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»Kaum etwas, das
nicht schwände.«
Botho Strauß, Zeit ohne Vorboten
Der Fernseher läuft, wo ist mein kleiner Neffe?
Ich rufe ihn.
Ich stelle mir vor, wie ich mit meinem Neffen Hawaii 5-0 schaue.
Ich greife zur Zeitung, die ich oben, beim Titel, berühre, dann unten
links, beim Inhaltsverzeichnis.
Wieder berühre ich sie oben, um sie anschließend unten zu berühren.
Zweimal oben, einmal unten, einmal oben, zweimal unten.
Dann dreimal unten, dreimal oben.
Gleich denke ich wieder an meinen Neffen und an Hawaii 5-0.
Jetzt nur nicht an die Zeitung denken, nun bloß nicht an Hawaii
5-0.
Nur an meinen Neffen.
An Hawaii 5-0, an keine bestimmte Episode, nur an die Gesichter
der Protagonisten.
Ich stelle mir vor, wie mein Mitarbeiter erscheint und wir gemeinsam einen
Spaziergang unternehmen.
Ich mache, während er mir von seinem neuen Projekt und dem Problem
mit dem loglinearen Modell erzählt, Kaffee.
Die Variablen laden auf den gewünschten Faktoren.
Wir spazieren im Garten.
Nochmals von vorne.
Ich sehe meinen kleinen Neffen, dann Hawaii 5-0, dann meinen
Mitarbeiter.
Nochmals von vorne.
Ich darf dabei keinen Fehler machen, sonst geschieht unweigerlich etwas
Schlimmes.
Ich
schäme mich.
So zu fühlen und auch, in diese Lage geraten, geraubt worden zu sein.
Es mußte so kommen.
Das Schlimme ist eingetreten.
Alles eins. Wo alles eins ist, ist man sich tausend.
Ich verfalle in den Professor, den Vaterlosen, den Vater, den Onkel.
In den Entführten, den Mäzen, den Liebhaber.
In den Geschlagenen, den Weltgewandten.
Was haben diese Leute mit mir zu tun?
Was habe ich mit mir zu tun?
Die Bücher, die ich wünschte, wurden mir gebracht.
Ein kleiner Karton, darin:
Kontrolliert,
Nox,
Es war einmal in Masuren,
Die große Wanderung,
Skizze eines Verunglückten,
Aktor, Situation und normative Muster.
Ich sehe Angelo Dundee.
Er will seinen Schützling Al aus dem Ring nehmen.
Muhammad Ali ist längst ohne Bewußtsein.
Es ist der 8. März 1971.
In New York, im Madison Square Garden.
Die Menge
tobt.
Fraziers Schwinger treffen Ali nicht.
Obwohl sich Ali kaum bewegt, er läßt sich in die Seile zurückfallen.
Er nimmt in Kauf, daß ihn die präzisen Schläge treffen.
Am Kopf, auf die Brust, am Bauch.
Er will sich nicht verausgaben.
Er will den Gegner er-müden und ihn dann mit einer Kombination außer
Gefecht setzen.
Mit Jabs hält er Frazier auf Distanz.
Frazier härtete in der Kabine das Gesicht in Salzwasser.
Er läßt es nun vom Cutman mit Vaseline einreiben,
auf daß es nicht aufplatze.
Daß das Blut inwendig zurechtgedrückt, die Schwellungen zum
Hinterkopf hin verteilt werden, hilft.
Ich sehe: Alis Vorhaben mißlingt.
In der elften Runde torkelt er.
In der fünfzehnten geht er kurz zu Boden.
Der Kiefer ist angebrochen.
Die Nase zugeschwollen wie meine.
Ich drücke die Nase, sie schmerzt stark.
Ich be-taste mein Jochbein, die Augenbraue.
Ali will nicht hassen ich kann nicht hassen.
Ich wollte, ich könnte den Entführer hassen.
Ich
schäme mich, ihn nicht hassen zu können.
Ich habe nicht die Kraft dazu.
Gerade denke ich: das Aushalten von nicht auszuhaltenden Schmerzen.
Der Sieg über sich selbst, der sich im Sieg über den Gegner
realisiert.
Nun: Das Verständnis vom Gegners als man selbst.
»I love you«, brüllt George Foreman seinen Gegnern nach
dem Kampf ins Ohr.
Ich versuche mein Glück auf dem Arbeitsamt, stelle ich mir vor.
Ich bin soweit, jeden Job anzunehmen.
Heute bin ich früh hingegangen, damit ich auch ganz sicher drankomme.
Bevor das Amt schließt.
Die vergangenen Tage habe ich mich als Flachmaler verdingt.
Morgens um sechs Uhr stand ich am Güterbahnhof.
Ich hatte das Glück, mitgenommen zu werden.
Am er-sten Tag arbeitete ich umsonst.
Ein Gitter von mehreren Metern Höhe versperrte mir den Weg.
Ge-stern entlud ich Lastwagen am Hafen.
Ich schnitt mir tief in den Arm, durchtrennte mir eine Sehne.
Als ich zum Arzt wollte, ver-prügelten mich die anderen auf Anweisung
des Chefs.
Abends erlaube ich mir manchmal ein oder zwei Bier.
Wohin ich auch gehe, die Menschen feinden mich an, und es ist mir inzwischen
egal.
Ich spucke und pisse an die Auslagen der Läden.
Ich fühle mich
ohnmächtig.
Ich habe eine häßliche Seele.
Ich werde die Entziehungskur machen, nehme ich mir vor.
Etwas glänzt auf dem Gehsteig, ich hebe es auf, es ist eine Hundemarke.
Ich habe Angst vor den Zufällen, denn die Welt ist mir Zufall.
Ist sie mir nicht Zufall, so ist sie mir nichts.
Nochmals von vorne.
Ich liebe Dich, ich bin nichts ohne Dich.
Ich trage Dich auf Händen, wenn Du mich läßt, Liebste!
Laß mich in Dein Herz, Geliebte, stelle ich mir vor.
Gib mir die Chance, die ich verdiene, Susanne.
Ich bin nichts ohne Dich.
Ich lebe nur noch aus mir heraus.
Wie lange kann man das?
Meine Finger, voller Druckerschwärze.
Ich schlage wieder Kombinationen in die Luft.
Meine Schultern sind verspannt.
Mein Nacken knackt, wenn ich ihn bewege.
Jab, Jab, Ducken, Aufwärtshaken.
Aufwärtshaken, Jab, Jab, Ducken.
Noch-mals von vorne.
Wir spazieren im Garten.
Ich mache Kaffee.
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