Zerstörer von Hindernissen
Ilija Trojanow

 

 

 

22.11.1999


 

 

Dort, wo das restliche Jahr über Autos parken, sitzen Idole unter einer Plastikplane in Reih und Glied. Hunderte von ihnen, bemalte Skulpturen aus Gips und Kokosnußfasern. Ganesh hat auf einem Globus Platz genommen, im Schneidersitz, unter seinen Beinen der indische Subkontinent. Er trägt einen rosanen Bauch und einen roten Schleier, sein Rüssel leuchtet mit metallischen Sternen. Einige Jugendliche bepinseln noch die Fußnägel des Gottes – die Arbeit der Werkstatt von Mr. Khatu, einem der führenden Ganesh-Skulptoren Bombays, wird bald vorbei sein; sie endet an dem Tage, an dem das Fest zu Ehren des Elefantengottes beginnt.
Vor vier Monaten wurde Mr. Khatu von altbekannten Kunden in seiner Werkstatt besucht – Mitglieder eines der 12.000 Mandals Bombays, jener straff organisierter Vereine, die zur Festzeit in einem Provisorium am Straßenrand ein Ganesh-Idol aufstellen und alle möglichen Aktivitäten organisieren, von Riten über Essaywettbewerben bis hin zu Kriegsinszenierungen. Finanziert werden sie dabei von Bürgern, Firmen, Politikern und Gangstern. Der Präsident, der Schatzmeister und der Sekretär des Chandanwadi-Mandals nahmen in dem kleinen Büro Platz. Sie legten ein Album mit Fotos der Idole aus vergangenen Jahren auf dem Tisch, als Grundlage für ein Gespräch über Veränderungen und Neuerungen. Einige Vorschläge hatten sie mitgebracht. 25 Fuß hoch sollte der Ganesh dieses Jahr werden. Wir wollen, sagte einer der Männer, den größten Ganesh in Bombay. Mr. Khatu zeichnete und rechnete. Ganesh würde mit einem Fuß auf eine riesige Trommel stehen, das zwei Bein in tanzender Bewegung. Und er würde 150.000 Rupien kosten, mehr als 5000 DM. Der Vorschlag wurde angenommen, der Auftrag erteilt.
Nun, am späten Vorabend des ersten Festtages, warten die Idole darauf, abgeholt zu werden. Der letzte Monsunregen hämmert auf die Plane und ergießt sich auf die drängende Menschenmenge. Kurz nach Mitternacht rollt der Zwanzigtonnen-Laster des Chandanwadi-Mandals, drapiert in Bannern und Bildern, milimetergenau durch die Gasse, auf seiner Ladefläche vier Trommler und etwa fünfzig bis in die Knochen durchnäßte Aktivisten. Doch die Begeisterung ist unvermindert – die Gaben des Gottes entsprechen den Gaben des Himmels. Wie eingefleischte Fußballfans skandieren, singen, gestikulieren und tänzeln die jungen Männer im Wettstreit mit anderen Lastwägen. Der riesige Ganesh, nach einem kurzen Ritual transportbereit, soll mit purer Menschenkraft auf den Lastwagen gehievt werden. Der Sockel wird angehoben, Stimmen stoßen Ganpati in die Höhe. Auf glitschigem Grund, mit vielen kleinen Schritten, schwankend, trippelnd, wird Ganesh in die Nacht hinaus getragen. "Haltet das Idol, haltet das Idol. Stützt ihn. Von hinten." Schließlich steht das Idol eingewickelt auf der Ladefläche und die heisere Fahrt nach Hause beginnt.
Neben der großen Werkstatt verkaufen an der Hauptstraße viele Buden und Kioske Miniaturidole für den familiären Gebrauch. Die Lastwägen haben einen Stau verursacht, durch den Fußgänger mühsam Karren schieben, darauf Mädchen mit glitzernden Hütchen und Buben mit Dämonenfratzen. In jeder Nische tanzen junge Männer mit roten Armen, roten Händen, roten Gesichtern und Haaren. Inmitten all dem Trubel, weit nach Mitternacht, versucht ein braver Vater seine zwei Töchter, unisono in rosanen Regenschutz gekleidet, mit der einen Hand zu halten, während die andere Hand Ganesh in sein neues Gasthaus eskortiert.