UHU-Bomber auf Schleiflack
Brigitte Oleschinski

 

 

 

31.12.1999


 

 

Die Heizung ist neu, aber wenn ich aufwache, rieche ich das Provisorische der Renovierung, oder ich rieche es erst jetzt, seit alles auf der Kippe steht, Kippe, Klippe, seit gestern. In den warmen Lackdunst mischt sich Zugluft, ein Geruch nach kaltem Backstein, Stahlträgern, feuchten Holzverschalungen, der durch die beschlagenen Innenfenster kriecht. Ich schlafe am Fußende der Halle im ersten Stock, in einem Verschlag aus dünnen Trennwänden und Fensterscheiben.
Die Lösung erschien mir im Traum und war ein Einwegspiegel, groß genug, um den Platz in zwei Hälften zu teilen, oder besser im Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln. Von der Fabrik her würde man über den größeren Teil der Fläche nur bis in den Spiegel blicken, der im verdoppelten Abstand das Bild der Außenwand zurückwürfe, auf der wir einen Text anbringen würden oder eine Namensliste, je nachdem. Wer immer zwischen dem Gebäude und dem Spiegel stünde, sähe keinen Ausweg, keinen Horizont, keine Zukunft vor sich, sondern nur sich selbst, eingeschlossen in der Erinnerung an das Lager. Näherte man sich jedoch der Fabrik von der Straße her, träfe man auf Frederichs Kreuz mit seiner pathetischen Aufschrift und blickte doch zugleich durch die Scheibe hindurch auf das andere, das ”richtige” Mahnmal.
Aus dem Erdgeschoß kein Geräusch. Also ist die Putzfrau noch nicht im Gebäude. Nur die Tauben auf den Fensterbrettern, die in den zentimeterdicken Krusten aus Kot, Dreck und Federn scharren. Kippe, Klippe: Der Spiegel tauchte erst im Wachwerden auf. Darunter, in der letzten Schicht des Schlafes, bewegen sich die Schwaden eines Traums, der als Film geendet hat. Ich erhob mich aus der Grube am Set, immer noch als Skelett, doch nun waren die Knochen auf ein erdfarbenes Trikot aufgemalt, und mir fehlte nichts. Angefangen hatte es als Albtraum, auf dem unvermeidlichen Appellplatz, im schneidenden Winter wahrscheinlich, mit dem unvermeidlichen Warten, bis ich an der Reihe war. Die Grube war mit Säure gefüllt, und wer sich hineinlegen mußte, wurde bei lebendigem Leibe zerfressen.
Wachen Verstandes hätte ich der Sitzung der Findungskommission keinen derart bedrohlichen Schatten zugetraut. Warum auch? Ein Rechteck aus lichtgrauen Tischen, um das ein Dutzend Verwaltungsleute sitzen werden und die eingeladenen Wettbewerber, in der Mehrzahl regionale Architektenbüros oder Landschaftsplaner. Meine Rolle beschränkt sich auf die der gastgebenden Institution. In der Kommission steht mir nur ein Rederecht zu, kein eigenes Votum. Abstimmen dürfen die Vertreter der Landtagsfraktionen und der beteiligten Ministerien, die Vertreter der Stadt und des Kreises Mühlbrodt und die Vertreter der Opferorganisationen. Ich stelle den Konferenzraum, lasse Mandy Getränke besorgen und der Putzfrau bescheidsagen, und letzte Nacht um zwei bin ich endlich dazu gekommen, die Dossiers auszudrucken, die als Tischvorlage bereitliegen.
Robert war auch dabei, und Frederich. Frederich trug eine Aufseheruniform und einen Försterhut, Robert seine abgewetzte Windjacke und einen aufge-nähten Winkel. Sie standen vor dem Kreuz und stritten, genauer: Frederich, mit dem Rücken zum Kreuz, breitete die Arme aus, um Robert aufzuhalten, der plötzlich einen Stock in der Hand hatte, mit dem er auf Frederich losging. Nein, keinen Stock, sondern einen langen Knochen. Auch das Kreuz, sah ich nun, war aus Knochen.
Die Scheiben für den Verschlag stammen aus einem Nebengebäude, das inzwischen abgerissen ist. Den Einbau hatten Lutter und Mirko noch gemeinsam organisiert, lange vor allen Zerwürfnissen, und wie einig sie sich damals waren in ihrem Befremden, daß ich nicht einfach in die renovierten Verwaltungsräume einzog. Frisch verputzte Wände, ein neues Bad, Sonne von Süden. Was will sie denn noch?! Ich nutze die überzähligen Räume als Gästezimmer und als Staufläche, während ich in dem Verschlag tatsächlich wohne, mit meinem Bett aus Berlin, dem Schreibtisch, ein paar Sesseln. In den wärmeren Monaten kann ich die Innenfenster offenlassen und praktisch in der riesigen Halle leben, die noch nicht umgebaut ist, nur notdürftig gesichert und abgedichtet.
Wenn wieder Krieg wäre, dachten wir damals, in Trixis Schleiflackzimmer: Wenn wieder Krieg wäre, wir wüßten Bescheid.
Was stimmt daran denn nicht? Daß es keine eigenen Erinnerungen wären, in die wir die Besucher zwischen Fabrik und Spiegel einschlössen? Oder daß es überhaupt keine nachzuempfindenden Erinnerungen wären, wie fremd und vergangen auch immer, sondern eine nackte Behauptung: Hier, an dieser Wand.
Hier, in dieser abgelegenen Gegend. Substandard, bekamen wir in den ersten Jahren zu hören, wenn die auswärtigen Kommissionen anreisten, Fachleute und Kollegen aus den Forschungsinstituten, den Universitäten. Substandard dachte ich manchmal selbst, in den depressiven Monaten von November bis Februar, solange der Nebel durch die Straßen kroch, alle Wege um die Stadt aufweichten zu schwarzem Schlamm. Eine flache Landschaft, durchschnitten von der Woblitz, die in die Elbe fließt, kilometerweit nichts als aufgegebene LPG-Ödnisse und verwüstete Truppenübungsareale. Von außen gesehen teilt sich die Fabrik in einen langgestreckten wilhelminischen Industrieanbau und ein vorgesetztes, barockes Quergebäude, das im 17. Jahrhundert ein Handelskontor beherbergte. Die ehemalige Haacke'sche Zuckerraffinerie, die den Zucker im Namen behielt, als Samuel Feininger sie 1874 aufkaufte und sein Sohn Felix nach der Jahrhundertwende daraus eine moderne chemische Fabrik machte, bis 1939 die SS sich einnistete und ein KZ-Kommando neben den Labors die Baracken bauen ließ. Wir haben Fotos davon entdeckt, ein ganzes Album, das wir für die Ausstellung in der Halle reproduzieren ließen. Einschließlich der Zwischenpergamente. Die Fassaden der Fabrik sind deutlich zu erkennen, auch die Häftlingskleidung und die Uniformen der Bewacher. Weniger gut sieht man die Gesichter. Die Zwischenpergamente wären mir um ein Haar nicht aufgefallen, hätte nicht Katrin sich über das altmodische Spinnennetzmuster gewundert. Altmodisch, nun ja. In die Mitte der Netze fanden wir kleine Hakenkreuze geprägt.
Mit der Vorstandssitzung ist es anders. Stimmt morgen der Vorstand gegen mich, sind wir am Ende. Sieben Jahre Arbeit, und alles umsonst. Die Geschichte der Feiningers, die Geschichte der Calbows und die Lebenswege von ein paar hundert Häftlingen, die wir in dieser verstrickten, verstockten Stadt ans Licht gebracht haben, würden so unsichtbar wie zuvor. Es gäbe keine Schulklassen mehr, die Mandy oder Katrin oder Mirko durch die Fabrik führte, Stoppelköpfe in Tarnflecken und Bomberjacken, die ihre Naziparolen einschleppen und Kaugummi auf die Grafiken kleben, bis sie nach und nach doch kleinlaut werden, wenn sie die Straßenschilder wiedererkennen, die Namen ihrer Familien, den hohlen Boden unter allem. Keine Besuchergruppen mehr aus den Heimatländern der Verschleppten und Ermordeten, von deren Angehörigen ich Farbfotos geschickt bekomme, die uns linkisch miteinander in der Halle stehend zeigen oder auf dem Friedhof, um Lächeln und Wohlwollen und Verständigung bemüht mit unseren blitzlichtroten Kaninchenaugen, keine Gedenkreden und Kranzniederlegungen mehr, keine Tagungen und Vorträge und Podiumsdiskussionen, zu denen wir Zimmer im MÄRKISCHEN HOF oder im ROTEN ADLER bestellen und den Kleinen Saal im RATSKELLER, Abendessen für dreißig bis fünfzig Personen, keine Kollisionen mehr mit Abgeordneten, Behördenvertretern, den gemischten Unterhändlern für oder gegen Entschädigungen, Ausgleichsleistungen, Rehabilitierungen. Keine verstümmelten Artikel mehr in der Lokalzeitung samt ihrem Nachklapp von Leserbriefen und Gegendarstellungen. Keine Hinweise im Tourismuskalender.
Trixis Schleiflackzimmer hatte elfenbeinfarbene Fronten, um die messingfarbene Zierleisten liefen. Und zwei runde, grellbunte Sitzmöbel auf elfenbeinfarbenen Stielen.
Eissalat.
Die leuchtenden Blätter am Boden, fast noch grün oder so sattgelb, sattorange, Kastanienlaub, das über Nacht auf den Wegen eingefroren war und dann halb wieder aufgetaut, rechts die Woblitz, Kleingärten, Baumwipfel, zerfallende Industriebauten jenseits des Wasser, davor ein polnisches Schubschiff, das dunkle Wellen gegen die Schneeufer trieb. Das Eis zwischen dem naß glänzenden Laub hatte eine Art Granulatstruktur angenommen hatte, es erinnerte an geborstenes Sicherheitsglas. Glas und Eis liegen im Kopf nicht weit auseinander, etwas Eßbares wie Krautsalat oder serbischer Salat und diese gewaltsam verstreuten Splitter –
Jetzt tauchen die Gabeln wieder auf, serbische Gabeln. Das haben wir immer noch nicht geklärt.
Zwei Mark achtundsechzig, im Laden neben der Schulbaracke, eine Straßenbreite hinter dem Schulzaun, aluminiumgebänderte Resopalregale, balgende Quintaner, rechts von der Tür die Rotweinflaschen, der billigste: AMSELFELDER ... - und die Tarnflecken, rötlicher Staub, eine zerriebene Straße: das Denken damals war wie ein Pfeil, ich wollte immer so weiterfliegen - erinnerst du dich: wie wir einmal, weit im Süden, in einem Dorf gestrandet, in dem es keine Quartiere gab, auf einer niedrigen weißen Mauer saßen, dicht vor der Dunkelheit, die Rucksäcke neben uns, und viel zu genau wußten, daß wir uns die ganze Nacht nicht aus der Dorfmitte würden wegrühren dürfen; wir tranken den heißen, übersüßten Tee, den wir abwechselnd aus dem Café gegenüber holten (war es überhaupt ein Café: ein paar Tische, ein klappernder Flipperautomat), in dem ein Dutzend Männer die Abendstunden totschlug, gespannt darauf, die jüngeren jedenfalls, was wir schließlich machen würden, während rundum die Wände langsam abkühlten, der Staub zwischen den Zehen, der Tee in den kleinen, gerillten Gläsern. Ich kann noch spüren, wie erschöpft wir waren, zu erschöpft, um wütend zu sein oder richtige Angst zu haben. Wir hätten bloß gern irgendwo geschlafen. Dann muß drinnen jemand an einem Radio gedreht haben, vielleicht aus Versehen, und plötzlich war ein Akkordeon zu hören, ziemlich verstimmt, das ein paar Tango-Fetzen spielte, oder etwas, das an Tango erinnerte, und ich stand auf, wie von einem Faden gezogen, und ging wieder hinüber. Was, wie ich zugebe, nicht eine meiner besten Ideen war.
Die Tauben. Ihretwegen wache ich hier so früh auf, viel früher als in Berlin, und diese ersten ein, zwei Stunden sind das Wichtigste am Tag, meine tabula rasa, die einzige Zeit, in der ich klar denken kann –
Klar denken konnte. Gestern, auf dem Weg ins Rathaus, um Robert und Frederich beim Bürgermeister zu treffen, kam mir Adele Kranold entgegen, deren Frisur schon wieder in Verwilderung übergeht (eine Weile war sie gebleicht, gesträhnt, gefönt, toupiert). Heute grüßte sie mich, blieb sogar stehen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen. Hätte sie geschwankt oder gezittert, wäre ich mit einer halben Erwiderung an ihr vorbeigekommen, aber so unmißverständlich, wie sie innehielt, mußte ich mich nach ihrem Befinden erkundigen. "Das Klimakterium", seufzte sie auf, "Sie ahnen ja nicht ..." Ihre Augen zwinkerten wäßrig, und sofort fühlte ich mich erpreßt. Wir standen auf den schiefen Trittsteinen der Marktstraße - vor wenigen Jahren noch Ernst-Thälmann-Straße -, aus den Kellerfenstern der Bäckerei dunstete ein muffiger Geruch herauf. Klimakterium? In ihrem Alter? Überhaupt, mir davon zu erzählen, auf offener Straße! Sie muß jenseits der Sechzig sein, jenseits von Gut, aber noch nicht von Böse, paranoid, alkoholisiert, und dann redet sie auf der Straße mit mir, als hätte es keinen der Leserbriefe gegeben, mit Lügen gespickt, keine Denunziationen bei der Stadtverwaltung, keine keifenden Auftritte in der Bürgerversammlung, nichts davon. "Das Klimakterium ...", wiederholte sie fahrig, und dann, als hätte sie erst jetzt erkannt, mit wem sie sprach, wurde ihre Stimme plötzlich schrill:"Ihnen werden die Augen noch aufgehen, das schwöre ich Ihnen!" Womit sie auf dem Absatz kehrtmachte, eben nochmal aus dem Gleichgewicht geriet, sich wieder fing und mich stehenließ.
Die Meldungen über die Gabeln stammen aus den Jahren '91, '92. Eine Sonderanfertigung, hieß es damals. Serbische Tschetniks benutzten sie, um ihren Opfern beide Augen auf einmal auszustechen. Nicht, als ob wir das für unmöglich gehalten hätten. Es soll Bilder davon gegeben haben, Reihen von Verletzten oder Ermordeten nebeneinander, immer zwei gekreuzte Pflaster über den Augenhöhlen. Trotzdem. Wer hat ihnen die Pflaster aufgeklebt?, fragte ich mich. Und wer hat diese Gabeln gemacht? Hat ein einzelner sie gebastelt, oder sind sie in Serie hergestellt worden? Wo? Von wem? Wer hat sie in Auftrag gegeben? – Mirko wurde weiß vor Zorn. Warum das wohl wichtig sei! Doch, sagte ich. Ich will die Darstellung der Greueltaten von dem unterscheiden können, was tatsächlich passiert ist. Eine Darstellung hat ihre eige-nen Zwecke und Gesetzmäßigkeiten. Sie ist nicht automatisch ein verläßliches Zeugnis. Sie kann für die Medien gedacht sein, sie kann der Bewältigung von Unfaßbarem dienen, sie kann einer lokalen Erzähltradition entsprechen. Das ist nicht illegitim, aber es beschreibt nicht das Ereignis, sondern seinen Widerhall. Damit kannst du weder ein Verbrechen aufklären noch das nächste verhindern.
Lutter war baff. Das glaubst du, Wanda?
Ich nickte.
Die Paläontologen wollen ein Auge entdeckt haben im Durchmesser einer Wassermelone. Vor neunzig Millionen Jahren.