Wie wunderbar Wundr sich gibt
... Dabei sagt die Literatur dieser heute selten gewordenen Ose Erschreckendes
nach:
Wundrose (Erysipel)
- Symptome
- schmerzhafte Rötung, Überwärmung und Schwellung eines
Hautbereichs, oft mit zungenförmigen Ausläufern
- Kopfschmerzen, (hohes) Fieber, Schüttelfrost
Die Wundrose, eine Entzündung der Haut, wird durch
Eitererreger hervorgerufen. Eintrittspforte für die Keine ist oft
eine kleine Verletzung oder ein unbehandelter Fußpilz. Bei der
Wundrose im Gesicht kann es zu einer lebensbedrohlichen Komplikation
kommen, der Hirnvenenthrombose.
Ärztliche Behandlung
Rufen Sie sofort einen Arzt. Die Wundrose muß mit einem Antibiotikum
(meist als Infusion) behandelt werden; Bettruhe und Hochlagerung des
betroffenen Körperteils sind nötig.
Selbsthilfe
Bis der Arzt kommt, können Sie die Beschwerden mit feuchten Umschlägen
lindern.
Die Ose Wundr mit dem Glutrand, dieser dunkle, geöffnete Zarah-Leander-Mund
der Krankheitsgeschichte, hat mir früher einmal die Haut zerbissen:
Als ich ein Kindlein war und auch ein Mütlein hatt´. Mein
Mütlein war gerade groß genug gewesen, einen großfressigen
Klassenkameraden zu Boden zu hauen, da lag ich schon selbst sein
letzter Tritt, eh´er zu Boden ging, hatte meinen Ellbogen getroffen,
die scharfe, mit Steinchen gespickte Sohle eines Schuhs hinterließ
ein zartes, kaum blutendes Muster auf meiner Haut. In den Tagen darauf
verfinsterte sich mein kindgerechtes Gemüt, denn der Ellbogen brannte
und blühte, Hitze schlug puckernd an die aufgelegte Handfläche
meiner Mutter, bis schließlich tatsächlich kleine Scharlachzungen
von der verletzten Stelle aus über den Arm krochen. Ich leckte,
verlor trübe Tropfen aus den Spicklöchlein des inzwischen
ums Doppelte geschwollenen Arms, schrie sauer und fiebrig vom Bett aus
um Hilfe. Die fand ich dann unter Vollnarkose: Man schnitt den Abszeß,
der entstanden war, kurzerhand auf. Alles floß, ich erleichterte
mich. Ein Wundr.
Natürlich hat die Ose Wundr Schwestern: Furunkul zum Beispiel,
auch eine alte Bekannte. Furunkuls Wesen, von Anfang an mir beigegeben
wie eine Augenfarbe oder ein Fettpolster, sorgte dafür, daß
mein Nacken, die Kehlen der Knie, beispielsweise auch die Armbeugen
und die Innenseiten der Oberschenkel als ich ein Kind war, wohlgemerkt!
in Blüte geraten konnten. Knotige rote Berge wuchsen aus
meiner Haut, wurden inzisiert oder platzten, wenn alles gut ging, auch
manchmal von selbst. Zuvor aber mußten die Vulkane den Eiter bis
an die Oberfläche getrieben haben: Gelbe Kuppeln, die sich dann
endlich, beim Zusammenschieben der umgebenden Hautpartien, in merklichen
Eruptionen entluden. Das konnte sehr weit gehen ... Zuweilen reichte
meine Kraft nicht mehr, den Spiegel zu reinigen. Eines Tages, nach einer
Salzwasserkur und einer Belehrung, deren Erhalt meine Eltern quittieren
mußten und die ihnen vorschrieb, mit fürderhin vitaminreicher
Kost wie Obst und Gemüse meine Gesundung aufrechtzuerhalten, verließ
mich Furunkul. Die Ose Trostl hatte darauf nur gewartet, gesellte sich
aber nicht mir zu, sondern meiner armen Mutter, an deren Bett sie allabendlich
saß und Verzweiflung beförderte, denn Obst und Gemüse
waren aller berechenbaren Erhältlichkeit entzogen. Aussichtsl positionierte
sich schon in Schwitzkastenhaltung, da gelang es meinem Vater, eine
großen Garten zu pachten. Mit ihm kamen Hasenschnauze und Bohnapfel,
Gravensteiner und Boskoop in unsere Speisekammer, auf unseren Tisch.
Muskatellerbirnchen und Reneclauden, Zwetschgen und Schattenmorellen
die Zeit aller Herrlichkeit war angebrochen, Furunkul endgültig
dahin, zum Teufel. Später gingen wir daran, Erdbeeren anzubauen,
natürlich Senga sengana. Schwarze, rote und weiße Johannisbeeren,
Brechbohnen, Zuckererbsen und Kürbis, Blumenkohl und Patisson,
Kohlrabi, Radieschen, Möhren und Petersilie rundeten das Glück
ab. Meine Eltern begannen, die überschüssigen Erträge
an den Konsum am Ende unserer Straße zu verkaufen oder aber, was
sie schließlich viel besser fanden, an interessierte Familien
mit Kindern. Handwagen voller Lageräpfel fuhren wir bald von Keller
zu Keller, karrten das Fallobst in die Mosterei. Erst als das Beispiel
eines seltsames Wesen namens Homunculus (hat nicht Göthen Geburtstag?)
uns in der Schule über die Grenzen menschlicher Schöpferkraft
aufklären sollte, mußte ich wieder an Furunkul denken
ein äußerlich bleibender Anlaß, ein Gleichklang nur.
Auch wenn sich recht bald auf den Gesichtern insbesondere meiner männlichen
Mitschüler Gebilde zeigten, die mich an Furunkuls frühen Zugriff
auf meine Person erinnerten ich blieb gefeit, ich hatte es abgehakt.
Der wirtschaftlichen Konsequenzen früher Eiterauftritte für
meine Familie aber kann ich beschwören.