|
Wir brauchen uns nicht zu verkleiden, die Wirklichkeit ist schrecklich
genug. Wir brauchen keine Masken, um Monster zu sein, lese ich in der
Zeitung. Und Vögel, Blätter sinken wasserwärts, der See
zieht sich in Wellen ans Ufer, ein kalter Wind reißt die glatte
Fläche auf, nur das Licht wärmt, zeichnet scharf die Ränder,
bis die Sonne schließlich zwischen Häuser taucht und Figuren
im Dauerlauf alleinläßt mit der Kälte, und aus meiner
Zeitung fällt der Katalog für Halloween: Kerzen in Form von
runzeligen Händen mit Tropfen in der Farbe von Blut, Plastikkleber
von Wunden, Einschüssen, Malen von Messerstichen, aufblasbare Fledermausflügel,
Schminksets für Frankenstein, Müllsäcke mit Gespenstergesichtern,
Skelette in Leuchtfarben, Spinnenringe, Totenkopfsäulen als Kugelschreiber
zum Preis von 99 Cents. Ich reiße mich hinein, fülle mich auf
mit falschen Fingernägeln, träume Perücken über meinen
Kopf, die meine Erscheinung aufgreifen, mitnehmen, ich zeichne mich aus
in diesem Spiel der Identität, um die Geister zu vertreiben, die
hinderlich sind, fürs Neue. Und ich setze wieder an, nach meinem
Verwandeln, gehe aus dem Haus, stimme überein mit den Strohballen,
Kürbishaufen im Vorgarten, auf Fensterbänken. Hier in Chicago
stellt man die Leichen vors Haus, anstatt sie zu verbergen. Sie halten
ihren Platz, während es kälter und kälter wird, schon frieren
meine Zehen, und dann setzt Weihnachten ein, das Geschäft, die Rehe,
Elche, Rentiere, Schlitten, Engel bauen sich nun auf vor den Häusern,
während die Skelette ruhen, bis zum nächsten Jahr, wenn sie
auferstehen zum Spaß.
Chicago 99
|