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Die Zeit ist merkwürdig still. Hanna und ich haben
uns entschieden, die Silvesternacht im Zug zu verbringen. Eigentlich hat
sich nicht viel geändert in diesem letzten Jahrtausendjahr. Das wird
wahrscheinlich auch im nächsten, beginnenden Jahr so sein. Wir haben
herausgefunden, daß in der Nacht zur Zeitenwende hier abends ein
Zug nach Budapest abfährt. Diesen werden wir nehmen. Wir stellen
uns vor, daß wir einfach an all den Städten und Feiernden vorbeifahren.
Etwa um zehn Uhr morgens müßten wir in Wien zum Umsteigen ankommen.
Wir stellen uns vor, daß es ein kosmonautisches Gefühl sein
wird, nachts im Abteil eines Zuges zu sitzen und um Punkt zwölf Uhr
eine Flasche Champagner aus dem Picknickkorb zu greifen. Es ist völlig
still im Zug, hoffen wir, außer den Zuggeräuschen natürlich.
Zumindest in unserem Abteil wird Stille herrschen. Ein Zweierabteil. Dort
werden wir alles verabschieden. Normaler Weise muß man das, was
man im letzten Jahr zurücklassen will, in der Neujahrsnacht auf einen
Zettel schreiben und diesen dann verbrennen. Aber das brauchen wir nicht.
Das geschieht ohnehin. Wir vergessen die Shoa, das Schweigen, die Avantgarde,
das Eschaton. Es gibt keine Geschichte mehr. Aber es geschieht auch nichts
Neues. Wir haben überlegt, ob wir zusammen mit anderen fahren sollen,
aber das ist nicht möglich. Der Zug könnte stehen bleiben, man
könnte sich zerstreiten auf so engem Raum, überhaupt, das ganze
könnte schiefgehen, und das würden die anderen dann sehr bedauern.
Vielleicht sind es auch die falschen anderen, haben wir überlegt.
Aber damit hat es nichts zu tun. Wir sind alle Freunde durchgegangen.
Es ist ein strukturelles Problem. Wir sitzen da zu zweit im Abteil und
denken darüber nach, daß die Menschen in Europa nie weitergekommen
sind, als sie es in den zwanziger Jahren schon waren. Wer würde das
schon verstehen? Daß sie nicht einmal weiterkommen werden. Nun,
wir freuen uns auf die Zukunft. Aber wir freuen uns nur, weil wir dieses
letzte Bild haben. Hanna und ich liegen nachts im Bett, nebeneinander,
und die Wände und Außenmauern, Masten und Oberleitungen fallen
herab, und wir müssen feststellen, daß wir im All liegen. Aber
wir liegen immer noch auf der Matratze. Das kann man nicht mehr Geschichte
nennen. Alle tun so, als würden wir immer noch in der Geschichte
leben. Aber die ist nun schon seit fast über fünfzig Jahren
vorbei. Deswegen wird sich nichts ändern. Für wen auch. Wer
sollte feststellen, daß sich etwas geändert hat? Ich bin jedenfalls
froh, daß ich mich entschieden habe, nicht alleine zu fahren.
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