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Hast du gut geschlafen? Erste Frage am ersten Morgen
in unserem ersten gemeinsamen Bett. Ängstliche Frage. Sie wisse nicht,
sagt Hanna, aber sie sei noch müde. Da ich in der Woche Frühstück
bereite, eine 6-Tage-Woche übrigens, ist sie heute an der Reihe.
Es ist Sonntag, aber ich bin hellwach. Die Matratze ist hart, und Hanna
ist weich. Ich habe gute Laune und schmiege mich noch einmal an ihren
warmen Körper. Warum bist du so weich, Hanna? Das habe ich
nur so daher gesagt. Aber Hanna hat morgens meist schlechte Laune (schlechten
Kreislauf). Der liebe Gott, sagt sie, hat die Frauen weich gemacht
und vorne mit zwei Fettpölsterchen ausgestattet, damit sie sich beim
Fallen nicht wehtun. Gut, das wars dann. Das beste ist, wenn
ich heute Frühstück bereite und erst mal Kaffee hole (Kreislauf).
Ich sitze auf der Bettkante und suche meine Pantoffel. Tut mir leid.
Hanna richtet sich mühsam auf und faßt nach meiner Hand. Ich
konnte nicht einschlafen. Du hast die ganze Nacht mit den Zähnen
geknirscht und unverständliches Zeug gequatscht. Ich hatte
einen Alptraum. Manchmal schaffe ich es, Hanna ein schlechtes Gewissen
zu machen. Was hast du denn geträumt, mein Liebling? Ich stehe
jetzt vor dem Bett, um Raum für große Gesten zu haben:
Mir träumte, die EG hätte ein breit angelegtes Subventionsprogramm
für Akademiker beschlossen. Ziel war es, die einheimische Textproduktion
ins nächste Jahrtausend zu retten. Im Traum saß ich vor einem
riesigen Formular und überlegte, für welches Projekt ich Zuschüsse
beantragen sollte. Für jeden nicht publizierten Essay über Goethe
bekam man hundert Mark. Die Obergrenze von 250.000 Zeichen pro Jahr durfte
nicht überschritten werden. Das bedeutete, daß man sich für
eine bestimmte Textgattung entscheiden mußte. Natürlich waren
unter diesen Umständen Glossen und kurze Prosa viel beliebter. Dicke
Romane waren ganz und gar förderungsungeeignet. Um die Preise für
Text stabil zu halten, wurde alles, was die Schreiber darüber hinaus
ablieferten, verbrannt.
Hanna lächelte wieder. Du hast mehrfach gegen die Wand geschlagen.
Ich war auf einer Riesendemo in Brüssel. Akademiker aus allen
Ländern Europas waren dort, und sie trugen Anrufbeantworter mit sich,
die sie mit lateinischen Merksätzen besprochen hatten. Es gab ein
Gesetz, nach dem man nicht nur sein Thema zwei Jahre im voraus bestimmen,
sondern mindestens einen potentiellen Leser benennen können mußte.
Da die meisten Textwerkstätten ja Familienunternehmen sind, hatten
viele der Schreiber deshalb ihre Frauen mitgebracht. Der Verein Frauen
schreibender Männer, der ja traditionell Probleme hat, junge Frauen
als Mitgliederinnen zu gewinnen, warf mit Kaffeebomben auf das Europaparlament.
Eine fatale Konsequenz dieser Subventionspolitik war eine ungeheure Flut
von Romananfängen, die wesentlich besser als Romanenden bezahlt wurden.
Das Produkt selbst spielte ja keine Rolle mehr. Wichtig war, daß
es sie noch gab, die deutschen Schriftsteller. Denn das eigentliche Ziel
der Förderung sollte die Lösung von Nachwuchsproblemen sein.
Weil Schriftsteller sich ja so schwer verheiraten lassen und gelegentlich
aus Kongressen schon Brautschauen gemacht wurden. Weil Schriftsteller
nur noch in Schriftstellerfamilien einheirateten. Weil Schriftsteller
auch mal in Urlaub fahren und das Meer sehen und sich für diese Zeit
einen Ersatz leisten können sollten. Weil Schriftsteller einfach
auch mal am langen Samstag zu finden sein sollten. Die christlichen Parteien
hatten sogar einen Slogan entworfen, der den Schriftsteller wieder in
den Volkskörper einbetten sollte: Tapfer die deutsche Frau, die einen
deutschen Schriftsteller heiratet.
Hanna lächelte immer noch. Und wofür hast du demonstriert?
Ich hatte ein Transparent mit der Aufschrift: Denkt an die dritte Welt!
Hannas Lächeln ging über in ein schelmisches Grinsen. Ja,
ich rief die ganze Zeit über: In Afrika haben die Menschen nichts
zu lesen!
Hanna schüttelte ihren Kopf. Sie meinte, zur Strafe müsse ich
ihr das Frühstück ans Bett bringen. Das mit dem schlechten Gewissen
hatte nicht funktioniert. Und aus meiner 6-Tage-Woche war eine 7-Tage-Woche
geworden. Aber: Kreislauf und Laune gut.
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