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Nachrede zum PEN-Kongreß in Bremen
Das Beunruhigendste ist eine seltsame Belebung des Denkens, der Gespräche,
der Ansprüche, so, als werde derzeit der politische Raum neu erfunden,
das Politische neu ins Gesellschaftliche übersetzt. Nicht
im PEN-Zentrum Deutschland, um dieses Mißverständnis gleich
zu kappen. Im offiziellen PEN geht es weiter wie immer, nach den kleindeutschen
Regeln der Appellationsrhetorik, Vereinspolitik, Weltgeistvertretung.
Nein, das Beunruhigende artikuliert sich woanders, es bewegt sich in einer
unklaren Schicht zwischen Verstörung und Aufleuchten der vielsträhnigen
Diskurse, die wir schon seit langem nur noch im Bewußtsein ihrer
Nutzlosigkeit führen, ihrer Beliebigkeit. Aber wie beliebig sind
sie?
Vielleicht weiß es der Hausschlüssel von Ali Podrimja. Podrimja,
einer der wichtigsten albanischen Lyriker aus dem Kosovo, hält ihn
einen Augenblick hoch, während seine Sätze stolpernd ins Deutsche
übertragen werden. Die Improvisation ringt darum, Celan zu zitieren.
"Bitte", fragt uns der Übersetzer: "Was kann heißen:
Trinken von schwarzer Milch morgens?" Podrimja hat die Art von Flucht
hinter sich, die die Fernsehsender allabendlich von den Grenzen um das
Kosovo übertragen. Aber das, was er uns in Bremen davon zu erzählen
versucht, scheint in diesem Moment nur der serbische Autor Bora Cosic
zu begreifen. Cosic, früher in Belgrad lebend und seit sieben Jahren
im Exil, wiederholt es ein paar Tage später in Berlin: "Podrimja
hat uns berichtet, wie sein Land wie von einem Beil zerhackt wird, Menschen,
Häuser, Bibliotheken, Museen, eine ganze Kultur, ein ganzes Volk
wird von Milosevics Truppen zerhackt." Der Schlüssel ist alles,
was von Podrimjas Haus übriggeblieben ist.
Cosic hat begriffen, wovon Podrimja sprach, aber er hat den PEN-Zuhörern
in Bremen auch angesehen, daß sie eben dieses Begreifen nicht begreifen
wollten. Denn je weniger sie begreifen, desto gewisser sind sie sich ihrer
angejahrten öffentlichen Gesten. Die auch dort wieder verteidigt
wurden, als dürften nicht auch deutsche Schriftsteller allmählich
nach etwas Angemessenerem suchen als diesen Worthülsen-Resolutionen
oder den ewigen Verschwörungstheorien, die sich nicht einmal die
Mühe des fact finding für eine noch so krude Beweisführung
machen.
Da hockten wir, ein paar Dutzend Ungleichzeitigkeiten, im schöngeschnitzten
Bremer Ratssaal, und jeder von uns bediente eine andere unsichtbare Maschine,
deren Umrisse und Funktionsweise die Umsitzenden allenfalls argwöhnen
können, denn wir sehen nur die Handbewegungen. Sie nehmen sich seltsam
aus, zänkisch und weltfremd in einem, und seltsam beengt sitzen wir
auch in diesem weiträumigen Saal, in dem wir uns voreinander auf
dieselbe Sprache berufen, dieselbe Profession, dieselbe Geschichte, obwohl
wir darüber sonst bis ins Genre, die Syntax, die Silben hinein unterschiedliche
Welten behaupten: unterschiedliche Erlebniswelten, Geschmackskulturen,
Kunstbegriffe. Wodurch sich die Dinge im Alltag unschätzbar vereinfachen,
denn was verbände hierzulande einen - sagen wir: TV-Drehbuchautor
mit einem Germanistikprofessor, einem Gewerkschaftsjournalisten oder einer
Lyrikerin? Doch vor allem die Freiheit, das Werken und Wirken der anderen
nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das Aufblättern der Verschiedenheiten
entlastet uns von den meisten Entscheidungen, auch wenn wir den einen
oder anderen Meinungsintellektuellen hätscheln. Denn die politische
Infrastruktur überlassen wir getrost den Funktionären und Berufspolitikern,
solange wir in der globalisierten Ökonomie immer noch auf den besseren
Plätzen sitzen.
Aber nun ist seit Wochen um das Kosovo ein echter Krieg im Gange, zu dem
wir als Staatsangehörige?, Steuerzahler?, Bürger des Gemeinwesens?
irgendwie beitragen - "irgendwie", denn schon darüber können
wir uns kaum einigen: wer da überhaupt bombt, "wir" oder
"die Deutschen" oder "die NATO", und gegen wen: das
Milosevic-Regime in Belgrad?, seine mörderischen Einsatzgruppen im
Kosovo?, das souveräne (Rest-)Jugoslawien?, oder weshalb und wofür:
"Nie wieder Srebrenica!", die Rückkehr der Vertriebenen,
die westliche Wertegemeinschaft im gesamteuropäischen Haus, den Triumph
der UCK oder die Internationale der Waffentechnik -, deshalb fühlen
wir uns jetzt von unserem Gewissen genötigt, vor der Geschichte verpflichtet,
von den Medien belauert (als seien wir die nicht selbst!), dazu eine gemeinsame
Haltung zu bekunden. Oder sie wenigstens zu diskutieren. Womit natürlich
nicht "gemeinsames Nachdenken" gemeint ist, sondern ein rhetorischer
Schlagabtausch, bis jeder seine eigene kleine Maschine in Gang gesetzt
hat, die unsichtbar gegen den Weltgeist rempelt. Bist du eine NATO-Marionette?,
kann so eine Handbewegung fragen, oder: Wer erfindet die Greuel der Vertreibungen?,
oder: Deutschland bricht den dritten Weltkrieg vom Zaun! Weshalb doch
das Fernsehen die Unterhaltung abschalten soll!, und während ich
mich noch darüber entsetze, wie denn an sovielen Schultern beidseits
nur abgeschabte linke Ärmel fuchteln können, einer ost, einer
west, SAG MIR WO DU STEHST (woanders, bloß woanders!!), werden diese
drei Stimmen aufs Podium gezerrt, die auch ich unbedingt dort hören
wollte.
Wen, wenn nicht diese, die einen Aspekt von Europa beschreiben, der für
uns nach wie vor im toten Winkel liegt: Ali Podrimja also, Bora Cosic
und den kroatischen Verleger Nenad Popovic, selbst wenn man ihnen auf
diesem Podium kaum einen Platz anbietet, ihren Übersetzern kein Mikrophon,
und doch war plötzlich im Raum das Malmen einer ganz anderen Maschine
zu vernehmen, deren Knochenknirschen und Explosionsgeräusche sich
in keinen Satz mehr einfügen, einfach die unfaßbare Realität
derer, die die Vertreibung, die Massaker, den Krieg wirklich erleben,
weil sie selbst oder ihre Angehörigen, ihre Freunde und ihre Nachbarn
dem allen unmittelbar ausgesetzt sind. Oder daran beteiligt.
Ich sage nun schon eine Weile "wir", während ich gerade
das gar nicht meine, das PEN-"Wir" nicht, das deutsche oder
NATO-"Wir" nicht, nicht einmal das utopische Intellektuellen-
oder Künstler-"Wir", das wir eben in Bremen in einem sogenannten
Initiativantrag beschworen haben. Ich sage "wir", weil ich mir
seit einer Weile vormache, ich hätte vergessen, was ich über
die Politik solcher Foren und Podien weiß, oder schlimmer noch:
ich hielte dies für eine Situation, in der dafür andere Gesetze
gelten müßten, schlichtes Zuhören zum Beispiel, intellektuelle
Aufrichtigkeit oder wenigstens Ansätze für die synergetische
Suche nach Lösungen, zu denen der eigene Beitrag sich abschätzen
läßt.
Gibt es überhaupt einen Beitrag, den ausgerechnet Schriftsteller
leisten können? Wie immer er aussehen könnte, gemessen an der
Verschiedenheit der literarischen Zugriffe: Gar nicht wenige haben in
Bremen diesen Gedanken unterstützt, ohne ihn platt ins Resolutionäre
zu wenden. "Literatur und Dichtung sind nicht automatisch für
die Vermitt-lung guter Absichten zuständig", heißt es
in besagtem Initiativantrag, "weil nichts und niemand verbindlich
festlegen kann, wie Dichtung im öffentlichen Raum tatsächlich
spricht: ob als Wissen und Gewissen, ob als Gesang oder Schrei, als Stocken,
Schweigen, Skepsis." Wie notwendig vor allem die Skepsis ist,
belegt gerade für die Entwicklung in Jugoslawien das verhängnisvolle
Manifest der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von
1986, das chauvinistische Hetzparolen mit Geschichtsmythen unterfüttert
und damit einem Milosevic erst das rhetorische Rüstzeug zur Freisetzung
und Instrumentalisierung von sogenann-ten ethnischen Konflikten bereitgestellt
hat.
Aber aus dieser neuen Realität, die der Krieg nun sichtbar macht,
flackern doch plötzlich auch schräge, verwirrende Fragen nach
jener Nutzlosigkeit der Intellektuellen, in der wir uns hierzulande recht
bequem eingerichtet haben. Es sind Fragen danach, ob wir nicht eben als
Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle in diesem überwiegend
so reichen, föderalen, multinationalen Europa über Ressourcen
verfügen, die wir uns kaum bewußt machen. Nahezu überall
arbeitet das dichte und in sich so widersprüchliche Netz kultureller
Institutionen, konzeptioneller Energien und ästhetischer Praxis,
das wir nicht zu Unrecht für ein Indiz funktionierender Zivilgesellschaften
halten. Ist es denn wirklich undenkbar, daß sich daraus auch Impulse
für ein Ende dieses Krieges und für den Wiederaufbau der südosteuropäischen
Region "nach Milosevic" entwickeln lassen?
Das ist von meiner Seite eine offene Frage, eher eine Irritation und eine
Zumutung als eine realitätsgewisse These. Ich richte sie hier an
die Autorinnen und Autoren, die sich davon angesprochen fühlen, nicht
an die, die aus guten oder schlechten Gründen ihre schöpferische
Einsamkeit, ihre geniale Monomanie, ihre rein ästhetischen Zweifel
oder einfach ihre Unlust verteidigen möchten. Was sie vielleicht
deshalb tun, weil zu den Schlüsseln in ihren Taschen noch ein Arbeitszimmer
paßt.
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