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Die Heizung ist
neu, aber wenn ich aufwache, rieche ich das Provisorische der Renovierung,
oder ich rieche es erst jetzt, seit alles auf der Kippe steht, Kippe, Klippe,
seit gestern. In den warmen Lackdunst mischt sich Zugluft, ein Geruch nach
kaltem Backstein, Stahlträgern, feuchten Holzverschalungen, der durch
die beschlagenen Innenfenster kriecht. Ich schlafe am Fußende der
Halle im ersten Stock, in einem Verschlag aus dünnen Trennwänden
und Fensterscheiben.
Die Lösung erschien mir im Traum und war ein Einwegspiegel, groß
genug, um den Platz in zwei Hälften zu teilen, oder besser im Verhältnis
von einem Drittel zu zwei Dritteln. Von der Fabrik her würde man über
den größeren Teil der Fläche nur bis in den Spiegel blicken,
der im verdoppelten Abstand das Bild der Außenwand zurückwürfe,
auf der wir einen Text anbringen würden oder eine Namensliste, je nachdem.
Wer immer zwischen dem Gebäude und dem Spiegel stünde, sähe
keinen Ausweg, keinen Horizont, keine Zukunft vor sich, sondern nur sich
selbst, eingeschlossen in der Erinnerung an das Lager. Näherte man
sich jedoch der Fabrik von der Straße her, träfe man auf Frederichs
Kreuz mit seiner pathetischen Aufschrift und blickte doch zugleich durch
die Scheibe hindurch auf das andere, das richtige Mahnmal.
Aus dem Erdgeschoß kein Geräusch. Also ist die Putzfrau noch
nicht im Gebäude. Nur die Tauben auf den Fensterbrettern, die in den
zentimeterdicken Krusten aus Kot, Dreck und Federn scharren. Kippe, Klippe:
Der Spiegel tauchte erst im Wachwerden auf. Darunter, in der letzten Schicht
des Schlafes, bewegen sich die Schwaden eines Traums, der als Film geendet
hat. Ich erhob mich aus der Grube am Set, immer noch als Skelett, doch nun
waren die Knochen auf ein erdfarbenes Trikot aufgemalt, und mir fehlte nichts.
Angefangen hatte es als Albtraum, auf dem unvermeidlichen Appellplatz, im
schneidenden Winter wahrscheinlich, mit dem unvermeidlichen Warten, bis
ich an der Reihe war. Die Grube war mit Säure gefüllt, und wer
sich hineinlegen mußte, wurde bei lebendigem Leibe zerfressen.
Wachen Verstandes hätte ich der Sitzung der Findungskommission keinen
derart bedrohlichen Schatten zugetraut. Warum auch? Ein Rechteck aus lichtgrauen
Tischen, um das ein Dutzend Verwaltungsleute sitzen werden und die eingeladenen
Wettbewerber, in der Mehrzahl regionale Architektenbüros oder Landschaftsplaner.
Meine Rolle beschränkt sich auf die der gastgebenden Institution. In
der Kommission steht mir nur ein Rederecht zu, kein eigenes Votum. Abstimmen
dürfen die Vertreter der Landtagsfraktionen und der beteiligten Ministerien,
die Vertreter der Stadt und des Kreises Mühlbrodt und die Vertreter
der Opferorganisationen. Ich stelle den Konferenzraum, lasse Mandy Getränke
besorgen und der Putzfrau bescheidsagen, und letzte Nacht um zwei bin ich
endlich dazu gekommen, die Dossiers auszudrucken, die als Tischvorlage bereitliegen.
Robert war auch dabei, und Frederich. Frederich trug eine Aufseheruniform
und einen Försterhut, Robert seine abgewetzte Windjacke und einen aufge-nähten
Winkel. Sie standen vor dem Kreuz und stritten, genauer: Frederich, mit
dem Rücken zum Kreuz, breitete die Arme aus, um Robert aufzuhalten,
der plötzlich einen Stock in der Hand hatte, mit dem er auf Frederich
losging. Nein, keinen Stock, sondern einen langen Knochen. Auch das Kreuz,
sah ich nun, war aus Knochen.
Die Scheiben für den Verschlag stammen aus einem Nebengebäude,
das inzwischen abgerissen ist. Den Einbau hatten Lutter und Mirko noch gemeinsam
organisiert, lange vor allen Zerwürfnissen, und wie einig sie sich
damals waren in ihrem Befremden, daß ich nicht einfach in die renovierten
Verwaltungsräume einzog. Frisch verputzte Wände, ein neues Bad,
Sonne von Süden. Was will sie denn noch?! Ich nutze die überzähligen
Räume als Gästezimmer und als Staufläche, während ich
in dem Verschlag tatsächlich wohne, mit meinem Bett aus Berlin, dem
Schreibtisch, ein paar Sesseln. In den wärmeren Monaten kann ich die
Innenfenster offenlassen und praktisch in der riesigen Halle leben, die
noch nicht umgebaut ist, nur notdürftig gesichert und abgedichtet.
Wenn wieder Krieg wäre, dachten wir damals, in Trixis Schleiflackzimmer:
Wenn wieder Krieg wäre, wir wüßten Bescheid.
Was stimmt daran denn nicht? Daß es keine eigenen Erinnerungen wären,
in die wir die Besucher zwischen Fabrik und Spiegel einschlössen? Oder
daß es überhaupt keine nachzuempfindenden Erinnerungen wären,
wie fremd und vergangen auch immer, sondern eine nackte Behauptung: Hier,
an dieser Wand.
Hier, in dieser abgelegenen Gegend. Substandard, bekamen wir in den
ersten Jahren zu hören, wenn die auswärtigen Kommissionen anreisten,
Fachleute und Kollegen aus den Forschungsinstituten, den Universitäten.
Substandard dachte ich manchmal selbst, in den depressiven Monaten
von November bis Februar, solange der Nebel durch die Straßen kroch,
alle Wege um die Stadt aufweichten zu schwarzem Schlamm. Eine flache Landschaft,
durchschnitten von der Woblitz, die in die Elbe fließt, kilometerweit
nichts als aufgegebene LPG-Ödnisse und verwüstete Truppenübungsareale.
Von außen gesehen teilt sich die Fabrik in einen langgestreckten wilhelminischen
Industrieanbau und ein vorgesetztes, barockes Quergebäude, das im 17.
Jahrhundert ein Handelskontor beherbergte. Die ehemalige Haacke'sche Zuckerraffinerie,
die den Zucker im Namen behielt, als Samuel Feininger sie 1874 aufkaufte
und sein Sohn Felix nach der Jahrhundertwende daraus eine moderne chemische
Fabrik machte, bis 1939 die SS sich einnistete und ein KZ-Kommando neben
den Labors die Baracken bauen ließ. Wir haben Fotos davon entdeckt,
ein ganzes Album, das wir für die Ausstellung in der Halle reproduzieren
ließen. Einschließlich der Zwischenpergamente. Die Fassaden
der Fabrik sind deutlich zu erkennen, auch die Häftlingskleidung und
die Uniformen der Bewacher. Weniger gut sieht man die Gesichter. Die Zwischenpergamente
wären mir um ein Haar nicht aufgefallen, hätte nicht Katrin sich
über das altmodische Spinnennetzmuster gewundert. Altmodisch,
nun ja. In die Mitte der Netze fanden wir kleine Hakenkreuze geprägt.
Mit der Vorstandssitzung ist es anders. Stimmt morgen der Vorstand gegen
mich, sind wir am Ende. Sieben Jahre Arbeit, und alles umsonst. Die Geschichte
der Feiningers, die Geschichte der Calbows und die Lebenswege von ein paar
hundert Häftlingen, die wir in dieser verstrickten, verstockten Stadt
ans Licht gebracht haben, würden so unsichtbar wie zuvor. Es gäbe
keine Schulklassen mehr, die Mandy oder Katrin oder Mirko durch die Fabrik
führte, Stoppelköpfe in Tarnflecken und Bomberjacken, die ihre
Naziparolen einschleppen und Kaugummi auf die Grafiken kleben, bis sie nach
und nach doch kleinlaut werden, wenn sie die Straßenschilder wiedererkennen,
die Namen ihrer Familien, den hohlen Boden unter allem. Keine Besuchergruppen
mehr aus den Heimatländern der Verschleppten und Ermordeten, von deren
Angehörigen ich Farbfotos geschickt bekomme, die uns linkisch miteinander
in der Halle stehend zeigen oder auf dem Friedhof, um Lächeln und Wohlwollen
und Verständigung bemüht mit unseren blitzlichtroten Kaninchenaugen,
keine Gedenkreden und Kranzniederlegungen mehr, keine Tagungen und Vorträge
und Podiumsdiskussionen, zu denen wir Zimmer im MÄRKISCHEN HOF oder
im ROTEN ADLER bestellen und den Kleinen Saal im RATSKELLER, Abendessen
für dreißig bis fünfzig Personen, keine Kollisionen mehr
mit Abgeordneten, Behördenvertretern, den gemischten Unterhändlern
für oder gegen Entschädigungen, Ausgleichsleistungen, Rehabilitierungen.
Keine verstümmelten Artikel mehr in der Lokalzeitung samt ihrem Nachklapp
von Leserbriefen und Gegendarstellungen. Keine Hinweise im Tourismuskalender.
Trixis Schleiflackzimmer hatte elfenbeinfarbene Fronten, um die messingfarbene
Zierleisten liefen. Und zwei runde, grellbunte Sitzmöbel auf elfenbeinfarbenen
Stielen.
Eissalat.
Die leuchtenden Blätter am Boden, fast noch grün oder so sattgelb,
sattorange, Kastanienlaub, das über Nacht auf den Wegen eingefroren
war und dann halb wieder aufgetaut, rechts die Woblitz, Kleingärten,
Baumwipfel, zerfallende Industriebauten jenseits des Wasser, davor ein polnisches
Schubschiff, das dunkle Wellen gegen die Schneeufer trieb. Das Eis zwischen
dem naß glänzenden Laub hatte eine Art Granulatstruktur angenommen
hatte, es erinnerte an geborstenes Sicherheitsglas. Glas und Eis liegen
im Kopf nicht weit auseinander, etwas Eßbares wie Krautsalat oder
serbischer Salat und diese gewaltsam verstreuten Splitter
Jetzt tauchen die Gabeln wieder auf, serbische Gabeln. Das haben
wir immer noch nicht geklärt.
Zwei Mark achtundsechzig, im Laden neben der Schulbaracke, eine Straßenbreite
hinter dem Schulzaun, aluminiumgebänderte Resopalregale, balgende Quintaner,
rechts von der Tür die Rotweinflaschen, der billigste: AMSELFELDER
... - und die Tarnflecken, rötlicher Staub, eine zerriebene Straße:
das Denken damals war wie ein Pfeil, ich wollte immer so weiterfliegen -
erinnerst du dich: wie wir einmal, weit im Süden, in einem Dorf gestrandet,
in dem es keine Quartiere gab, auf einer niedrigen weißen Mauer saßen,
dicht vor der Dunkelheit, die Rucksäcke neben uns, und viel zu genau
wußten, daß wir uns die ganze Nacht nicht aus der Dorfmitte
würden wegrühren dürfen; wir tranken den heißen, übersüßten
Tee, den wir abwechselnd aus dem Café gegenüber holten (war
es überhaupt ein Café: ein paar Tische, ein klappernder Flipperautomat),
in dem ein Dutzend Männer die Abendstunden totschlug, gespannt darauf,
die jüngeren jedenfalls, was wir schließlich machen würden,
während rundum die Wände langsam abkühlten, der Staub zwischen
den Zehen, der Tee in den kleinen, gerillten Gläsern. Ich kann noch
spüren, wie erschöpft wir waren, zu erschöpft, um wütend
zu sein oder richtige Angst zu haben. Wir hätten bloß gern irgendwo
geschlafen. Dann muß drinnen jemand an einem Radio gedreht haben,
vielleicht aus Versehen, und plötzlich war ein Akkordeon zu hören,
ziemlich verstimmt, das ein paar Tango-Fetzen spielte, oder etwas, das an
Tango erinnerte, und ich stand auf, wie von einem Faden gezogen, und ging
wieder hinüber. Was, wie ich zugebe, nicht eine meiner besten Ideen
war.
Die Tauben. Ihretwegen wache ich hier so früh auf, viel früher
als in Berlin, und diese ersten ein, zwei Stunden sind das Wichtigste am
Tag, meine tabula rasa, die einzige Zeit, in der ich klar denken
kann
Klar denken konnte. Gestern, auf dem Weg ins Rathaus, um Robert und
Frederich beim Bürgermeister zu treffen, kam mir Adele Kranold entgegen,
deren Frisur schon wieder in Verwilderung übergeht (eine Weile war
sie gebleicht, gesträhnt, gefönt, toupiert). Heute grüßte
sie mich, blieb sogar stehen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen.
Hätte sie geschwankt oder gezittert, wäre ich mit einer halben
Erwiderung an ihr vorbeigekommen, aber so unmißverständlich,
wie sie innehielt, mußte ich mich nach ihrem Befinden erkundigen.
"Das Klimakterium", seufzte sie auf, "Sie ahnen ja nicht
..." Ihre Augen zwinkerten wäßrig, und sofort fühlte
ich mich erpreßt. Wir standen auf den schiefen Trittsteinen der Marktstraße
- vor wenigen Jahren noch Ernst-Thälmann-Straße -, aus den Kellerfenstern
der Bäckerei dunstete ein muffiger Geruch herauf. Klimakterium? In
ihrem Alter? Überhaupt, mir davon zu erzählen, auf offener
Straße! Sie muß jenseits der Sechzig sein, jenseits von Gut,
aber noch nicht von Böse, paranoid, alkoholisiert, und dann redet sie
auf der Straße mit mir, als hätte es keinen der Leserbriefe gegeben,
mit Lügen gespickt, keine Denunziationen bei der Stadtverwaltung, keine
keifenden Auftritte in der Bürgerversammlung, nichts davon. "Das
Klimakterium ...", wiederholte sie fahrig, und dann, als hätte
sie erst jetzt erkannt, mit wem sie sprach, wurde ihre Stimme plötzlich
schrill:"Ihnen werden die Augen noch aufgehen, das schwöre ich
Ihnen!" Womit sie auf dem Absatz kehrtmachte, eben nochmal aus dem
Gleichgewicht geriet, sich wieder fing und mich stehenließ.
Die Meldungen über die Gabeln stammen aus den Jahren '91, '92. Eine
Sonderanfertigung, hieß es damals. Serbische Tschetniks benutzten
sie, um ihren Opfern beide Augen auf einmal auszustechen. Nicht, als ob
wir das für unmöglich gehalten hätten. Es soll Bilder davon
gegeben haben, Reihen von Verletzten oder Ermordeten nebeneinander, immer
zwei gekreuzte Pflaster über den Augenhöhlen. Trotzdem. Wer hat
ihnen die Pflaster aufgeklebt?, fragte ich mich. Und wer hat diese Gabeln
gemacht? Hat ein einzelner sie gebastelt, oder sind sie in Serie
hergestellt worden? Wo? Von wem? Wer hat sie in Auftrag gegeben?
Mirko wurde weiß vor Zorn. Warum das wohl wichtig sei! Doch, sagte
ich. Ich will die Darstellung der Greueltaten von dem unterscheiden können,
was tatsächlich passiert ist. Eine Darstellung hat ihre eige-nen Zwecke
und Gesetzmäßigkeiten. Sie ist nicht automatisch ein verläßliches
Zeugnis. Sie kann für die Medien gedacht sein, sie kann der Bewältigung
von Unfaßbarem dienen, sie kann einer lokalen Erzähltradition
entsprechen. Das ist nicht illegitim, aber es beschreibt nicht das Ereignis,
sondern seinen Widerhall. Damit kannst du weder ein Verbrechen aufklären
noch das nächste verhindern.
Lutter war baff. Das glaubst du, Wanda?
Ich nickte.
Die Paläontologen wollen ein Auge entdeckt haben im Durchmesser einer
Wassermelone. Vor neunzig Millionen Jahren.
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