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Von: Urs Richle
An: Thomas Hettche
Betreff: Brief
Datum: Don, 21. Okt 1999 6:47 Uhr
Lieber Thomas
Es ist kurz nach zehn Uhr, Sonntag, ich sitze im Zug und fahre die neuneinhalb
Stunden, die ich zur NULL-Präsentation in Sulzbach-Rosenberg hergefahren
bin, wieder zurück. Draussen scheint die Sonne und auf meinem Bildschirm
flimmert das durch Bäume und Strommasten zerstückelte Licht.
Vor mir sitzen Amerikaner mit ausgefalteter Deutschlandkarte, haben kleine
gelbe Selbstklebezettel an verschiedenen Orten angebracht, sprechen leise,
konspirierend, wie tollpatschige Spione, fingern auf der Landkarte herum
warum sitzen die hier im Zug, warum fahren sie nicht per Mausklick
durch eine Multimedia-Erlebnis-Geographic-CD-Rom...?
Was mich gestern am meisten erstaunte, war die wiederholte Nachfrage,
ob wir Autoren denn nicht dazu verleitet würden, in NULL Texte abzulegen,
die wir sonst in keinem Buch veröffentlichen würden und die
vielleicht nicht mal von einer Zeitschrift oder einem sonstigen gedruckten
Medium angenommen würden. Scheinbar wird das Netz tatsächlich
als eine Art Mülleimer wahrgenommen, und was dort publiziert wird,
ist von vornherein "gratis" und deshalb selbstredend "Trash".
So sehen wir uns in der etwas absurden Lage, entgegnen zu müssen:
"Liebe Leute, wir veröffentlichen zwar in einer Müllhalde,
unsere Produkte aber sind Literatur." was einigermassen absurd
klingt und sofort die Gegenfrage provoziert: "Und warum veröffentlicht
ihr Literatur in einer Müllhalde?"
Langsam komme ich zur Überzeugung, dass wir vielleicht die Taktik
ändern und zu einem Selbstbekenntnis übergehen sollten: "
Wir beteiligen uns zwar am Trash im Netz, bloss dass unser Trash ein organischer,
wiederverwertbarer, manipulierbarer ist und aus Zeichen besteht, die der
Sprache entliehen sind. Man könnte leicht zu der Vermutung kommen,
dass das Erscheinungsbild dieses "Kompostiermülls" auf
eine spezielle Art von Literatur verweist..."
Ich weiss, dass ich mit diesen Gedanken ein bisschen hinterherhinke, denn
in den ersten Monaten wurde in NULL ja hauptsächlich darüber
und über Goetzens Formel des "Abfall für alle!" diskutiert
und geschrieben. Mich hat diese Diskussion damals gelangweilt, weil ich
es für genauso sinnlos halte, über Sinn und Unsinn des Internets
zu diskutieren, wie über die Frage, ob das Telefon dazu geführt
hat, dass die Cafés abgeschafft wurden und wir heute, einige Jahrzehnten
nach dessen Erfindung, nun nur noch zu Hause sitzen und per Draht kommunizieren....
Viel spannender finde ich, dieses Ding, das, ob wir es wollen oder nicht,
nun mal da ist, einfach auszuprobieren und damit zu arbeiten. Die Aufgabe,
herauszufinden, ob das dann Sondermüll, Restmüll, Bio-Abfall
oder doch was ganz anders ergibt, überlasse ich eigentlich gern anderen.
Ich fabriziere meine Texte, und ob sie jemand als wertlose Sekrete eines
Verrückten oder als unschätzbar wertvolle Spuren eines Geheiligten
(wie wir das nach der NULL-Präsentation beim Besuch des Literaturarchivs
in Sulzbach ja gesehen haben, wo jeder noch so banale Zetel von Adorno,
Weiss und weiss ich wem konserviert wird) betrachtet,darauf haben wir
sowenig Einfluss wie darauf, ob einer unserer Leser lieber saure oder
lieber süsse Gurken isst. Und das ist doch gerade das Motivierende.
Ein Text ist und bleibt das Objekt eines durch und durch demokratischen
Prozesses. Was der/die einzelne LeserIn davon hält, das entscheidet
immer noch jede/r selbst. Und er/sie wird auch in Zukunft selbst entscheiden,
ob er/sie lieber auf eine Maus klickt oder in einem Buch blättert
- oder eben wie jene Amerikaner vor mir in einem Zug reist.
Bis bald,
grüsst Dich herzlich, kurz vor Stuttgart,
Urs
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