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Vor 75 Jahren wünschte sich ein Mann unbedingt einen Sohn. Seine
Frau hatte ihm schon drei Töchter geboren, und auch die Frau seines
Bruders hatte nur Töchter zur Welt gebracht. Die Nachfolge der Familie
war bedroht. Der Mann wandte sich an Ganesh und legte einen Schwur ab:
Wenn meine Frau einen Sohn gebärt, soll Ganesh für alle Zeiten
Gast in unserem Hause sein. Der Sohn wurde ihm geschenkt und Ganesh hat
die Familie schon 75 Mal besucht.
Der geschenkte Sohn ist inzwischen ein pensionierter Herr, Patriarch einer
erfolgreichen Familie. Das Meer erstreckt sich unter der gesamten Fensterfront
seiner Wohnung im achten Stock, so als wäre es ein weiteres großes
und teures Gemälde an der Wand. In diesem Haus wird akzentfreies
Englisch gesprochen, werden Hymnen auf Sanskrit gesungen. Vor dem Fenster,
zwischen Elfenbeinfiguren und Wedgewoodporzellantellern, haben die Musiker
Platz genommen. Die Gäste trudeln ein, die Damen in feinen Saris
wandelnden Kunstwerken gleich, bieten einem mit Marigold umkränzten
Babyganesh Blumen oder einen Geldschein dar, verneigen sich kurz und setzen
sich im Schneidersitz auf den Teppich. Die Tochter des Hauses trägt
einige Shlokas aus der Bhagadvita über den perfekten Yogi vor. Sphärische
Musik, von den Rhythmen der Tabla vererdet. Nach einiger Zeit, als der
Ton selbstverständlich durch den Raum schwebt und kein Spätankömmling
mehr umständlich über die Sitzenden steigt, scheint der Ort
ohne Zeit zu sein, scheinen die Desai samt ihren Bekannten das Ewige an
ihrer Tradition zu zelebrieren. In dem fiktiven Raum, den die Anwesenheit
von Ganesh im Privatkosmos dieser Familie geschaffen hat. Nur für
einen Abend, denn schon am nächsten Vormittag wird er wieder ausgeladen
(der Brauch hat auch für Ungeduldige vorgesorgt). Mag Herr Desai
einen internationalen Konzern geführt haben, mag seine Frau mit Begeisterung
Golf spielen und die Tochter sich dem Importbusiness mit Luxusgütern
widmen, an diesem Abend nesten sie alle im Unveränderlichen.
So hätte es zu Ende gehen können, wäre der salbungsvolle
Gesang nicht von dringlicheren Straßenrhythmen heftig übertrommelt
worden. Laßt es uns ignorieren, bedeutete die linkshändige
Geste der Sängerin. Es stört doch arg, drückte ihr gequältes
Lächeln zwischen zwei Strophen aus. Sie sang lauter, ein Diener schloß
die offenen Fenster. Das Straßenfest war gedämpft, aber nicht
ausgeblendet.
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