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War da nicht was? In diesem
Jahr schwitzen die Armbändchen in der U-Bahn orange, die Jungs haben
frisch geschorene Köpfe unter ihren Basecaps, aber weiter die Sonnenbrillen
im Nacken, auch die Mädchen noch immer die Frisuren, Haarfarben, bauchfreien
Hemdchen wie im letzten Jahr. Wieder ist es heiß, von einem kräftigen
Seewind durchpustet, Sommersommersommer, und wir nehmen die andere Richtung,
irgendwie raus, weg, Weizenfelder, Sonnenblumen, Alleebäume -
War da nicht was?
Das Jahr, in dem ich vierundvierzig wurde, war das Jahr vor der Jahrtausendwende.
Die Welt damals schien hypnotisiert von dem Datum, das sie YK2 schrieb,
obwohl niemand, den man einzeln zu fassen bekam, mehr als ein Achselzucken
dafür aufbrachte: Wie, danach? Danach ist das nächste Jahr, was
sonst. Aber wer in den Medien steckte oder im Marketing, wer Kultur betrieb
oder Politik oder sonst einen öffentlichen Sektor besetzte, bastelte
garantiert an einem Projekt, an dem die beiden Nullen des kommenden Jahrtausends
klebten. Ich natürlich auch. Wir hatten ein eigenes Wort dafür:
Internet-Anthologie.
Vom Mädchen, das auszog, das Fürchten zu lernen.
Aus Anne kroch Laura, oder löste sich von ihr ab wie im Fernsehen weiland
das Lenor-Gewissen, ein Geschöpf, dem plötzlich die Männer
nachstarrten, derselbe Umriß noch, nur die Kurven endlich fertig,
der Babyspeck verschwunden, die Haare ein schimmernder Wasserfall den Rücken
hinab.
Alleebäume. Sonnenblumen.
Vielleicht war es noch Anne, die sich die enge Treppe hinabzwängte,
fremde Körper überall, anliegende Hemden, verschwitzte Gerüche,
in ein vom Stroboskoplicht zerflackertes Gewölbe, in dem der Soul
alle Poren öffnete, Trixi hinter sich und sie beide, höchstens
vierzehn, im Schlepptau von wem?, aber dann war es Laura, die am Ende der
Treppe einschmolz in das Pochen und Wiegen, die Luft aus Sex, Baß
und Dope, Laura in ihrem ersten gekauften Mini-Kleid. - Dasselbe,
in dem sie ein paar Tage später aus der anfahrenden Straßenbahn
poppte wie ein Gummiball (eher: wie zwei Gummibälle), auf einen
Piquéstoff gedruckte Schlieren in Türkis und Giftgrün,
weil sie draußen Moudi wiedererkannt hatte.
Trixi, an ihr zerrend, mit in Zeitlupe gehackten Bewegungen: Los, komm,
du hast ihn geküßt, jetzt verschwinden wir!
Moudi aus Kamerun. Er arbeitete bei Ford, verstand sie mit ihrem Viertel-
Französisch, den drei Brocken Englisch. Zu ihrer Verabredung trug er
ein weißes Hemd mit langem Kragen, ein breit kariertes Jackett, dunkle
Schlaghosen. Laura fühlte sich kosmopolitisch und in.
Unsere eigenen Farbtöpfe: grün und golden für die Augendeckel,
lila Schatten, Wimperntusche.
War da nicht -? Richtig, wir hatten Krieg. Die Debatte im Feuilleton,
"die führenden Intellektuellen Europas", jetzt als Buch,
das Haltbarkeitsdatum hastig überstempelt. Ich kann die Emphase noch
spüren, dieses innere Aufrauschen, Wir, Verantwortung, Generation,
Geschichte, das in wilden Gesprächen noch einmal die Reflexe des halben
Jahrhunderts kurzschloß, Zisch, Plopp, aus. Nicht, als ob die herbeigehexten
Besen jetzt nicht Eimer schleppten wie verrückt, überschwappende
Balkan-Initiativen, Balkan-Beauftragte, Balkan-Kulturprogramme. Während
die großen Elchschaufeln schon wieder Seids gewesen! dröhnen,
es wummert orange, klebt, schwitzt.
Trixi wurde bei Woolworth mit einem Lippenstift im Ärmel erwischt,
Laura überstand drei Sommer in zwei T-Shirts, die sie bei Karstadt
klaute.
Es war wieder Anne, die beim Abendessen von Moudi sprach, davon, daß
sie ihn am Rudolfplatz erkannt habe und aus der anfahrenden Bahn gesprungen
sei. Meine Eltern blickten entsetzt: Was denkt der jetzt von dir! - Nicht
von mir, hätte Anne sagen können. Von Laura.
Vierundvierzig Alleebäume, Sonnenblumen, dann und wann ein Massengrab.
Aus Laura kroch Wanda. To be continued.
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