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Hanna meint, ich könnte keinen richtigen Streit vom
Zaun brechen, weil ich im Grunde viel zu harmoniebedürftig sei. »Du
bist eben kein Einzelkind«, ruft sie mir aus der Küche zu.
Denn alles das, meint sie, was man bisher über Einzelkinder gesagt
hat, treffe in Wirklichkeit auf Geschwisterkinder zu. Dabei denkt sie
nicht nur an den Futterneid, die Sucht nach Auf-merksamkeit, sondern auch
an die ewige Suche nach Harmonie, die man in einer mehr oder weniger großen
Familie ja immer vermißt. »Unsinn«, brülle ich
zurück, ohne zu merken, daß ich schon wieder viel zu laut bin.
»Einzelkinder haben es doch viel leichter, die bekommen immer alles,
was sie wollen. Deswegen sind sie es nicht gewohnt, um etwas zu kämpfen.«
Da steht Hanna mit dem Spültuch in meinem Arbeitszimmer, mit dem
sie unheilvoll vor sich her wedelt. »Jetzt hast du aber einiges
mißverstanden«, erklärt sie, »Einzelkinder lernen
sehr früh, ihre Eltern als Feinde zu betrachten, als übermächtige
Feinde, die sie deswegen austricksen müssen.« Das sagt sie,
in ihr Spiel mit dem Spültuch verliebt, welches inzwischen zu einem
festen Strang verdreht ist. »Während Geschwisterkinder sich
doch immer mit ihren Eltern gegen einen Gleichaltrigen aus der Rangordnung
verbünden müssen und deswegen nicht lernen, sich mit Ranghöheren
auseinanderzusetzen.« Jetzt schnalzt sie mit dem Spültuch,
so daß selbst ich merke, wie unverhüllt sie das Gespräch
auf unser eigentliches Problem lenken will. »Denn grundsätzlich«,
folgert sie, »werden Geschwisterkinder deshalb die Rangordnung immer
akzeptieren.«
Ich weiß, daß Hanna damit mein politisches Engagement meint.
E-n-g-a-g-e-m-e-n-t, sagt sie sonst stets ganz langsam und wiederholt
in ironischen Versatzstücken das, was ich ihr dazu erkläre.
Du willst dich ja doch nur streiten, beendet sie meist meine Exkurse,
was so viel heißt wie, du willst dich vor dem Spülen drücken
oder du freust dich schon auf den Versöhnungsbeischlaf oder du willst,
daß alles so bleibt, wie es ist. Auf keinen Fall bedeutet es, daß
sie meinen Auseinandersetzungswillen schätzt, der ihrer Meinung nach
nur sehr begrenzt ist, tatsächlich sogar ein Wille zur Verhinderung
von Veränderungen ist, da ich, sagt sie, nur dann Streit suche, wenn
es sowie schon viel zu spät ist, um die wirkliche Ursache einer Mißstimmung
zu ignorieren.
»Das ist doch ganz einfach«, spricht sie mich jetzt direkt
an, obwohl ich mich wieder vergeblich auf meine Arbeit zu konzentrieren
versuche, »Geschwisterkinder streiten nur, um einen wirklichen Konflikt
in der Rangordnung zu verdecken. Denn der Streit soll schließlich
die Eltern nötigen, einzugreifen und die ursprüngliche Ordnung
wieder herzustellen.«
Ich antworte nicht. Schweigen erscheint mir jetzt als die wirksamste Reaktion.
»Im Grunde«, setzt sie noch einmal nach, »sind Geschwisterkinder
nicht besonders sozial, sondern nur von einer permanenten Unzufriedenheit
geprägt, die sie später dann als p-o-l-i-t-i-s-c-h-e Bewegung
tarnen.« Sie weiß, daß ich mich dazu nicht äußern
werde. Daß ich es nicht für sinnvoll halte, darüber nachzudenken,
warum ich mich engagiere. Ich habe es ihr zu erklären versucht, aber
es hat keinen Sinn, weil ihr die soziale Praxis fehlt. Hanna schnalzt
erneut mit dem Spültuch. »Wenn du meinst«, sagt sie nun
wirklich verärgert durch mein Schweigen, »du könntest
dich so um das Spülen drücken, dann ist das eine noch schlechtere
Methode, als einen Streit anzufangen.«
Es hat keinen Sinn mehr, den angefangenen Text weiter zu korrigieren.
Hanna wird mir keine Ruhe lassen. Ich gehe zum Angriff über. »Siehst
du«, sage ich ohne aufzusehen, »wenn wir Kinder hätten,
könntest du sie jetzt zur Hilfe im Haushalt erziehen.« Hanna
grinst. Sie weiß, daß ich weiß, daß sie Kinder
haßt. »Es ist unmöglich«, antwortet sie lakonisch,
als würden wir über die neuste Generation von Laptops sprechen,
»heutzutage gut erzogene Kinder in die Welt zu setzen.« »Das
meine ich ja«, drehe ich mich zu ihr um, »eine Gesellschaft
voller Einzelkinder bedeutet nicht nur eine Gesellschaft voller Ellenbogen,
sondern auch eine Gesellschaft, die nur noch aus Söhnen und Töchtern
besteht und deshalb keine Hierarchien mehr akzeptieren kann. Eine Gesellschaft
der freien Mitarbeit.« Und als freier Mitarbeiter kann ich mir aussuchen,
wann ich spüle.
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