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das thema der diskussionsrunde stellte sich mir zu anfang als frage,
ob nämlich in diesem verhältnis die wechselseitige ausschließung
verschiedener kunst- und ausdrucksformen beendet wäre, wie oft behauptet
wird?
die grenzen zwischen verschiedenen künsten begannen sich spätestens
seit beginn des jahrhunderts zu verschieben. entwicklungen der visuellen
und lautpoesie, dada, lettrismus, konkrete poesie, später hyper-
und intertexte und und und zeichneten vor, was nunmehr unvermeidbar scheint:
bildende künstler, die mit text und schrift arbeiten, schriftsteller,
die konzeptionell, beeinflusst von bildender kunst arbeiten, autoren,
die als bücher verpackte filme schreiben und und und.
in mancher hinsicht erinnern die (oft ablehnenden) reaktionen auf derartige
durchmischung und auf das eindringen des zusammenfassenden mediums internet
an die reaktionen von wortarbeitern auf das zu anfang des jahrhunderts
neue medium kino.
die veränderung der umwelt durch die geschwindigkeit von zügen
und autos damals, die herausbildung der grosstadt im zuge fortschreitender
industrialisierung wurde von vielen (z.b. expressionistischen) dichtern
negativ erfahren, während die filmleute an der schaffung nichtlinearisierbarer,
keiner sprachlogik unterworfener räume interessiert waren.
und heute nach ein paar weiteren umdrehungen sind fernsehen, rundfunk
und verlag, ich zitiere aus einem aufsatz des multimediakünstlers
eduardo kac, "für das internet dasjenige, was theater und literatur
für das kino und den rundfunk anfang des jahrhunderts waren. (kac
3198, in: mythos internet)
wo bleibt dabei die literatur?
auf der strecke bleibt sie auf keinen fall allein, denn sie wird seit
langem von verschiedenen seiten angegangen. von fotos, videos, film, TV,
magazinen, CDs, computern jeder spricht deren sprache auch, im schlimmsten
fall als reine rede des aussen, als wiedergabe aller füllsel, redundanzen
und nichtssagenden phrasen und im besten fall als kompetente verwertung
dieses materials.
für die diskussion habe ich daher drei beispiele aus drei richtungen
gewählt, eines, das sich mit der programmiersprache HTML (hypertext
mark up language) beschäftigt, die repräsentation des textes
in den text einbezieht, eines, das von der textdichtung in der tradition
des rappens her kommt und sich poesie und musik verbindend, versiert im
netz bewegt.
und eines, ausgehend von heutigen möglichkeiten bildender kunst,
das über das internet rückverweist auf alte organisationsformen
von information, wie das archiv, die bibliothek.
nun aber zum unvermeidlichen punkt einer definition des begriffs multimedia,
von dem jeder zu wissen scheint, was er bedeutet, allein schon deshalb,
weil man ihn so oft gebraucht.
zum beispiel könnte man darunter die integration bisher unterschiedlicher
funktionen oder medien in ein operatives ganzes verstehen.
die praxis sieht aber meistens anders aus.
im internet dauern bildaufbau und vor allem das laden von videoclips und
zusatzprogrammen immer noch recht lang. statt überwältigt von
geschwindigkeit zu sein, wird der nutzer oft zum warten angehalten und
zeit im telefonnetz kostet, zumindest im österr. Und deutschen, immer
noch geld.
eine weitere einschränkung des erwähnten operativen ganzen
multimedialer projekte im internet ist die schrumpfung des raums auf monitorgrösse.
die ergebnisse unterschiedlicher aufzeichnungs- und gestaltungsmethoden
werden, im gegensatz zu kunstformen, wie installation, oper, performance,
in ein monitorbild zusammengefasst. das internet wäre demnach kein
multimediales sondern ein integratives medium.
und so wie es sich bei vielen sogenannten multimediaprojekten oft nur
um eine zugabe des eines mediums bild oder foto, zum beispiel zu einem
vorgängigen text handelt, gibt es auch solche, bei denen die textspur
tatsächlich eine marginale rolle zu spielen scheint. der mediale
aufwand ist im verhältnis zu den erfahrungs- sprich: produktionsmöglichkeiten
einfach zu überwältigend.
und manche sprachzweifler wiederum mögen eine lösung in einer
literatur ohne worte finden und sich daher an computerspielen als beispiel
für höhere formen der narrativität, als erzählung
mit nicht-sprachlichen mitteln orientieren. Dann aber wäre zu fragen,
ob die multimediakunst- und literatur nicht ihrerseits eine konkurrenz
durch die immer besser ausgestatteten und funktionierenden spiele auf
CD-Rom erfährt?
als nutzer war ich jedenfalls beim ausprobieren mancher projekte enttäuscht,
dass es nicht mehr möglichkeiten gab, mehr wege, den gang des ganzen
zu verändern.
so weit die zweifel. nun zurück zur definition.
hilfreiche begriffe zur beurteilung des phänomens multimedia und
internet fand ich in einem aufsatz von christiane heibach: "creamus,
ergo sumus! ansätze zu einer netzästhetik".
die verfasserin setzt die explizite intertextualität von internet-literatur,
da die information über das werk im selben medium untergebracht ist
wie das werk selbst, als unterschied zur herkömmlichen repräsentation.
ich zitiere: "aus dem Wegfall dieser Abgrenzungen resultiert eine
für die Netzkunst und literatur konstitutive Verknüpfung
von Technik Ästhetik und Sozialem".
netzliteratur sei, so heibach, bestimmt von der oszillation zwischen diesen
drei ebenen.
heibach beschäftigt sich auch mit der definition der vorsilbe "inter"
im wort "internet" und meint, dass dieser partikel die verbindenden
sprünge zwischen den verschiedenen bereichen charakterisiere, was
dem phänomen tatächlich zu mehr klarheit verhilft, als der ausdruck
"multi", der einen haufen von gleichzeitgkeiten suggeriert.
heibach vermeidet auf diese weise den leidigen begriff der interaktivität,
der mindestens so abgenutzt wie multimedia, ausser das er den anspruch
einer verlagerung des produzierens auf die seite der nutzer, vermitteln
soll, inzwischen allenfalls recht dünn geworden ist.
und manchmal scheint es sogar, als wäre das netz mittlerweile von
einem interaktiven zu einem interpassiven medium geworden, wo das nutzen
vom nutzer zum produkt hin verlagert wird.
statt interaktivität verwendet heibach daher den begriff der "oszillation".
aus der interferenz der jeweiligen elemente entstehen "dritte"
phänomene, die sich durch kontinuierliches wechselspiel zwischen
den sie erzeugenden teilen in andauernder transformation befinden.
statt von internetliteratur oder literatur im netz oder hypertext oder
multimedia, schlägt heibach nun vor, von einem "gesamtdatenwerk"
zu sprechen, das verschiedene kunstformen, wie musik, bildende kunst,
film/video und text etc. integrieren kann.
bei der betrachtung der verschiedenen erscheinungsformen von literatur
und kunst bzw. künsten im netz sei dann vor allem auf die oszillation
zwischen technischer, ästhetischer und sozialer ebene zu achten.
das wirklich netzspezifische wäre die verflechtung aller drei ebenen
in einer überschreitung der grenze zwischen spiel und kunst. und
das ist in etwa die richtung, in die ich das ganze sich bewegen sehe,
eine ästhetik, in der kunst von partizipation lebt.
ob das funktioniert oder funktionieren wird, und wann und wie, ist dann
eine andere frage, die uns später, in der zukunft noch beschäftigen
kann.
BEISPIELE
als spiel mit der repräsentationsebene des netzes: café
nirvana von olivia adler, an anderer stelle auch als "begehbarer
roman" erwähnt.
in einer selbsterklärung der autorin ist das werk vor allem eine
illustration, wie sich publishing im netz über die jahre verändert
hat. verdeutlicht werden diese phasen durch eine zeitleiste, mit der man
sich durch die verschiedenen ansätze bewegen kann.
olivia adler geht zunächst von einer textebene, datiert mit 1995
aus, die beschreibung einer zukunftswelt in altem stil und alter sprache,
gespickt mit technischen und science-fiction-ausdrücken und vorstellungen,
also avater, klon, cyber und figuren, deren namen man sich aus resten
west-östlichen kulturguts zusammensetzen. als thema könnte man
u.a. die körperlichen auswirkungen von virtualität annehmen.
als absetzfläche für diese darstellung der zukunft wird aber
immer noch "die realität" und "die reale aussenwelt"
gebraucht, so als ob das festsetzbare grössen wären. in dieser
phase wird das internet als reines transportmittel für den text verwendet,
in der terminologie von heibach, gäbe es hier keine oszillation,
nur die nutzung des netzs als medium.
in den nächsten jahren kommen dann tabellen, farben, die arbeit mit
frames hinzu. die geschichte wird nicht mehr erzählt. sie findet
statt im netz. es gibt zum beispiel suchmaschinen mit ergebnissen zu verschiedenen
stichworten, der nutzer kann selbst recherchieren, die homepages von figuren
besuchen.
in dieser phase wird die technische ebene des internets sichtbar gemacht,
zum beispiel auch in spielerischen irritationen des nutzers durch fingierte
systemmeldungen. eine weitere möglichkeit, die olivia adler aber
nicht mehr ausgeführt hat, wäre die auflösung der geschichte
in MUDS, also diskussions-spielräume, wo jeder teilnehmer einen charakter
wählt, unter dessen namen er schreibt und deren geschichte er spielt.
der nutzer wäre produzent, regisseur und hauptdarsteller seines bildschirmdramas.
der autor, wenn man überhaupt noch von einem sprechen kann, wird
in diesem falle zum chronisten, er beobachtet und verzeichnet.
dieses komplexe kommunikationsgeflecht wäre ein beispiel für
die oszillation zwischen ästhetischer und sozialer ebene. aber wie
gesagt, diese stufe ist leider nicht realisiert. das projekt "café
nirvana" endet schließlich im jahr 2044, wo, ich zitiere: die
"geschichte realität geworden ist". wie aber, da verweigert
uns die technische ebene leider den zugang. unser programm, ist den systemanforderungen
des jahres 2044 noch nicht gewachsen.
im projekt loop pool
ist die oszillation von technischer und ästhetischer ebene in der
steuerung von text- und musikgeschehen über tastatur und maus gegeben.
loop pool, initiiert vom musiker oder hiphop-poeten bastin boettcher,
die unzulänglichkeit dieser bezeichnungen weist schon auf die oszillation
zwischen den bereichen musik und text (rhythmus) hin, ermöglicht
dem nutzer die verknüpfung von satzbausteinen mit musik. im gegensatz
zu vielen anderen projekten geht boettcher ab von der quadratstruktur,
seine ausgangsposition ist ornamental und die bewegungsvorgabe daher kreisend,
das heisst die tätigkeit des loopens beschreibt gleichzeitig seine
form, die der nutzer aber auch nützen können muss.
bis es soweit ist, kann er sich wartezeit verkürzen, indem er innerhalb
einer art sprechblase einen witzigen rap-text des autors zu hi-tech mit
bewegungen der maus sichtbar machen kann.
da man die gewählten wege und damit kombinationen innerhalb des looppool
nicht aufzeichnen und wiederabspielen kann, entsteht eine art instant-poetry.
ein zusätzlicher reiz ist es, die stimme des erzeugers von looppool
zu hören und damit aus der stillen konsumation gerissen werde. leider
ist das vergnügen, verglichen zur langen vorbereitungszeit, laden
der nötigen plug-ins, zum beispiel etwas kurz. und deshalb auch hier
der verweis auf eine zukunft, die noch nicht eingetreten ist.
zur zeit sind es "nur" die bereiche musik und text, vom initiator
vorgegeben, die vom nutzer geloopt werden lönnen. in einer zukunft
mit technisch besseren voraussetzungen wäre es dann möglich,
die wartezeiten beim übertragen von ton- und bilddateien zu verkürzen
und somit könnte, ich zitiere, "jeder internet nutzer seinen
eigenen looppool-pfad zum bestehenden looppool-gewebe hinzudichten und
hinzukomponieren. die einzelnen spuren sind vom benutzer nach wunsch an-,
aus- und umschaltbar."
dann erst wäre, auch unter einbeziehung von bildern und videos die
oszillation von technischer, ästhetischer und sozialer ebene im projekt
looppool vollzogen. wie es zur zeit abläuft, soll uns nun bastian
boettcher zeigen.
nach diesen echten gesamtdatenwerken nun ein unechtes, da es das internet
als zusätzliches medium nützt.
dieses projekt ist ausserdem eine zusammenarbeit von zwei künstlerinnen,
womit ein wichtiger aspekt des mediums internet angesprochen wäre,
die notwendigkeit eines zusammenwirkens von spezialisten der verschiedenen
medien, also z.b. autor, designer, grafiker, programmierer, videokünstler,
musiker/komponisten, übersetzer, etc. (wie z.b. elex, oder im projekt
"body missing")
am projekt "reading
room", das anja westerfrölke gemeinsam mit der kanadischen
künstlerin betty spackman verwirklichte, fand ich neben der thematisierung
von erinnern/ erzählen im und mit internet, vor allem auch den aspekt
der zweisprachigkeit, des austauschs über zwei sprachen und kulturen
als thema und methode interessant. Hier wird mit verschiedenen medien
bzw. verbreitungsformen gearbeitet: rauminstallation, web-site, CD-ROM,
klanginstallation. audio CD und ein buch mit alphabetisch, nach stichworten
geordneten geschichten, bei denen es sich einerseits um texte von nach
kanada eingewanderten handelt, sowie um auszüge aus karl mays
abenteuerromanen. einige der geschichten sind aber auch frei erfunden
und betonen damit den aspekt der ungenauigkeit und subjektivität
des gedächtnisses.
die bibliothek, um dessen "reading room" es sich hierbei handelt,
wird als metapher einer speicherung von information eingesetzt, allerdings
mit erweiterten zugriffsmöglichkeiten im internet.
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