Schützer der Sanften
Ilija Trojanow

 

 

 

22.11.1999


 

 

Vor 75 Jahren wünschte sich ein Mann unbedingt einen Sohn. Seine Frau hatte ihm schon drei Töchter geboren, und auch die Frau seines Bruders hatte nur Töchter zur Welt gebracht. Die Nachfolge der Familie war bedroht. Der Mann wandte sich an Ganesh und legte einen Schwur ab: Wenn meine Frau einen Sohn gebärt, soll Ganesh für alle Zeiten Gast in unserem Hause sein. Der Sohn wurde ihm geschenkt und Ganesh hat die Familie schon 75 Mal besucht.
Der geschenkte Sohn ist inzwischen ein pensionierter Herr, Patriarch einer erfolgreichen Familie. Das Meer erstreckt sich unter der gesamten Fensterfront seiner Wohnung im achten Stock, so als wäre es ein weiteres großes und teures Gemälde an der Wand. In diesem Haus wird akzentfreies Englisch gesprochen, werden Hymnen auf Sanskrit gesungen. Vor dem Fenster, zwischen Elfenbeinfiguren und Wedgewoodporzellantellern, haben die Musiker Platz genommen. Die Gäste trudeln ein, die Damen in feinen Saris wandelnden Kunstwerken gleich, bieten einem mit Marigold umkränzten Babyganesh Blumen oder einen Geldschein dar, verneigen sich kurz und setzen sich im Schneidersitz auf den Teppich. Die Tochter des Hauses trägt einige Shlokas aus der Bhagadvita über den perfekten Yogi vor. Sphärische Musik, von den Rhythmen der Tabla vererdet. Nach einiger Zeit, als der Ton selbstverständlich durch den Raum schwebt und kein Spätankömmling mehr umständlich über die Sitzenden steigt, scheint der Ort ohne Zeit zu sein, scheinen die Desai samt ihren Bekannten das Ewige an ihrer Tradition zu zelebrieren. In dem fiktiven Raum, den die Anwesenheit von Ganesh im Privatkosmos dieser Familie geschaffen hat. Nur für einen Abend, denn schon am nächsten Vormittag wird er wieder ausgeladen (der Brauch hat auch für Ungeduldige vorgesorgt). Mag Herr Desai einen internationalen Konzern geführt haben, mag seine Frau mit Begeisterung Golf spielen und die Tochter sich dem Importbusiness mit Luxusgütern widmen, an diesem Abend nesten sie alle im Unveränderlichen.
So hätte es zu Ende gehen können, wäre der salbungsvolle Gesang nicht von dringlicheren Straßenrhythmen heftig übertrommelt worden. Laßt es uns ignorieren, bedeutete die linkshändige Geste der Sängerin. Es stört doch arg, drückte ihr gequältes Lächeln zwischen zwei Strophen aus. Sie sang lauter, ein Diener schloß die offenen Fenster. Das Straßenfest war gedämpft, aber nicht ausgeblendet.