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Zu erinnern wäre unter anderen an die Geschichte von
Ignaz Schwizer, geboren 1913 im Schweistel bei Krummenau, gestorben am
13. Juni 1987 im Spital Wattwil, Vater von vier Kindern, Knecht von Beruf,
wollte mit Frau und Familie nach Amerika auswandern oder nach Neuseeland,
wird während des zweiten Weltkrieges in den Aktivdienst der Schweizerischen
Landesverteidigung einberufen, ist danach Handlanger bei einer Baufirma
in Neu St. Johann und verliert beim Sprengen von Steinen beide Augen,
erlernt im Blindenheim St. Gallen die Blindenschrift und das Körbeflechten,
wird danach Vertreter für die Firma B., bekannt im ganzen Toggenburg
für Seifen, Badezusatz, allerlei Gebräuchliches für die
Reinlichkeit und das Bad. Reist mit einem Blindenhund, einem weissen Stock
und einem Diktiergerät. Es kommt selten vor, dass er im Wirtshaus
sitzt. Jeden Sonntag geht er zur Kirche und dienstags zum Singen in den
Kirchenchor. An der Wand tickt die Schwarzwalduhr. Er sitzt am Tisch.
Die Hände so gross wie Suppenteller liegen still nebeneinander. Mein
Grossvater.
Er ist gerade 29 Jahre alt, fünf Jahr jünger als ich heute,
wo ich dies schreibe, selbst bin, als er 1942 vom Aktivdienst beurlaubt
bei der Tiefbaufirma X in Neu St. Johann in einem Drainagegraben beim
Sprengen von Steinen beschossen wird. Sein ganzes Gesicht zerschnitten
und zerfetzt. Die Augäpfel zerrissen. Seit zwei Jahren verheiratet.
Ein Kind.
Seine Frau, meine Grossmutter Agnes, geborene Holenstein, aufgewachsen
im Nachbardorf, in Stein, war gerade 26 Jahre alt, als die Nachricht sie
wie eine Kriegsmeldung überfallen haben muss. Ich versuche es mir
vorzustellen. Sie allein zu Hause mit ihrer Tochter. Sie hat nie darüber
gesprochen. Ich habe sie nie danach gefragt.
Er sitzt auf der Eckbank am Tisch. Ein grosser schwerer Mann. Die Augen
geschlossen. Hinter ihm auf der Rückenlehne der Bank steht ein Radio
und bringt Nachrichten. Der Raum ist länglich. Man gelangt durch
die Küche in diesen Vorraum der Stube, der als Esszimmer dient. Neben
der Eckbank führt eine Fenstertür auf den kleinen Balkon hinaus,
von dort eine Treppe in den Garten hinunter. Seine grossen warmen Hände
liegen vor ihm auf dem Tisch. Die Daumen unter der Tischkante, so dass
nur die acht anderen Finger zu sehen sind. Alle zeigen sie über den
Tisch hinweg von ihm fort. Manchmal bewegt sich der linke Zeigefinger.
Er legt ihn auf den Mittelfinger, lässt ihn dann langsam abrutschen,
so dass er auf den Tisch zurückplumpst. Es ist eine Art Fingerschnalzen.
Er wiederholt dieses Schnalzen mit ausgestreckten Fingern, während
im Radio die Wetterprognosen gesprochen werden. Die Masse seines grossen
Körpers sonst reglos. Entspannt sitzt er da wie ein Buddha. Wir treten
ein, und er hebt den rechten Arm, dreht sich zur Seite, greift nach dem
Radio und macht es aus. Meine kleine Kinderhand verschwindet in seiner
warmen fleischigen Riesenpranke. Er hält sie lange fest und ich sage
"Hoi Grossvater". Er erkennt mich an meiner Stimme und begrüsst
mich mit meinem Namen. Dabei die Augen geschlossen, mit erhobenem Kopf,
so dass er, könnte er mich sehen, über mich hinweg blicken würde.
Mit der linken Hand greift er nach meiner Schulter und sagt "Bist
du gross geworden!" Grossmutter ist in der Küche und macht Kaffee.
Sie schneidet einen kleinen Keks, legt ihn auf einen grünen Teller
und bringt ihn auf den Tisch. Ich nehme ein Stück Kuchen und verziehe
mich in den Garten.
Er raucht Brissago-Stumpen. In der Stube sitzt er am Fenster auf einem
grossen Ohrsessel und zieht. Eine dicke weisse Wolke entsteht um ihn herum
und verteilt sich im ganzen Raum. Es riecht nach altem Stoff, nach Teppich
und über allem dieser neblige, stickige Zigarrenrauch. Neben ihm
steht eine Kommode. Ein Teil davon lässt sich öffnen wie eine
Bar. Darin befindet sich das Tonbandgerät. Ein grosses altes Modell
mit Magnetbandspulen, die er einlegt, einfädelt und dann laufen lässt.
Es sind Nachrichten vom Blindendienst. Manchmal vorgelesene Bücher
und Hörspiele. Er raucht und hört zu. Ich sehe ihn auf diesem
Ohrsessel sitzen, neben der aufgezogenen Kommode. Hinter ihm der Stoffvorhang
mit Rosenmuster. Die Sonne dringt durch den dicken Stoff und hinterlässt
glitzernde Funken in der Luft. In der Küche ist jemand eingetreten
und redet laut. Vom Rauch habe ich Kopfschmerzen.
"Grossvater, was siehst du?"
"Nichts."
"Was ist nichts?"
"Ich sehe nichts."
"Nichts, ist das schwarz?"
"Nein, nichts."
"Aber wenn ich die Augen schliesse, dann sehe ich nichts und es ist
dunkel. Wenn die Augen weg sind, dann bleibt doch dieses Schwarz?"
"Ich sehe auch das nicht."
"Und Sternchen, siehst du Sternchen?"
"Nein."
"Aber wenn ich die Augen zudrücke, dann sehe ich Sternchen und
wenn ich ganz fest zudrücke, dann sehe ich ganz viele Sternchen."
Er lächelt. Und schweigt. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen.
Und plötzlich öffnen sich seine Augen. Das Radio läuft
und bringt Nachrichten. Er hebt leicht den Kopf und die Augenlider öffnen
sich wie der Mund beim Gähnen. Sie gehen weit auf und darunter erscheinen
die starren, in die Ferne gerichtete Glasaugen. Das Weiss rund um die
braungrüne Iris, der Schwarze Punkt der Pupille in der Mitte, als
wären es richtige Augäpfel. Aber er schaut mich nicht an. Ein
toter Blick eines Lebenden. Dann schliessen sich die Augenlider wieder
und der Kopf senkt sich in die ursprüngliche, leicht in sich gesunkene
Haltung. Morgen soll es regnen.
Und einmal hat er es doch getan, nach langem Drängen, danach nie
wieder : Er führt die rechte Hand an sein Gesicht. Legt Daumen, Zeigefinger
und Mittelfinger auf sein linkes Auge und öffnet die Lider. Dringt
mit den drei Fingern in die Augenhöhle ein. Erfasst damit den Augapfel
und löst ihn heraus. Legt ihn auf den Tisch. Er macht es langsam
und bedächtig, so als sollten wir flüstern. Es sind keine Kugeln,
wie ich mir das vorgestellt hatte. Es sind oval geformte Schalen, in deren
äussere Wölbung die Zeichnung der Iris und der Pupille in das
weisse Glas eingegossen ist. Er nimmt auch das zweite heraus.
Sie liegen auf dem Tisch und ich wage es nicht, sie zu berühren.
Draussen ist es dunkel, Schwarz an den Fensterscheiben. Über dem
Tisch und der Eckbank die Lampe mit ihrem grünroten Stoffschirm und
dem gelblichen Licht. Er lässt die Glasaugen eine Weile so auf dem
abgeräumten Tisch liegen. Grossmutter ist in der Küche und wäscht
ab. Wir sind allein. Seine Augen sind jetzt schlaff und eingefallen. Die
Augenlider wie kleine runzelige Säcke, die leer sind und durchhängen.
Ich glaube, er lächelt. Sagt aber nichts.
Ein Jahr nachdem Grossvater gestorben war, starb auch meine Grossmutter,
Agnes Schwizer-Holenstein. Und das Haus wurde geräumt. Seither bin
ich im Besitzt einer Plastiktüte, die ich von Wohnung zu Wohnung
mit umziehe und jedesmal wieder in einen Schrank oder eine Abstellkammer
versorge. Es ist eine rotweiss karrierte Plastiktüte aus einem Kaufhaus
in Wattwil.
Ihr Inhalt:
ein Wecker
ein zerlegbarer weisser Stock
ein paar Hosenträger
ein Kartenspiel
eine Armbanduhr
zwei Geräte um in Blindenschrift zu schreiben
eine Blindenzeitung (was steht da drin?)
ein kleines mechanisches Ding, von dem ich nicht weiss, wozu es dient
ein Rosenkranz
Diese Plastiktüte steht seit zwei Monaten neben meinem Schreibtisch
und gestern bin ich mit dem Fuss dagegen gestossen. Seither tickt es in
der Tüte. Als ich eben nachschaute, war es der Wecker, der nun auf
meinem Schreibtisch steht wie ein tickender Grabstein.
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