Erlangung wundersamer Kräfte
Ilija Trojanow

 

 

 

22.11.1999


 

 

Ein tanzender Ganesh mit schwingendem Rüssel kann für alles werben. Er kann Menschen erziehen ("Nicht spucken oder pinkeln” steht auf Wänden unter seinem Ebenbild), er kann die leeren Kassen der Künstler zum Klingen bringen – zur Festzeit zeigen die Galerien freie Stilisierungen, während in Sälen und Kulturzentren die üblicheren Figuren in hundert-, gar tausendfacher Ausfertigung ausgestellt werden. Ganesh, heute Ausdruck von unverbindlichem Frohlocken, ist so etwas wie Mickey Mouse der indischen Massenkultur.
Nicht so in dem Tempel Siddhivinayak, der den heiligsten Ganesh der Stadt beherbergt und zu dem jeden Dienstag 200.000 Menschen strömen. Zwar schwirren am Fries der Galerie elektronische Lichterketten hin und her, doch trotz Massenbetrieb hat sich eine Atmosphäre der Andacht gehalten. Sanftes Sonnenlicht fließt über den eifarbenen Boden, verstärkt die Farbe der allgegenwärtigen gelben Blumen. Gläubige reichen den Priester nach zweistündiger Wartezeit ihre Opfergaben – Kokosnuß als Symbol des eigenen Egos, das dem geistigen Fortkommen im Wege steht, Blumen, Süßigkeiten und Räucherstäbchen als Symbol der Sinne. Die Priester legen die Gaben in effizienter Fließbandarbeit auf die Balustrade vor dem Idol, lassen sie einige Sekunden dort liegen und reichen sie wieder den Gläubigen. Hinter dem Gedränge vor dem Idol sind viele im Gebet, in Meditation versunken.Wenn die Anstrengung zu groß escheint, der kann Darshan (Betrachtung) oder Puja (rituelles Gebet) über das Internet erledigen –
Hier, wo das Fest nicht religiös entkernt ist, kann ein Brahmane daran erinnern, daß den alten Lehren gemäß weder große Figuren, noch teure Aktivitäten nötig wären. Jeder Gläubige kann das Ritual im Gedanken ausüben (Maras Puja), als reine Vorstellung, ohne Kokosnüsse oder Süßigkeiten oder Räucherstäbchen. Selbst die Blumen, die er überreicht, duften nur in der Phantasie seiner Hingabe. Davon wollen die Gläubigen in den Schlangen vor dem Tempel und vor den berühmten Mandals nichts hören. Und auch der Vorraum neben der Straße spricht diesen Worten hohn: Hügel von Kokosnüssen werden in zwei gehackt, in kleinere Stücke geschnitten und schließlich mit einer etwas altmodisch aussehenden Apparatur geraspelt. Die vielen offenen Handflächen müssen zum Abschied gefüllt werden.