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Hast du Lust auf eine Tasse Tee? fragt Hanna.
Ich nicke. Möchtest du eine Tasse oder ist es dir egal? Ich
antworte, daß ich sehr gerne eine Tasse Tee hätte. Oder
möchtest du lieber einen Martini? Während der Arbeit etwas
zu sich zu nehmen, ist so, als würde man seinen Ausfluß kompensieren
wollen. Oh ja, ein Martini wäre genau das richtige! Hanna
bleibt im Türrahmen stehen. Sie hat ihre schmalen Hände schräg
auf das weiße Holz gelegt. Obwohl sie in meinem Rücken ist,
sehe ich genau, daß eins ihrer Beine eingeknickt ist und sie ihrer
Hüfte freies Spiel läßt. Vorhin wolltest du noch einen
Tee! Ich muß mich umdrehen. Und jetzt möchte ich einen
Martini! Hanna schmiegt sich genüßlerisch
an das Holz. Bist du sicher? Ich meine, wenn du eben unsicher warst,
könntest du doch auch jetzt deine Entscheidung noch bereuen. Oder
hast du das eben nur so hingesagt?
Es reicht. Hanna, sage ich, und das sage ich in einem flehentlichen
Ton, der meine ganze Qual mit hineinnehmen, aber jeden Streit vermeiden
soll. Hanna, ich muß arbeiten. Spielverderber. Ich sehe genau,
daß sie das denkt. Spielverderber, sagt sie, dreht sich um,
bleibt aber kurz hinter der Tür stehen und schlendert sehr langsam
zum Küchenschrank. Jugendstil. Den haben wir am Wochenende in Belgien
gekauft, und ich bin jedes Mal stolz, wenn ich etwas auf die Anrichte
legen kann, die vorher noch nicht da war. Ich höre, wie Hanna ein
Glas auf das breite Eichenbrett stellt. Es wird gefüllt. Bringst
du mir auch einen Martini? Hanna betritt wieder das Zimmer und setzt
sich auf die Couch. Ich weiß nicht, sagt sie abwesend, vielleicht
später.
Was machst du, mein Schatz? Ich versuche es einmal ganz lieb. Klug
ist, wer das Zentrum seiner Frage nicht preisgibt. Hm? Ich sehe
zu ihr auf und warte geduldig auf eine Antwort. Lesen. Ich hasse
Hanna. Sie kennt meine Absicht ganz genau. Deshalb hat sie jetzt schlecht
Laune, und ich neige zum Jähzorn. Was liest du, mein Schatz?
Einen Artikel über Hermann Nitsch. Warum hast du mir keinen
Martini mitgebracht? Ich dachte, du könntest dich nicht entscheiden.
Ich stehe jetzt in der Mitte unseres Wohn- oder je nach dem Arbeitszimmers,
drücke beide Hände tief in die Hosentaschen und komme mir lächerlich
vor, als mein Blick auf die ledernen Hausschuhe fällt. Die hat Hanna
mir geschenkt. Flach sind sie, ganz flach. Damit ich nicht meine schwarzen
K-l-o-t-s-c-h-e-n trage. Truckerholzschuhe. Sie seien zu laut. Ich hasse
es, wenn man zu Hause seine Straßenschuhe, (hört sich an, als
wären sie unbedingt voll Hundekot), ausziehen muß und etliche
Zentimeter kleiner durch die Wohung schleicht. Die ockergelben Lederschuhe
sind flach, ihre Oberfläche ist von kleinen luftigen Löchern
durchsiebt. Und weil sie so flach und lappig sind, schlappen sie beim
Gehen auf und ab. Schlap, schlap. Ich meine, sie sind noch viel lauter
als die Holzschuhe. Schlap. Noch einen Schritt, und ich sollte meine Frage
besser ganz verbergen.
Ist irgend etwas? Hanna mustert mich, bleibt mit den Augen an meinen
ausgbeulten Hosentaschen hängen, grinst. Gehts oder juckt
es? Ich sehe intelligibel zu Boden und mache eine angedeutete Gesprächswende
auf dem Parkett. Wenn ich sie jetzt fragen würde, ob ich mit den
Lederpantoffeln und meinem weichen Winterbäuchlein nicht auch aussehen
würde wie ein Trucker, würde Hanna sagen, manchmal kannst du
richtig süß sein. Schätzchen, Schätzchen, Schätzen,
höre ich sie sagen. Aber dazu werde ich sie nicht befragen. Hör
mal, sage ich aus meiner Gedankenbeuge heraus, das muß aufhören,
wenn ich hier einziehe. Warum können wir nicht ernst und zärtlich
zueinander sein? Hanna blickt. Du bist dir also doch nicht sicher?
Ich blicke offensichtlich verständnislos. Ob du hier einziehen
willst? Doch, sage ich, nach meinem Text suchend, ich finde
einfach nur, daß solche Spielchen überflüssig sind. I-c-h
bin entschieden. Kurze Pause. Wer weiß, ich denke, wir sollten
unsere Zeit besser nutzen, wer weiß, ob wir in Zukunft noch so unbehelligt
leben können. Hanna hat mir aufmerksam zugehört. Ich kann
ihr keinen Vorwurf machen. Bist du dir sicher oder hast du dich entschieden?
Sie spricht vorwurfslos. In solchen Situationen ist es am besten, sich
unauffällig wieder an die Arbeit zu setzen. Hoffen, daß Normalität
sich einstellt, ohne etwas dafür tun zu müssen. Ich empfinde,
sagt Hanna, ohne daß ich sie sehen kann, solche Gespräche
als Zeitverschwendung. Sie liest
wieder über Nitsch.
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