

|
|
|
der Neue
Das Internet erscheint zur Zeit als ein Supermedium, weil es alle anderen
Medien zu simulieren imstande ist. Das betrifft nicht nur die gewohnte
Zeilenform von Texten als standardisierte Buchseite, Zeitungsspalte oder
auch als normierte Typoskriptseite, sondern ebenso die Organisation von
Texten durch Kapiteleinteilungen, Absätze, Inhaltsverzeichnisse,
Verweisungszeichen, Register oder auch als Enzyklopädie, Lexikon
und Archiv. Wie der Buchdruck erst dadurch das skriptographische Buch
verdrängen konnte, daß er dessen Schriftbild simulierte und
schließlich erweiterte, steht die Präsentation von Text im
Internet zunächst in Konkurrenz zu herkömmlichen Formen. Das
gilt ebenso für Formate tradierter Seh und Hörgewohnheiten bis
hin zur Imitation von liveÜbertragungen und Zuschauerräumen.
Deshalb scheinen die Inhalte der alten Medien auch zum großen Teil
Inhalte des neuen zu werden. Ebenso verhält es sich mit der Literatur.
Die Kontinuität, die Selektion und die Innovation von Formen lassen
sich bei diesem Medienwechsel allerdings schwer beobachten, weil man nur
von einer Analogie der Inhalte sprechen kann, so als würde man ein
Thema in seiner textlichen und filmischen Realisation vergleichen wollen.
die Gruppe
Ein neues Medium verändert aber auch die gesellschaftliche Stellung
aller anderen bzw. die Stellung der Medien zueinander und damit auch die
der Buchliteratur. Die Medialität von Texten läßt sich
als Form im Verhältnis zum äußeren Medium beschreiben
oder als Situation ihrer Distribution. So wie die maschinelle Vervielfältigung
und Standardisierung von Texten durch den Buchdruck sich als Zunahme der
Textmengen und als Erweiterung des Adressatenkreises beobachten läßt,
kann man versuchen, das In-ternet zunächst als Distributionsmedium
zu erfassen. Denn die Kommunikationsmodelle einer res publica litteraria
bis hin zur Imagination eines öffentlichen Marktplatzes der Meinungen
zur Zeit des aufkommenden Zeitungswesens lassen sich als strukturierende
Reaktionen auf die Menge der zirkulierenden Texte verstehen. Dann wäre
die Frage nach der Medialität von Texten allerdings nicht in erster
Linie eine Frage nach der strikten Kopplung zwischen Medium und Form,
sondern nach der kulturellen Praxis im Umgang mit diesen Medien. Die erfolgreiche
Alphabetisierung ermöglichte es erst, einen allgemeinen Leser zu
adressieren, der dann als Teilnehmer einer Öffentlichkeit erscheinen
konnte. Dieser Idee der im Unterschied zur repräsentativen
als demokratisch verstandenen Öffentlichkeit verdankt zumindest
die moderne Literatur ihre spezifisch ästhetische Wahrnehmung von
Gesellschaft. Zu fragen wäre deshalb, wie bestimmte Themen im Medium
Internet Aufmerksamkeit erzeugen und ob die Zirkulation und Kommunikation
dieser Themen noch mit den Kategorien öffentlich und privat zu beschreiben
sind. Geht man einmal davon aus, daß die Organisation dieser Kommunikation
wesentlich von der Art der Gruppenbildung und ihrem Kommunikationsmodell
abhängt, das im Internet zunächst eher an geschlossene Gemeinschaftsbildungen
erinnert, dann hätte das für die gesellschaftliche Funktion
von Literatur erhebliche Folgen. Zur Zeit, da die Aufmerksamkeit im Internet
noch wesentlich von anderen Medien wie Zeitung und Fernsehen hergestellt
wird, scheint die Literatur auf der Folie der neuen Medien gegen die gesellschaftliche
Fragmentarisierung eine ganzheitliche Funktion innezuhaben. So wie die
Handschrift kurz nach der Einführung des Buchdrucks als traditionsverbürgendes
Medium gesehen wurde, erscheint die Literatur vor allem als ein kulturbewahrender
Ort. Ob sie auch weiterhin eine führende Rolle in der Gesellschaftsbeobachtung
durch Kunst also jenseits ökonomischer, juridischer oder wissenschaftlicher
Beschreibung haben wird, hängt deshalb entscheidend davon
ab, wie sich die moderne Öffentlichkeitsvorstellung durch das Internet
verändern wird.
das Gerücht
Fragt man nach den spezifischen Merkmalen des neuen Mediums jenseits der
Simulation anderer Medienformate, stößt man in der aktuellen
Diskussion auf die Stichworte Hypertext, Interaktivität und Multimedialität.
Die Simultaneität und Vernetzung von Texten, Bildern und Musikstücken
unterscheidet sich in ihrer Organisation etwa von Bibliotheken oder auch
Lexika nicht in erster Linie durch den stringenteren Verweis, sondern
durch die Zugriffsgeschwindigkeit. Natürlich kann man den verankerten
Verweis in literarischen Texten auf andere Texte als Ausbruch aus der
Linearität der Zeile feiern, aber dazu muß man die Linearität
von herkömmlichen Texten mit der Linearität der Zeile erst identifizieren
und damit vereinfachen. Die zeitliche Linearität des Lesens, der
auch beim Buchlesen schon visuelle Verfahren wie etwa die kursorische
Lektüre oder das Erfassen einer ganzen Textseite entgegengesetzt
sind, bleibt damit unangetastet. Viel entscheidender als die technisch
unterstützte Assoziation scheint dagegen die Verräumlichung
der Texte zu sein, die sie zum Teil durch intermediale Bezüge erhalten.
Während im Zeitalter der Alphabetisierung vor allem die Zeitlichkeit
des Lesens und der Sprache betont wurde, legt das Internet zunächst
nicht nur eine topologische Organisation der Texte nahe, sondern betont
das Primat des Bildraums vor dem Zeichenraum. Zugespitzt wäre deshalb
zu fragen, ob es Texte als Repräsentationszusammenhänge im Internet
überhaupt geben kann oder ob deren Generierung wesentlich stärker
von bildlichen Rahmenvorstellungen abhängt.
der Streit
Die Frage, inwiefern Literatur die technischen und ästhetischen Möglichkeiten
des Internets nutzen kann, legt die Idee nahe, von einer spezifischen
Netzliteratur zu sprechen, die ihre Form aufgrund der medialen Besonderheiten
ausgeprägt hat. Natürlich kann man sagen, daß etwa ein
Zeitungstext einen bestimmten Satzbau nahelegt oder ein Hörtext auf
seine stimmliche Präsentation hin geschrieben ist und insofern auf
seine mediale Realisation achtet. Aber es würde keinen Sinn machen,
von einer Zeitungsliteratur zu sprechen, wohl aber von einer Literatur,
die einen Medienstil, in diesem Falle den der Zeitung, imitiert. Auch
der mögliche Begriff Hörliteratur macht als Hörspiel wesentlich
mehr Sinn, weil dieser eine völlig andere Kunstgattung impliziert.
Wenn Netzliteratur nicht nur Literatur im Netz bedeuten soll, sondern
ebenfalls eine eigene Kunstgattung meint, dann ist diese Bezeichnung insofern
ungünstig, weil darunter immer noch Literatur im herkömmlichen
Sinne zuzüglich der Ausstellung von technischen Möglichkeiten
diskutiert wird. Die Innovation bliebe dann auf der Seite der Technik,
die sich nicht von anderen Nutzungszusammenhängen unterscheidet.
Das Verhältnis von Medium und literarischer Form wäre dann ein
Realisationsverhältnis und kein künstlerisches. Natürlich
kann etwa ein Roman auch Medienstile des Internets wie email, chat oder
newsgroup simulieren und dadurch Medialität thematisieren, aber das
würde ihn nicht unbedingt als Netzliteratur auszeichnen. Der entscheidende
Hinweis eines solchen Umgangs besteht allerdings darin, daß in diesem
Fall das Medium für die Formentwicklung der Literatur reine Umwelt
bliebe. Zwar kann sich Kunst für technische Möglichkeiten interessieren,
aber, wenn sie Kunst bleiben will, nur aus dem Interesse an ihrer immanenten
Formvarianz heraus.
das Thema
Wenn Literatur durch Beschreibung anderer Medien wie Film, Musik, Gemälde
oder eben auch das Internet Medialität thematisiert, dann geht es
dabei nicht in erster Linie um eine Beobachtung der je-weiligen Medialität
oder etwa um übersetzende Intermedialität, sondern um Fiktionsmodelle
wie etwa Text als Musik oder Film als Text, deren Leistung in einer Steigerung
der ästhetischen Formvarianz liegt. Das Mediale ist dabei nicht Gegenstand
der Erkenntnis, sondern bleibt rein thematisch und dient ausschließlich
den jeweiligen Textverfahren. Auch die Thematisierung von medial vermittelter
Erfahrung steht nicht, wie vielfach gefordert, im Interesse einer möglichen
Medienaufklärung, sondern kann die modernen Problematisierungen von
Geschichte als Sinngeschichte zugunsten einer Problematisierung von Wahrnehmung
ablösen. Trotz der Unmöglichkeit einer Beobachtung eines Mediums
durch ein anderes kann es deshalb Sinn machen, Gegenwart literarisch als
medial verfaßte Gegenwart zu beschreiben und zu erzählen. Denn
solche Erzählverfahren bieten die Möglichkeit, an den ausdifferenzierenden
Formimperativ der literarischen Moderne anzuknüpfen, ohne die Narrativität
in eine Krise führen zu müssen. Vor allem schützen sie
aber davor, ein einfaches Erzählen jenseits dieser ästhetischen
Moderne als neu auszugeben, das sich dazu letztlich nur noch naiv stellen
kann.
|
|