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Nach einem langen Tag der Gespräche auf dem Hof des Bauern
es war gesät und alles wartete auf den Regen , nach vielen
Fragen, die dem weißgekleideten Mann mal unverständlich, mal
selbstverständlich erschienen waren, nach meinem Beharren, die Widersprüche
aufzulösen, die für ihn keine waren, nach der Dämmerung,
als wir zum Stall hinübergingen, seine sechs Büffel zu bewundern,
worauf Schweigen einsetzte, so als sei mit dem Anblick dieser gewaltigen
Ochsen alles über seine Kultur ausgesagt, da räuspert sich Ram
Singh und fragt den Übersetzer etwas. Ein Satz nur, fast geflüstert.
Ob er mir auch eine Frage stellen dürfe. Natürlich, sage ich,
plötzlich meiner Unverfrorenheit bewußt, ihn den ganzen Tag
ausgefragt zu haben. Er würde gerne wissen
stimmt es denn
bald, wenn für uns (die Europäer) eine neue Zeit beginnt,
daß dann alle Maschinen stillstehen werden?
Der Hof des Bauern ist nicht elektrifiziert, einen Traktor besitzt er
hingegen schon. Nein, antworte ich vorsichtig in die Dunkelheit hinein,
so weit ich weiß nicht.
Ob Hindus, Jains oder Buddhisten, die meisten Inder glauben an eine Zeit,
die sich in regelmäßigen Perioden wiederholt. An eine kreisende
Zeit. Gemäß den Ansichten der Hindus durchleben wir gerade
das Kaliyuga, das schwarze Zeitalter. "Schwarz" trägt dabei
durchaus die Konnotation düster, schrecklich, grausam. Ein Beweis
dafür sei die kurze Lebenszeit des Menschen, der einst, in der ersten,
längsten und besten Epoche fast ewig lebte. Die Zeit bewegt sich
somit vom Paradies hin zur Hölle, und von dort aus, nachdem ein neuer
Erlöser erschienen sein wird, wieder zum Paradies zurück.
In Bombay finden sich viele Orte, die einen an das Kaliyuga glauben lassen.
Bahnhof Bombay Central, etwa, zu Stoßzeiten jeder Quadratmeter mit
hockenden, sitzenden und ausgestreckten Menschen bedeckt, Passagiere,
die sich ausruhen oder auf einem Stück Stoff ihr Mittagessen ausbreiten,
Obdachlose, die schlafen, und Straßenkinder, die auf Gelegenheiten
lauern.
Die Straßenkinder leben auf dem Bahnhof und ihr Tag beginnt manchmal
mit dem Fußtritt eines Polizisten. Wer nicht schnell genug aufspringst,
erhält noch einen Tritt, in die Seite der Bulle weiß,
wo es wehtut. Soni oder Sanjay oder Pintu wissen, daß sie verschlafen
haben. Im Hamara Club gegenüber dem Bahnhof, einem Tagesasyl für
die Kinder, hängt ein Zeitplan an der Wand, ein ordentlicher Plan,
der die Tage der Woche von 10 bis 15 Uhr in halbe Stunden aufteilt und
jede halbe Stunde ausfüllt, in verschiedenen Farben. Ausfüllt
mit Lesen, Schreiben und Rechnen, mit Yoga, Spielen, Essen, Malen und
Musizieren sowie dem sogenannten nonformalen Unterricht, in dem all jene
Kenntnisse vermittelt werden, die den Kindern beim Überleben in ihrer
Umwelt nützlich sein können. Sehr genau wird der Plan allerdings
nicht genommen. Kaum ein Kind, selbst unter denjenigen, die täglich
kommen, schafft es, den ganzen Schultag im Hamara Club zu
verbringen. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Denn der
Lehrplan unterliegt dem Fahrplan der Züge. Wer als Träger oder
Verkäufer arbeitet, springt vor der Ankunft jedes Zuges auf; und
bleibt am Bahnhof, bis er jedem Passagier seine Dienste oder seine Waren
angeboten hat.
Jeder Tag ist gleich, abgesehen von der Woche vor dem Nationalfeiertag
am 26. Januar. Wenn die Polizei dem Befehl nachkommt, die Straßen
von Kriminellen zu reinigen, locht sie zur Erfüllung ihrer Quoten
auch einige Straßenkinder ein.
Zeit ist für diese Kinder ein schwarzes Loch, das jegliches Potential
verschlingt, bis nur Dumpfheit übrigbleibt.
Im Kaliyuga herrschen Hetze und Hast, eine immer dringlichere Beschleunigung.
Gleichsam der Alltag Bombays. Doch gerade Kricket, das Nationalspiel Indiens,
steht dazu in einem anachronistischen Gegensatz (der vielleicht gar keiner
ist
?). Ein Test-Match erstreckt sich über fünf ganze
Tage, an jedem Tag von Früh bis kurz vor Sonnenuntergang, unterbrochen
nur von einer Stunde Mittagspause und zwanzig Minuten Tea-Time. Während
des Spiels geschieht minutenlang nichts, weil sich eine Mannschaft taktisch
umstellt. Manchmal passiert stundenlang nichts, weil der Werfer und der
Schläger sich belauern. Dann ist das Aufregendste am Kricket der
Schatten eines kreisenden Falken. Irgendwann am dritten Tag ich
sitze im Stadion brav alle fünf Akte durch begreife ich, daß
Kricket keineswegs eine Sportart ist, sondern eine Meditationsmethode,
mit dem Ziel, in die endlose Geduld einzugehen. Und Geduld scheint in
Indien im Überfluß vorhanden zu sein. Kein Wunder, dauert doch
ein vollständiger Zeitzyklus mehrere Billarden Jahre.
Wie schwer muß es ihnen fallen, jene zu verstehen, die zelebrieren,
gerade einmal zwei Jahrtausende hinter sich gebracht haben. Und dabei
die Kontrolle über ihre Maschinen verlieren.
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