Seltsame Erscheinung
Ilija Trojanow

 

 

 

22.11.1999


 

 

Der Gemüsehändler, der wie ein aufmerksamer Vogel über seiner Ware hockt, Flachkörbe voller Ingwer, Tomaten, Okra und Koriander, hat uns eingeladen zu einer jener lauten, deftigen Prozessionen, die abends durch die Straßen ziehen, um Ganesh ans Meer zu bringen. In seiner Gasse tanzt ein Pferdemann, das Gesicht zur Maske geschminkt, indem er seinen Hinterleib kreisen läßt. Neben ihm ein Pfau, das Gesicht hinter Federn versteckt. Die Trommler sind schon mit roter Farbe beschmiert; zum Aufbruch verteilen die Väter aus Familienpackungen genug Pulver, um die Welt einzustauben. Ganesh sitzt auf einem blumenbeschmückten Karren, von den Männern gezogen, von den Frauen geschoben. Die Prozession geht wenige Schritte aufs Mal, dann scheren die Trommler aus, die Tänzer drehen und wenden sich, eine weitere Prozession schließt sich an, bis wir uns in einem Zug befinden.
Auf der Hauptstraße wird ein Seil gespannt, das die Gruppe vor dem Verkehr schützt. Unter den Tänzern wandert eine Flasche billigen Schnaps. Das Pferd und der Pfau tanzen unentwegt, wie Kreisel, die keine Reibung kennen. Stunde um Stunde, von den letzten spitzen Sonnenstrahlen über die weiche Dämmerung bis zu den grellen Kegeln der Neonlaternen. Immer wieder legt ein eifriger Tänzer provozierend einen Geldschein auf die Straße, den das Pferd umtänzelt, aufrecht, gebeugt, in der Hocke, immer schneller rotierend, auf den Knien, bis es den Schein mit den Zähnen aufgabelt. Innerhalb des Seils werden alle Hemmungen ausgeschwitzt. Auch die Frauen beginnen zu tanzen, doch stets alleine, in einem sicheren Abstand zu den Männern. Die Kinder werden auf Schultern durchgeschüttelt, die Schreie zu Ehren Ganapatis kochen über. Ein Tanz durch rote Wolken, der in dem Höhepunkt des Abschieds endet, zudem selbst aus vielen kleinen Crescendos besteht.
Aus allen Richtungen ziehen Menschen zu den Stränden. Obwohl Tausende Idole durch die Straßen gefahren, gezogen, getragen werden, ist jeder Ganesh ein Original, in unzähligen Variationen imaginiert, mal mit fünf schwarzen Köpfen versehen, mal mit Turban ausgestattet, mal auf einer Ratte – glubschendes Blauauge und frech nach oben gerichtete Schnauze – reitend, mal siegreich auf dem affigen Dämonen AIDS stehend. Politische Parteien und Banken haben kleine, schattige Tribünen, die Polizei Hochsitze errichtet.
Am Chowpatty- Strand – zu beiden Seiten die Wolkenkratzer eines aufstrebenden Indiens – ist der Sand nicht zu sehen, nur die Absperrungen der Polizei, die zwei Millionen Menschen in Bahnen lenken sollen. Ganesh wird ein letztes Mal angebetet. Löcher werden in den Sand gegraben, um ein windgeschütztes Feuer anzuzünden. Das Licht kreist dreimal vor seinen wohlwollenden Augen, dann wird der Gefeierte von einigen Familienangehörigen – dem Familienvater meist, der sich bis auf eine etwas altmodische Unterhose ausgezogen hat, und trotz Schmerbauch und Hohlkreuz weder unwürdig noch ohne Stolz wirkt – ins Wasser getragen. Danach hüpfen Familienväter im Wasser herum, bis sie von weitem nicht mehr von ihren tollenden Kindern zu unterscheiden sind, waten zu ihren Frauen zurück, schießen Fotos mit überschlagenden Fingern und verweilen noch einige Minuten auf dem Strand, für kurze Zeit aller Sorgen entledigt. Später schieben sie ihren leeren Karren mit weitaus weniger Energie nach Hause, schweigsam einer nebeneinander: Obwohl er zehn Tage geblieben ist, gehört Ganesh nicht zu den Gästen, die man gerne weiterziehen sieht.
Von Wasser aus wirkt der Strand mit der Dünung, auf der schmale orange Fahnen wehen, geschmückte Wagen stehen, Schreie sich verrühren, und in Intervallen Platz lassen für heftige Gesänge, wie ein mittelalterliches Schlachtfeld. Wenn man sich nähert, zeigt einem jedes Detail die Täuschung auf. Die wallenden Farben stammen von Blumengirlanden, der Rauch von Inzenzstäbchen, die Schreie sind frohlockend, die Gesänge in oberer Tonlage wie Sauflieder, in unterer Tonlage wie liturgische Choräle. Ekstase und Versenkung teilen sich den Strand.
Während die kleinen Ganeshfiguren gleich untergehen, stehen die gewaltigen Idole der Mandals stundenlang im Wasser, präsentieren sich ein letztes Mal den staunenden Massen und den Fotografen, werden abgeschminkt und warten samt Begleitern auf die Fluten des Indischen Ozeans. Irgendwann werden die Wellen sie im Vollmondlicht von den Beinen holen, wird das salzige Wasser den Gips auflösen. Am nächsten Morgen, wenn Freiwillige den Strand säubern, findet sich nur noch ein einzelner Arm oder eine Krone. Der Rest von Ganesh ist verschwunden.