüten. Und schweigend aus
dem Amte scheiden.
Aber Fact ist nun einmal und kann nicht unerwähnt bleiben, daß
ich nunmehr fast 100 Jahre lang hier im Großen Rat der Ziffern die
Hunderterstelle verwaltet, daß ich ebenfalls ununterbrochen fast
10 Jahre lang die Zehnerstelle innegehabt und daß ich, wie schon
9 mal zuvor in diesem Jahrhundert, auch beinahe ein Jahr lang die Einerstelle
besetzt habe. Und ob einer solchen Potenzierung der Koinzidenzen sehe
ich es als ausgeschlossen an, in wenigen Minuten für ganze 9 Jahre
aus jeder Regierungs- und Verwaltungsarbeit ausscheiden zu können,
ohne zuvor Rechenschaft zumindest über die Zeit meiner Trippelregentschaft
abzulegen und ohne anschließend einen kurzen Ausblick auf die kommende
Zeit zu werfen, da die von uns allen so hoch geschätzte 0 sämtliche
drei Ämter aus meiner Hand übernehmen wird. (Geraune im Rat)
Ich beginne mit dem Rückblick. Und ich sage es
frei heraus: Das Jahr 1999 war für mich eine vollkommene Enttäuschung.
Nicht, daß ich allzu viel an Gutem und Schönem erwartet hätte;
immerhin bin ich durch die Centurionsregentschaft über dieses ungeschlachte
Jahrhundert mit dem Grundzug des Desaströsen in allem, was da vorfällt,
hinlänglich vertraut. Doch daß dieses durch mich getrippelte
Jahr 1999 weltweit derartig wenig Begeisterndes oder gar Berauschendes
hervorgerufen hat, das hat selbst mich überrascht und verstört.
Da tritt nur einmal in 100 Jahren dieser Casus einer Ziffern-Triplette
ein - und aus der Erinnerung wißt ihr so gut wie ich, wie sehr sich
in den letzten Saeculi alles danach gedrängt hat, jedes Privat- oder
Offizial-Ereignis wenn irgend möglich in ein solches Kuriosjahr zu
pferchen - ich erinnere nur an die Schlacht bei Issus - , doch ausgerechnet
im abgelaufenen Jahr 1999 herrschte wie in keinem Jahr unter meiner partiellen
Dauerregentschaft zuvor der nachgerade eiserne Wille, überhaupt gar
nichts irgend Schön-Bedeutsames zu unternehmen, beziehungsweise -
und schlimmer noch - sich ereignen zu lassen, weil (holt tief Luft) weil
natürlich jeder Hinz und Kunz sich mit dem Datum des kommenden, des
Jahres 2000 schmücken will. Weil, und hier verzeiht mir, liebe Schwestern
und insbesondere du, geschätzte 0, den rüden Ausdruck: weil
jeder Hundsfott von Funktionär, weil jeder verliebte Pavian und jeder
ehrpusselige Häuslebauer sein Halb-, Viertel, Achtel- oder Sechzehntelereignis
nicht anders in das demnächst anbrechende 3. Jahrtausend will einschliefen
sehen als angetan mit dem Ornamentum einer Geburt im Jahre der dreifachen
0.
(Da sich die anderen, insbesondere die 0, beschweren
wollen) Ich weiß, ich weiß, liebe Schwestern. Was ich sage,
klingt, als wollte ich Zwietracht unter uns säen. Aber das Gegenteil
ist der Fall. Über 200 Jahre ist es her, ich erinnere mich noch genau,
da schlossen wir uns einstimmig und einmütig dieser Bewegung an,
die uns, zu unserem und zum Besten aller, von dem lästigen und vollkommen
überflüssigen Gepäck der verschiedenen und einander widersprechenden
Sonderbedeutungen befreien wollte. Reine Ziffern wollten wir damals sein,
allem metaphysischen Firlefanz wollten wir entsagen. Allenfalls wollten
wir noch dulden, daß man, etwa aus Gründen einer graphischen
Psychologie oder psychologischen Graphik, eine Sache im Werte von 100
Einheiten einer beliebigen Währung mit der Ziffernfolge 99 Komma
98 auspreiste und anpries. Und leicht fiel es uns auch zuzulassen, wenn
man im Schnellauf über 100 Meter die Laufzeit von 10 Sekunden und
im amerikanischen Börsenwesen den Dow Jones Index von 10 000 eine
Magische Grenze nannte, entließ doch deren Unter- beziehungsweise
Überschreiten so gar keine Magie und nur allerlei Handgreifliches
aus sich. Dergleichen und viele andere niedere Neckereien und volkstümliche
Verhohnepiepelungen wollten wir im Interesse unserer höheren Reinheit
gerne ertragen. Aber -
(Gemunkel im Rat) Aber (hebt die Stimme) nun wendet
sich nicht nur das Blatt des Kalenders. Und nach diesem Jahr eines beispiellosen
weltgeschichtlichen Stillstandes kann ich mein getrippeltes Regierungsamt
nicht ohne die Artikulation einer schlimmen, ja der schlimmsten Befürchtung
verlassen.- (Hört hört!-Rufe) Wir werden nämlich, liebe
Schwestern, da nun ein ganzes Jahr lang nichts und immer wieder nichts
irgend Großes geschehen ist und hingegen alle und alles vollkommen
gebannt auf die Verheißung gestarrt hat, die jenes große Changement
auf allen Sitzen unserer Regierungsbank zu versprechen scheint - wir werden,
da sich für jede halbwegs aufgeklärte Ziffer nichts anderes
ereignet als eine absolut selbstverständliche Motion in den Gesetzen
des Dezimalsystems, wir werden erleben müssen, wie eine Legion von
nüchtern berauschten Zahlenfetischisten einem vollständigen
Weltenwandel entgegen fiebert - und infolgedessen werden wir, so sage
ich hier und jetzt, das Paradoxon erleben und ertragen müssen: daß
wir nämlich allesamt eingehen in eine Ära der absoluten Ereignislosigkeit.
(Aufruhr im Rat, die 9 verschafft sich durch Gebärden Gehör)
Liebe Schwestern. Der Umstand (blickt auf die Uhr), daß schon in
wenigen Sekunden jedes vom Baum fallende Blatt und jeder Flügelschlag
eines Schmetterlings sich mit der weltgeschichtlichen Potenz zumindest
einer H-Bombe oder eines Erdbebens wird ausgestattet finden, bloß
weil er sich im Jahre der 0 ereignet hat - dieser Umstand wird schon nach
allerkürzester Zeit zu einer vollkommenen Nivellierung von allem
und jedem führen. Ich sage euch, schon in wenigen Stunden, da alle
frenetischen Prosits kaum verklungen sein werden, wird eine große
Lähmung eintreten. Eine Lähmung ob der drückenden Last
jener ungeheuren Summe des Nicht-Bedeutenden, die dann schon auf der Zeit
und auf den Zeitgenossen des Jahres 2000 liegen wird. Eine Lähmung,
sage ich, die schrecklicher und endgültiger sein wird als jede Lähmung,
die dieses Jahrhundert durch die Anhäufung des Schreckens bewirkt
hat.
(Handgemenge unter den Ziffern, Gebrüll, übertönt von der
9) Die erste Erscheinung des Neuen wird der namenlose Schrecken sein,
daß es nichts Neues gibt, weil alles neu ist. Der Schrecken vor
der Leere wird übertroffen werden von dem Schrecken vor der Fülle
des ganz und gar Nichtigen. Und das Jahr 2000, das Jahr der profanen Verheißung,
wird kaum angebrochen sein, glaubt mir, meine Schwestern, da wird auch
schon einer kommen, und der wird sagen - (da beginnt es, 12 zu schlagen,
und augenblicklich verstummen alle Ziffern)
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