Zu erinnern wäre
Urs Richle

 

 

 

31.12.1999


 

 

Zu erinnern wäre unter anderen an die Geschichte von Ignaz Schwizer, geboren 1913 im Schweistel bei Krummenau, gestorben am 13. Juni 1987 im Spital Wattwil, Vater von vier Kindern, Knecht von Beruf, wollte mit Frau und Familie nach Amerika auswandern oder nach Neuseeland, wird während des zweiten Weltkrieges in den Aktivdienst der Schweizerischen Landesverteidigung einberufen, ist danach Handlanger bei einer Baufirma in Neu St. Johann und verliert beim Sprengen von Steinen beide Augen, erlernt im Blindenheim St. Gallen die Blindenschrift und das Körbeflechten, wird danach Vertreter für die Firma B., bekannt im ganzen Toggenburg für Seifen, Badezusatz, allerlei Gebräuchliches für die Reinlichkeit und das Bad. Reist mit einem Blindenhund, einem weissen Stock und einem Diktiergerät. Es kommt selten vor, dass er im Wirtshaus sitzt. Jeden Sonntag geht er zur Kirche und dienstags zum Singen in den Kirchenchor. An der Wand tickt die Schwarzwalduhr. Er sitzt am Tisch. Die Hände so gross wie Suppenteller liegen still nebeneinander. Mein Grossvater.
Er ist gerade 29 Jahre alt, fünf Jahr jünger als ich heute, wo ich dies schreibe, selbst bin, als er 1942 vom Aktivdienst beurlaubt bei der Tiefbaufirma X in Neu St. Johann in einem Drainagegraben beim Sprengen von Steinen beschossen wird. Sein ganzes Gesicht zerschnitten und zerfetzt. Die Augäpfel zerrissen. Seit zwei Jahren verheiratet. Ein Kind.
Seine Frau, meine Grossmutter Agnes, geborene Holenstein, aufgewachsen im Nachbardorf, in Stein, war gerade 26 Jahre alt, als die Nachricht sie wie eine Kriegsmeldung überfallen haben muss. Ich versuche es mir vorzustellen. Sie allein zu Hause mit ihrer Tochter. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich habe sie nie danach gefragt.
Er sitzt auf der Eckbank am Tisch. Ein grosser schwerer Mann. Die Augen geschlossen. Hinter ihm auf der Rückenlehne der Bank steht ein Radio und bringt Nachrichten. Der Raum ist länglich. Man gelangt durch die Küche in diesen Vorraum der Stube, der als Esszimmer dient. Neben der Eckbank führt eine Fenstertür auf den kleinen Balkon hinaus, von dort eine Treppe in den Garten hinunter. Seine grossen warmen Hände liegen vor ihm auf dem Tisch. Die Daumen unter der Tischkante, so dass nur die acht anderen Finger zu sehen sind. Alle zeigen sie über den Tisch hinweg von ihm fort. Manchmal bewegt sich der linke Zeigefinger. Er legt ihn auf den Mittelfinger, lässt ihn dann langsam abrutschen, so dass er auf den Tisch zurückplumpst. Es ist eine Art Fingerschnalzen. Er wiederholt dieses Schnalzen mit ausgestreckten Fingern, während im Radio die Wetterprognosen gesprochen werden. Die Masse seines grossen Körpers sonst reglos. Entspannt sitzt er da wie ein Buddha. Wir treten ein, und er hebt den rechten Arm, dreht sich zur Seite, greift nach dem Radio und macht es aus. Meine kleine Kinderhand verschwindet in seiner warmen fleischigen Riesenpranke. Er hält sie lange fest und ich sage "Hoi Grossvater". Er erkennt mich an meiner Stimme und begrüsst mich mit meinem Namen. Dabei die Augen geschlossen, mit erhobenem Kopf, so dass er, könnte er mich sehen, über mich hinweg blicken würde. Mit der linken Hand greift er nach meiner Schulter und sagt "Bist du gross geworden!" Grossmutter ist in der Küche und macht Kaffee. Sie schneidet einen kleinen Keks, legt ihn auf einen grünen Teller und bringt ihn auf den Tisch. Ich nehme ein Stück Kuchen und verziehe mich in den Garten.
Er raucht Brissago-Stumpen. In der Stube sitzt er am Fenster auf einem grossen Ohrsessel und zieht. Eine dicke weisse Wolke entsteht um ihn herum und verteilt sich im ganzen Raum. Es riecht nach altem Stoff, nach Teppich und über allem dieser neblige, stickige Zigarrenrauch. Neben ihm steht eine Kommode. Ein Teil davon lässt sich öffnen wie eine Bar. Darin befindet sich das Tonbandgerät. Ein grosses altes Modell mit Magnetbandspulen, die er einlegt, einfädelt und dann laufen lässt. Es sind Nachrichten vom Blindendienst. Manchmal vorgelesene Bücher und Hörspiele. Er raucht und hört zu. Ich sehe ihn auf diesem Ohrsessel sitzen, neben der aufgezogenen Kommode. Hinter ihm der Stoffvorhang mit Rosenmuster. Die Sonne dringt durch den dicken Stoff und hinterlässt glitzernde Funken in der Luft. In der Küche ist jemand eingetreten und redet laut. Vom Rauch habe ich Kopfschmerzen.
"Grossvater, was siehst du?"
"Nichts."
"Was ist nichts?"
"Ich sehe nichts."
"Nichts, ist das schwarz?"
"Nein, nichts."
"Aber wenn ich die Augen schliesse, dann sehe ich nichts und es ist dunkel. Wenn die Augen weg sind, dann bleibt doch dieses Schwarz?"
"Ich sehe auch das nicht."
"Und Sternchen, siehst du Sternchen?"
"Nein."
"Aber wenn ich die Augen zudrücke, dann sehe ich Sternchen und wenn ich ganz fest zudrücke, dann sehe ich ganz viele Sternchen."
Er lächelt. Und schweigt. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen.
Und plötzlich öffnen sich seine Augen. Das Radio läuft und bringt Nachrichten. Er hebt leicht den Kopf und die Augenlider öffnen sich wie der Mund beim Gähnen. Sie gehen weit auf und darunter erscheinen die starren, in die Ferne gerichtete Glasaugen. Das Weiss rund um die braungrüne Iris, der Schwarze Punkt der Pupille in der Mitte, als wären es richtige Augäpfel. Aber er schaut mich nicht an. Ein toter Blick eines Lebenden. Dann schliessen sich die Augenlider wieder und der Kopf senkt sich in die ursprüngliche, leicht in sich gesunkene Haltung. Morgen soll es regnen.
Und einmal hat er es doch getan, nach langem Drängen, danach nie wieder : Er führt die rechte Hand an sein Gesicht. Legt Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger auf sein linkes Auge und öffnet die Lider. Dringt mit den drei Fingern in die Augenhöhle ein. Erfasst damit den Augapfel und löst ihn heraus. Legt ihn auf den Tisch. Er macht es langsam und bedächtig, so als sollten wir flüstern. Es sind keine Kugeln, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es sind oval geformte Schalen, in deren äussere Wölbung die Zeichnung der Iris und der Pupille in das weisse Glas eingegossen ist. Er nimmt auch das zweite heraus.
Sie liegen auf dem Tisch und ich wage es nicht, sie zu berühren.
Draussen ist es dunkel, Schwarz an den Fensterscheiben. Über dem Tisch und der Eckbank die Lampe mit ihrem grünroten Stoffschirm und dem gelblichen Licht. Er lässt die Glasaugen eine Weile so auf dem abgeräumten Tisch liegen. Grossmutter ist in der Küche und wäscht ab. Wir sind allein. Seine Augen sind jetzt schlaff und eingefallen. Die Augenlider wie kleine runzelige Säcke, die leer sind und durchhängen. Ich glaube, er lächelt. Sagt aber nichts.
Ein Jahr nachdem Grossvater gestorben war, starb auch meine Grossmutter, Agnes Schwizer-Holenstein. Und das Haus wurde geräumt. Seither bin ich im Besitzt einer Plastiktüte, die ich von Wohnung zu Wohnung mit umziehe und jedesmal wieder in einen Schrank oder eine Abstellkammer versorge. Es ist eine rotweiss karrierte Plastiktüte aus einem Kaufhaus in Wattwil.
Ihr Inhalt:
ein Wecker
ein zerlegbarer weisser Stock
ein paar Hosenträger
ein Kartenspiel
eine Armbanduhr
zwei Geräte um in Blindenschrift zu schreiben
eine Blindenzeitung (was steht da drin?)
ein kleines mechanisches Ding, von dem ich nicht weiss, wozu es dient
ein Rosenkranz
Diese Plastiktüte steht seit zwei Monaten neben meinem Schreibtisch und gestern bin ich mit dem Fuss dagegen gestossen. Seither tickt es in der Tüte. Als ich eben nachschaute, war es der Wecker, der nun auf meinem Schreibtisch steht wie ein tickender Grabstein.