Wohnorte sind wie Liebschaften, man verfällt ihnen oder scheut sie,
trauert ihnen nach oder sehnt sie herbei, trägt sie mit sich herum
wie Bilder aus alten Filmen, und manchmal bleibt ein Foto: Rond-Point
de Plainpalais, Genf, Blick vom Dach auf den Boulevard Georges-Favon.
Mit Strichen und Zeichen übermalter Asphalt, ein Gestrüpp verknoteter
Konnotationen, Assoziationen und Erinnerungen; komplizierte, leidenschaftlich
verwinkelte Beziehungen quer durch dunkle Ecken, Treppenhäuser, Keller
und Hinterhöfe, verstaubte Möbel und gläserne Fassaden.
Ausgetretene, sich wiederholende Wege von Menschen, die sie in steter
Regelmässigkeit begehen, sich dabei unmerklich verändern und
sich selber zu Zeichen werden.
A. X., 56, portugiesischer Herkunft, geht diesen Weg zum letzten Mal am
6. Mai 1998, leicht zittrig vom vielen Kaffee, den er hastig in sich hineingegossen
hat, leicht fröstelnd vom kalten Eisen der geladenen Pistole in der
Tasche seines Jacketts. Er besteigt den Bus, den er seit 12 Jahren genommen
hat, um zur Arbeit zu fahren, fährt bis zur Endstation, betritt das
Büro seines Vorgesetzten ohne anzuklopfen und streckt ihn mit zwei
Bauchschüssen nieder. Danach befiehlt er der Sekretärin, die
Polizei zu rufen. Er ergibt sich und legt noch im Büro das Geständnis
ab. Sein Prozess wird im März 1999 beginnen. Bis dahin bleibt seine
Spur wie ein Phantom in unserem Haus. Geräusche eines Nachbarn, die
in den Gesprächen der Bewohner widerhallen.
|