(Februar) Zur ersten Ose: Osm
Kathrin Schmidt
 

 

 

11.2.1999


 

 

... eine Art KLEINER GRENZVERKEHR zum Zwecke des
Druckausgleichs, auch im politischen Sinne verwandt; der
Ursprung wird grenzüberschreitenden Turkvölkern
zugeschrieben ...


Großen Innendruck vorausgesetzt, erscheint die Ose Osm gerade dann als Rettung, wenn kein Loch wirklich geöffnet werden soll oder kann: Der Mund nicht für Attacke und Verteidigung, die geschlossene Wutfaust nicht für den Axtstiel oder auch nur das papierene Regelwerk der Gewaltfreiheit, der Gehörgang nicht für die Schallschwingungen von Schmerzenslauten usw. Wenn einfach alles klemmt, kommt die Ose Osm gelegen und fördert den Austausch. Grenzen verbinden. (Auch deshalb übrigens gehöre ich nicht zu den erklärten Feindinnen des Laufstalls für Kleinstkinder.)
Der Ausgleich vollzieht sich unmerklich zwischen den von semipermeablen Häuten umschlossenen Körpern, Lebensgebilden, Staatswesen oder auch nur überlagerten Sülz- und Blutwurstblasen, wie ich schon als Schulkind in meinem thüringisch-fleischfreundlichen Biobibliotop erfahren konnte. Der Ose Osm Charakter ist vorläufig, ihr Stattfinden grenzüberschreitend und dennoch -stabilisierend. Nicht etwa, daß sie nach dem Vollzug ihrer selbst sich erledigt hätte, nein: Sie tut nichts, neuerlichen Druckanstieg zu verhindern. Ich als eine ihrer bescheidenen Anhängerinnen halte sie zum Aus- und Eingang der Jahrtausende hin für ein Ankerchen, ein winziges Öhrlein, zu dem sich die wuchtigen Widerhaken der Entdärmharpunen einfach inkomparabel verhalten müssen.