Gott der niederen Gottheiten
Ilija Trojanow

 

 

 

22.11.1999


 

 

Ganesha ist ein sympathischer, humorvoller Gott, niedlich mit seinem Rüssel, seinen runden Augen und den etwas pummeligen Beinchen. Doch sagt man ihm auch Verdrießlichkeit und Jähzorn nach, vor allem jenen gegenüber, die ihm nicht den nötigen Respekt erweisen. An allen wichtigen Feiertagen wird er zuerst um einen Segen angerufen, und die Erstklässler lernen zuerst den Buchstaben G. Zudem fördert er Bildung, die Künste, den kreativen Erfolg. Kein Wunder, daß Ganesh das Götter-Ranking in Indien, vor allem in Bombay, klar anführt.
Ursprünglich war Ganesh ein Naturgeist, zuständig für die Fruchtbarkeit der Felder. Den einst in den Dschungeln des südlichen Indiens lebenden Stammesvölkern galt er – in der bedrohenden Gestalt eines Elefanten – als "Erschaffer von Hindernissen", eine Charakterisierung, die sich nach der Vermischung mit den aus Zentralasien eingewanderten Ariern in ihr Gegenteil wandelte. Ganesh war wohl der letzte Gott, der ins Hindu-Pantheon aufgenommen wurde. Zwar bedeutet sein Name wortwörtlich "Gott der niederen Gottheiten", doch diese theologische Klassifikation kann durch das im gläubigen Alltag befolgte Prinzip der freien Götterwahl überwunden werden. Dann erscheint er als wichtigster aller Götter, als allmächtig. Deswegen existieren Erklärungen, er vereine den ganzen Kosmos in sich, wobei der Kopf die Sterne, der Körper den Äther und die Füße die Erde verkörpern. Oder: Der Torso, der menschliche Teil, verkörpere die vergängliche Schöpfung, wogegen der göttliche Kopf die Erlösung darstelle. Oder: Sein ganzer Körper symbolisiere das magische Aum (Om); A für die Beine, U für den Bauch und M für den Kopf.
Auch um die Geburt von Ganesh ranken sich viele Legenden: Seine Mutter Parvati hat den Sohn einst aus dem Schorf ihres Körpers unter Hinzunahme von Salben, Ölen und Gangeswasser geformt, weil ihr ein Freund und Begleiter fehlte, der nur ihr zur Treue verpflichtet war. Dann bat sie ihren Sprößling, ihre Gemächer zu bewachen und niemanden hereinzulassen, denn ich gedenke, ein Bad zu nehmen. Just zu diesem Zeitpunkt kehrte der Ehemann Shiva, der Gott der Zerstörung, heim. Zu seinem Erstaunen wurde er von einem frechen Burschen daran gehindert, seine Frau aufzusuchen. In Rage zückte er sein Schwert und köpfte den Aufmüpfigen. Zum Trost versprach er Parvati, den Kopf des ersten lebenden Wesens auf den enthaupteten Leib zu setzen, der ihm im Wald begegnen würde. Es war ein Elefant!
Das heutige Fest verdankt seine Existenz dem Nationalisten Bal Gangadhar Tilak, der Anfang des Jahrhunderts nach Wegen der kulturellen Selbstbehauptung suchte, die nicht unter die Verbote der britischen Kolonialregierung fielen. Das bis dahin nur privat gefeierte Ganeshfest bot eine volkstümliche Möglichkeit, Identität und Selbstwertgefühl zu stärken. Vor mehr als hundert Jahren wurde Ganesh zum ersten Mal öffentlich ausgestellt, angebetet und nach zehn Tagen in einem Gewässer versenkt. Über die Jahrzehnte mag sich die Motivation geändert, der Charakter gewandelt haben – Volkserziehung hat Massenkultur Platz gemacht –, doch ist die Begeisterung im westlichen Indien unvermindert. In diesen Tagen bestimmt Ganesh über alle Götter und Menschen.