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Der Gemüsehändler, der wie ein aufmerksamer Vogel über
seiner Ware hockt, Flachkörbe voller Ingwer, Tomaten, Okra und Koriander,
hat uns eingeladen zu einer jener lauten, deftigen Prozessionen, die abends
durch die Straßen ziehen, um Ganesh ans Meer zu bringen. In seiner
Gasse tanzt ein Pferdemann, das Gesicht zur Maske geschminkt, indem er
seinen Hinterleib kreisen läßt. Neben ihm ein Pfau, das Gesicht
hinter Federn versteckt. Die Trommler sind schon mit roter Farbe beschmiert;
zum Aufbruch verteilen die Väter aus Familienpackungen genug Pulver,
um die Welt einzustauben. Ganesh sitzt auf einem blumenbeschmückten
Karren, von den Männern gezogen, von den Frauen geschoben. Die Prozession
geht wenige Schritte aufs Mal, dann scheren die Trommler aus, die Tänzer
drehen und wenden sich, eine weitere Prozession schließt sich an,
bis wir uns in einem Zug befinden.
Auf der Hauptstraße wird ein Seil gespannt, das die Gruppe vor dem
Verkehr schützt. Unter den Tänzern wandert eine Flasche billigen
Schnaps. Das Pferd und der Pfau tanzen unentwegt, wie Kreisel, die keine
Reibung kennen. Stunde um Stunde, von den letzten spitzen Sonnenstrahlen
über die weiche Dämmerung bis zu den grellen Kegeln der Neonlaternen.
Immer wieder legt ein eifriger Tänzer provozierend einen Geldschein
auf die Straße, den das Pferd umtänzelt, aufrecht, gebeugt,
in der Hocke, immer schneller rotierend, auf den Knien, bis es den Schein
mit den Zähnen aufgabelt. Innerhalb des Seils werden alle Hemmungen
ausgeschwitzt. Auch die Frauen beginnen zu tanzen, doch stets alleine,
in einem sicheren Abstand zu den Männern. Die Kinder werden auf Schultern
durchgeschüttelt, die Schreie zu Ehren Ganapatis kochen über.
Ein Tanz durch rote Wolken, der in dem Höhepunkt des Abschieds endet,
zudem selbst aus vielen kleinen Crescendos besteht.
Aus allen Richtungen ziehen Menschen zu den Stränden. Obwohl Tausende
Idole durch die Straßen gefahren, gezogen, getragen werden, ist
jeder Ganesh ein Original, in unzähligen Variationen imaginiert,
mal mit fünf schwarzen Köpfen versehen, mal mit Turban ausgestattet,
mal auf einer Ratte glubschendes Blauauge und frech nach oben gerichtete
Schnauze reitend, mal siegreich auf dem affigen Dämonen AIDS
stehend. Politische Parteien und Banken haben kleine, schattige Tribünen,
die Polizei Hochsitze errichtet.
Am Chowpatty- Strand zu beiden Seiten die Wolkenkratzer eines aufstrebenden
Indiens ist der Sand nicht zu sehen, nur die Absperrungen der Polizei,
die zwei Millionen Menschen in Bahnen lenken sollen. Ganesh wird ein letztes
Mal angebetet. Löcher werden in den Sand gegraben, um ein windgeschütztes
Feuer anzuzünden. Das Licht kreist dreimal vor seinen wohlwollenden
Augen, dann wird der Gefeierte von einigen Familienangehörigen
dem Familienvater meist, der sich bis auf eine etwas altmodische Unterhose
ausgezogen hat, und trotz Schmerbauch und Hohlkreuz weder unwürdig
noch ohne Stolz wirkt ins Wasser getragen. Danach hüpfen Familienväter
im Wasser herum, bis sie von weitem nicht mehr von ihren tollenden Kindern
zu unterscheiden sind, waten zu ihren Frauen zurück, schießen
Fotos mit überschlagenden Fingern und verweilen noch einige Minuten
auf dem Strand, für kurze Zeit aller Sorgen entledigt. Später
schieben sie ihren leeren Karren mit weitaus weniger Energie nach Hause,
schweigsam einer nebeneinander: Obwohl er zehn Tage geblieben ist, gehört
Ganesh nicht zu den Gästen, die man gerne weiterziehen sieht.
Von Wasser aus wirkt der Strand mit der Dünung, auf der schmale orange
Fahnen wehen, geschmückte Wagen stehen, Schreie sich verrühren,
und in Intervallen Platz lassen für heftige Gesänge, wie ein
mittelalterliches Schlachtfeld. Wenn man sich nähert, zeigt einem
jedes Detail die Täuschung auf. Die wallenden Farben stammen von
Blumengirlanden, der Rauch von Inzenzstäbchen, die Schreie sind frohlockend,
die Gesänge in oberer Tonlage wie Sauflieder, in unterer Tonlage
wie liturgische Choräle. Ekstase und Versenkung teilen sich den Strand.
Während die kleinen Ganeshfiguren gleich untergehen, stehen die gewaltigen
Idole der Mandals stundenlang im Wasser, präsentieren sich ein letztes
Mal den staunenden Massen und den Fotografen, werden abgeschminkt und
warten samt Begleitern auf die Fluten des Indischen Ozeans. Irgendwann
werden die Wellen sie im Vollmondlicht von den Beinen holen, wird das
salzige Wasser den Gips auflösen. Am nächsten Morgen, wenn Freiwillige
den Strand säubern, findet sich nur noch ein einzelner Arm oder eine
Krone. Der Rest von Ganesh ist verschwunden.
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