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Hanna hat entdeckt, daß ich über sie schreibe.
Das ließ sich ja auch nicht verhindern. »Du schreibst über
mich!« hörte ich sie von Anfang sagen. »Heute abend gibst
du mir alle Texte, in denen ich vorkomme!« hat sie dann schließlich
gesagt. »Nein«, hätte ich geantwortet, »natürlich
schreibe ich nicht über dich, nicht wirklich!« Und dann ließ
mich selbst mein schlechtes Gewissen im Stich. Aber soweit ist es nie
gekommen. Hanna hat meine Texte nicht im Internet gelesen. »Sie
stehen ja im Netz«, hätte ich gesagt, »von Anfang an
habe ich also nur geschrieben, was du sowieso hättest lesen können.«
Aber Hanna hat die Texte auf meinem Schreibtisch gefunden. Nicht direkt,
sie mußte erst den Computer hochstarten und dann den Ordner mit
ihrem Namen anklicken. Hätte sie meine Texte in einem Buch gefunden,
hätte sie eine Woche nicht mit mir gesprochen. In diesem Fall aber
hätte ich vorgesorgt: für Hanna, die einzige hätte ich
direkt hinter den Buchtitel setzen lassen. Oder: für Hanna, die still
war, während ich geschrieben habe, oder, falls es sich um ein Sachbuch
gehandelt hätte: ich danke Hanna, meiner Frau, die mir während
dieser Arbeit zu essen gegeben hat. Bei einem wissenschaftlichen Werk
hingegen, nachdem ich schon die ganze Liste an Widmungswichtigen abgearbeitet
hätte, müßte dort stehen: für die, die mit unseren
vierundzwanzig Kindern gespielt hat, während ich keine Zeit dazu
hatte, oder, was das gleiche ist, die klug war, während ich theoretisch
war. Am besten zieht aber immer noch: für Hanna, die einzige Leserin.
Ich hätte meinen Computer doch paßwortgeschützt lassen
sollen.
»Es ist nicht in Ordnung«, hätte Hanna sich beklagt,
ȟber jemanden zu schreiben und das auch noch ohne Einwilligung
zu veröffentlichen.« Hanna hat keine Ahnung von Jura. Das sind
zwei ganz unterschiedliche Verbrechen, meint sie. Aber Hanna geht es nicht
um Recht, sondern um Höflichkeit. »Höflichkeit«,
doziert Hanna, »kennen heutzutage ja sowieso nur noch die Lateinlehrer.«
Und da hätte sich herausgestellt, daß wir gar keine Kinder
haben, die ich in die Widmung aufnehmen könnte. »Ihren eigenen
Kindern können die meisten ja nicht einmal die rudimentärsten
Regeln des Zusammenlebens beibringen.« Das ist Hannas Fundamentalthema.
»Bäh«, hätte sie ihren Exkurs abgeschlossen und
wieder einmal davon geschwärmt, daß wir uns auf ein Landhaus
in Polen zurückziehen sollten. Aber ich hätte ihr das Buch neben
unser Bett gelegt und sie in wenigen Tagen darin blättern gesehen.
Nun hat sie sich die Texte nicht einmal ausgedruckt. »Darf ich mal
kurz deinen Internetanschluß benutzen?« hat sie gefragt. Wenn
es wenigstens die Zeitung gewesen wäre, eine kurze aber zynische
Kolumne zum Thema Beziehungsgelage. Da hätte Hanna gelacht, mir die
Zeitung auf den Hinterkopf geschlagen und verboten, ihr noch einmal einen
solchen Streich zu spielen. »Selbst Adorno«, hätte sie
gesagt, »hat sich mit den amerikanischen Atsrologenspalten beschäftigt.«
Zum Zeitverteib. »Und das, obwohl Amerika solch ein schreckliches
Land ist.« Aber das Internet sei ein riesengroßer Müllhaufen.
Gerade mal dazu geeignet, um sich etwas Abfall herauszupicken, der versehentlich
weggeschmissen wurde. »Klatsch«, kommentiert Hanna, »aber
was das schlimmste ist, schlechter Klatsch.«
Ich setze meine Hundeaugen auf und frage sie durch die Zahnlücken
schielend: »Meinst du, ich hätte etwas anderes geschrieben,
wenn es nicht fürs Internet gedacht wäre?« Hanna dreht
sich langsam mir zu, und ich kann ihrem Lippenzucken ansehen, wie sie
meine kritische Nachfrage als barbarische Unverschämtheit empfindet.
»Alteuropäisch gesehen«, spricht sie kühl und exakt
an mir vorbei, »ist es ein Wunder, daß überhaupt so viele
zu den Kulturtechniken Schreiben, Lesen und Rechnen Zugang gefunden haben.
Ich frage mich, warum sich das mit einer neuen Hardware ändern sollte.«
Seitdem surfe ich nur noch gemeinsam mit Hanna. Denn Hanna ist Katholikin.
Und das ist gut so.
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