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Ich fand den Zettel in einem
Couvert, das auf dem Boden einer mit altem Gerümpel gefüllten
Kartonschachtel lag. Der Rest liegt inzwischen im Mülleimer. "A
28-Year-Old Man with a Renal Transplant and Recent Disorientation"
steht in einem blassen Blau darauf gedruckt. Es war ein gerahmtes Abschiedsgeschenk
von Susan Kealy, einer kanadischen Künstlerin, meiner Studionachbarin
an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Das war 1990, im Winter 1991
genauer. Wir haben uns nie wieder gesehen seither. Und mehrere Stunden Internet-Surfen
haben zu keinem Hinweis und zu keinem möglichen Kontakt verholfen.
Also keine Möglichkeit, hier einen Link einzusetzen, um über Susan,
die Leukämie und ihre Arbeit etwas zu zeigen. Ich las diese paar Wörter
und küsste die von Chemotherapie und Medikamenten verzehrte Susan zum
Abschied auf die Wangen. Ich war sechsundzwanzig und fragte mich, was mir
mit 28 widerfahren würde. Das gerahmte "fiktive Zitat", wie
ich es mal nenne, habe ich weder in meiner Wohnung in Berlin, noch in Genf,
wo ich dann hinzog, je einmal aufgehängt. Lange Zeit blieb es in einem
nie richtig ausgeräumten Koffer liegen, dann in einer Umzugskiste,
und als ich im Juni 1993 achtundzwanzig wurde, erinnerte ich mich an die
paar Wörter, die mir Susan in Stuttgart zum Abschied geschenkt hatte,
nahm das gerahmte Zitat wieder hervor und fragte mich, wie es meiner Niere
gehe, ob meine Orientierung noch in Ordnung sei. Ich stellte das kleine
Sprachbild auf ein Regal, wo es sehr schnell von drückenden Büchern
verdrängt wurde. Drei Jahre später habe ich das Blatt aus dem
Rahmen herausgelöst und in ein Couvert gesteckt. Den Rahmen brauchte
ich damals für das Photo meiner frisch geborenen Tochter. Vor ein paar
Tagen fand ich dieses Couvert nun in einer alten Schachtel wieder. Die zwölf
Wörter stehen noch immer so da und verweisen auf ein mögliches
Leben, und ich stelle mir dessen Verlauf vor in der zunehmenden Unübersichtlichkeit,
inmitten der Potenzierung von Chaos, der Verwirrung der Gefühle und
der Werte, im freien Fall durch Anhäufung von Fülle. Inzwischen
bin ich vierunddreissig, habe zwar noch kein Nierentransplantat, aber zweifle
doch zunehmend an meinem Navigationssystem. Ich starre auf diese zwölf
Wörter, die mich nun seit über acht Jahren begleiten, eine kleine
geordnete Reihe eines verstehbaren Satzes, ein syntaktisches Fenster, durch
das frische Luft weht. Fehlt nur der Rahmen. Morgen kaufe ich mir einen.
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