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Ich glaube, es war Mitte der 80er Jahre, als ich mein erstes
Computerprogramm geschrieben habe. Natürlich ein Telespiel. Was man
heute wohl schwerlich als simuliertes Tennis erkennen könnte, bestand
aus je einem kleinen beweglichen Balken rechts und links am Bildschirmrand,
einem Trennstrich in der Mitte und einem dicken Punkt, der sich per Zufallsgenerator
auf dem schwarzen Hintergrund hin und her bewegte. Das Programm bestand
aus 300 Zeilen im Beginners all simple information code (BASIC). Ich hatte
meinen handlichen C64 mit Datasette gerade mal drei Wochen, und meine
Eltern wunderten sich über meine bis dahin unentdeckte Kreativität.
Das Programm war abgetippt. Aber was das entscheidende war: Ich hatte
es fehlerfrei von einem anderen Medium in meinen Computer übertragen
und damit in virtuellen Besitz genommen.
Zu dieser Zeit las ich gerade Hermann Hesse. Wie es in der Epoche des
vorherrschenden Buchdrucks noch üblich war, markierte ich damit exakt
meine Altersgruppe: Jules Verne, Stanislaw Lem, Hermann Hesse. Erst den
Steppenwolf, dann Narziß und Goldmund, mit äußerster
Identifikation Demian und schließlich, in dem Gefühl
älter zu werden, Sidharta. Nur wer besonders ausdauernd war,
stieß bis zum Glasperlenspiel vor: Hesses mytisches Universalwissensprojekt.
Fasziniert von der Idee, ein Pro-gramm zu entwickeln, in dem alles Wissen,
was ich im Laufe meines Lebens anhäufen würde, ver-bunden sein
sollte, machte ich mich gleich an die Einverleibung des Glasperlenspiels
in meinen C64.
Während andere ihre tägliche Erfahrung noch sorgfältig
und chronologisch geordnet in ein liniertes Tagebuch eintrugen, arbeitete
ich an einer Datenbank, die ich mit den unterschiedlichsten Daten aus
meinem Leben fütterte. Nach kürzester Zeit konnte ich jeden
Tag aktualisierte Listen zu diversen Topoi meiner Autobiographie ausdrucken.
Etwa: 1. Bücher, die ich gelesen habe; 2. Bücher, die ich gelesen
habe und die mir gehören; 3. Bücher, die mir gehören, aber
die ich noch nicht gelesen habe; oder 4. Bücher, von denen ich gehört,
aber die zu lesen ich keine Zeit und mir deshalb vorsorglich schon einmal
gekauft habe.
So enstand ein zunehmend kompliziertes Netz aus Informationen über
meine derzeitigen und noch zu erwartenden intellektuellen Leistungen.
Die Listen konnten aber auch wesentlich intimere Bereiche erfassen. Etwa:
1. Liebesbriefe, die ich schon geschrieben habe; 2. Liebesbriefe, die
ich geschrieben und abgeschickt habe; 3. Liebesbriefe, die ich abgeschickt
habe und ohne Antwort geblieben sind; 4. Liebesbriefe, die auf jeden Fall
noch geschrie-ben werden müssen, und für die ich vorsorglich
schon einmal einen Absageplatz reserviert habe.
Deutlich war natürlich auch mein Pubertätsstand an der Universaldatenbank
abzulesen. Erotische Liste: 1. Sexuelle Abenteuer, die ich schon erlebt
habe; 2. Sexuelle Abenteuer, die ich mir vorstellen kann noch zu erleben;
3. Sexuelle Abenteuer, die ich mir zwar vorstellen kann, aber nicht erleben
will; 4. Sexuelle Abenteuer, die zwar die Vorstellungskraft sprengen,
aber deshalb nicht unbedingt aus dem Erleben ausgeschlossen werden dürfen.
Nach ungefähr acht Jahren verschlissener Abende und Nächte hatte
ich eine Datenbank, die es mit jeder privaten Sammelleidenschaft aufnehmen
konnte. Während andere ganze Regalräume und Fotokontainer mit
ihren Reflexionen und Erinnerungen füllten, paßte mein Universalspiegel
auf ganze zwanzig Disketten (die großen!). Andere mußten an
verrauchten Abenden kleine Leitern besteigen, um sich ihr siebzehntes
Lebensjahr wieder ins Gedächtnis zu rufen. Mir reichte ein tastaturgroßer
Homecomputer mit Floppy-Disk, die ich sogar auf Reisen immer zur Datenpflege
mit mir führen konnte. Fremdes und Eigenes konnte ich so in meiner
Biographiemaschine ohne Rest verarbeiten. Die simulierte Bibliothek aus
Einträgen und Listen hatte vor der realen sogar noch den Vorteil,
daß sie jene zwar als zweiten Lebensraum beerb-te, aber als freundlicher
Ort des Rückzugs aus dem Alltag wesentlich einfacher einzurichten
war.
Dann kam der Tag, vor dem sich jeder Computerbesitzer panisch fürchtet.
Auch nach dem Betätigen der Einschalttaste blieb der Monitor, der
damals immer noch ein Fernsehbildschirm war, schwarz. Als ich mit meinem
Commodore unter dem Arm zum Computerhändler ging, wurden mir für
das Gehäuse fünfzig Mark geboten. Ich aber wedelte mit meinen
zwanzig Disketten, deren Inhalt für mich von heute auf morgen nicht
mehr betretbar war. Die verzweifelten Aktionen, bei Freunden der gleichen
Generation anzurufen, endeten alle damit, daß ich zur Kenntnis nehmen
mußte, daß sich unter den angewählten Telefonnummern
keine Stimmen, sondern nur Authentifizierungsprogramme meldeten. Anstatt
mit mir zu sprechen, verlangten diese meinen Code.
Ich war völlig allein, suchte in meinem Notizbuch nach den entsprechenden
Adressen und startete eine Postkartenaktion. Ohne Ergebnis. Noch heute
frage ich mich, ob die Postkarten jemals angekommen sind oder ob die Nicht-Beherrschung
der alten Kulturtechniken der Grund für das fehlende Echo war. Es
half alles nichts. Ich nahm die fünfzig Mark für meinen alten
C64 als Grundstock zum Einstieg in ein neues Archiv. Die ersten Jahre
war es sehr schwer für mich, ohne eigene Biographie zu leben.
Das Netz, an das ich mich angeschlossen hatte, sah kein privates Archiv
mehr vor. Im Gegenteil, das skynet, das ich nur aus Terminator
2 kannte, war schon längst in Betrieb gegangen. Während
ich mich jahrelang abgemüht hatte, meine private Bibliothek in das
neue Medium zu übertragen, hatten andere die Gelegenheit genutzt,
ihren Innenraum neu zu organisieren. Zwar hat das skynet, wie wir
in den 80er Jahren noch befürchteten, nicht den futuristischen Kampf
zwischen Mensch und Maschine eingeleitet, aber es hat einen neuen Menschen
hervorgebracht. Kommunikation bedeutet nicht mehr Übertragung von
Subjekt zu Subjekt, Austausch und Gabe, sondern nur noch, Teil einer größeren
Kommunikation zu sein. Während die private Bibliothek die Bemühung
darstellte, wenigstens im kleinen die gesellschaftliche Kommunikation
geordnet abzubilden, ist im Computernetz diese Trennung von privat und
öffentlich aufgehoben. Der Hacker, den die bürgerliche Kommunikation
lediglich als Verbrecher wahrnehmen konnte, ist der neue Mensch, der sich
nur noch auf die Schnittstelle zum nächsten verläßt. Merkwürdiger
Weise konnte ich mich nicht einmal entschließen, die zwanzig Disketten,
die mich darstellten, zu archivieren. Ich habe sie einfach zum Computermüll
gegeben.
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