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Er kommt aus den Bergen. Schaute er als Kind aus dem
Fenster, sah er Gestein über Gestein, die Alpen, mal verschneit und
in der Sonne glitzernd, mal im Nebel, er sah die Berge mal als dichtes
Grün, mal als herbstliches Gelb, als Braun, als Rot. Die Jahreszeiten
zeigten sich. Der kurze Sommer; der Herbst mit den ausgiebigen Laubschlachten
und den Kastanienröstern in der Hauptstraße; der lange Winter;
der Frühling mit den gerade wieder aperen Straßen und der Fastnacht.
Der Schulweg veränderte sich über die Jahre mehrmals. Das tägliche
Ziel lag einmal am Ostende der kleinen Kleinstadt, einmal am Nordende,
einmal am Westende und einmal auch mittendrin.
Rings um die kleine Kleinstadt stehen Dreitausender. Zürich war eine
unzumutbar lange Zugstunde entfernt, so weit wie, in der anderen Richtung,
Österreich, das ihm allerdings so fremd anmutete wie eine polinesische
Insel. Nach Mailand war es nur ein Sprung, wenn auch einer über den
muro di sasso, den Steinwall, wie man das Gebirge dort auch nennt.
Die kleine Kleinstadt ruhte in sich selbst. Die Industrie blühte,
die Maschinenindustrie, die Textilindustrie. Der Tourismus wurde noch
nicht forciert mit Schriftzügen und Logos, mit Broschüren über
das Gebirge, es gab noch nicht so viele Sportartikelläden. Dienstleistungen
boten vor allem die Gaststätten, später kamen weitere Banken
und Versicherungen hinzu, und die meisten seiner Schulfreunde entschieden
sich, kaufmännische Berufe zu ergreifen.
Die kleine Kleinstadt ist der Hauptort eines der kleinsten Schweizer Kantone,
sie besitzt eine komplette Verwaltung, besitzt Gerichte und repräsentative
Bauten wie das Rathaus, das Gymnasium, sie besitzt Museen und Galerien
von, in einem Fall, sogar internationalem Ruf, und einen Park. Sie brannte
zweimal nieder und wurde dann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts
schachbrettartig, mit langen geraden und zueinander rechtwinklig verlaufenden
Straßen wiederaufgebaut - an bestimmten Stellen ist ein Anflug von
Städtischem zu bemerken.
Die Habsburger wurden in dieser Gegend zurückgeschlagen, die Russen,
unter General Suworow, streiften einst das Tal, Napoleons Soldaten waren
da.
Der Kanton hat knapp vierzigtausend Einwohner, die kleine Kleinstadt,
der Hauptort, sechstausend. Da kannte er alles und jeden und konnte das
Gewöhnliche vom Ungewöhnlichen unterscheiden.
Er wuchs behütet auf. Er angelte in seiner Kindheit und in der frühen
Jugend mit Vorliebe. Seine Spaziergänge, neben dem fast täglichen
Fußballtraining vorerst eher störend, wurden über die
Jahre länger. Die Gaststätten, in denen er sich täglich
lesend aufhielt, waren ihm vertraut wie sein kleines Heft, in das er immer
öfter etwas notierte.
Er machte Abitur und nahm in Zürich das Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
auf. Er pendelte ins nun doch sehr nahe Zürich, bestieg im Bahnhof
der kleinen Kleinstadt den Zug und verließ täglich das Tal,
durchfuhr die weite Ebene, gelangte in die Stadt. In der Universität
entdeckte er die zielgerichtete Analyse von Sachverhalten, von Orten,
von Menschen. Er vertiefte sich in die wissenschaftlichen Gedanken, vergaß
allmählich seinen wohl osmotisch zu nennenden Zugang zur Natur und
zu den Menschen, versuchte zu abstrahieren, versuchte zu Aussagen zu kommen,
und zwar zu Aussagen auch über andere, und mit dem Anspruch, dies
auch für andere und ganz allgemein für die Sache an sich zu
tun. Er versuchte, objektiv zu sein in der Analyse wie in der Aussage,
objektiv sogar in der Wahl des Gegenstands, über den er lesen und
schreiben wollte.
Die Jahre vergingen, er verfaßte die verlangten Arbeiten, und er
entschied sich wie alle seine Kommilitonen für die empirische Sozialforschung,
wurde zum Statistiker, zum Hypothesenbauer und Hypothesenüberprüfer.
Er las mit besonderem Interesse die wissenschaftlichen Journals aus Übersee.
Er untersuchte Struktur und Kultur, er untersuchte Zentrum und Peripherie.
Dazwischen las er Frisch, Weiss, Handke, schrieb in sein Notizheft, machte
noch immer in der kleinen Kleinstadt, die nun nicht mehr die kleine Kleinstadt
für ihn war, sondern die abgelegene kleine Satellitenstadt in der
Peripherie Zürichs, Spaziergänge, aber ebenso in Zürich,
er ging und ging durch die Metropole der Schweiz, auch sie eine Kleinstadt,
wenn auch eine internationale. Er lernte sie kennen, auch ihre Menschen,
die so ganz anders waren als die im Tal und dann wieder ihnen so ähnlich,
obwohl die Zürcher einen anderen Dialekt sprechen, einen Dialekt,
der weniger melodisch und weniger mit alten und französischen Wörtern
durchsetzt ist. Er ging durch die Stadt, er las und schrieb. Nach und
nach erschienen kleinere Texte von ihm in Zeitschriften, er schrieb und
schrieb, er schrieb einen Roman, der Roman erschien. Er legte an der Universität
die Prüfungen ab. Er zog nach Zürich. Er erhielt literarische
Auszeichnungen. Er veröffentlichte einen zweiten Roman. Er merkte,
daß nun Entscheidungen anstanden. Sollte er weiter Erzählungen
und Romane schreiben oder sollte er doch besser in der Universität
bleiben und wissenschaftliche Arbeiten verfassen? Und sollte er auf dem
Land bleiben, bei den Wiesen und Wäldern, den Bergen, in der Peripherie,
oder sollte er doch besser ins Zentrum ziehen, in die Stadt? Unschlüssig,
ließ er einige Zeit verstreichen. Dann erhielt er einen Anruf aus
Berlin, der Senat lud ihn für ein paar Monate in die Stadt ein. Ein
literarisches Stipendium. Er entschied sich dafür. Er ging.
Er ging durch Berlin, wochenlang. Wieder ein heißer Tag heute. Am
Bahnhof Zoo stieg er, nachdem er sich durch die entgegenkommende Menge
gekämpft hatte, in die S-Bahn und fuhr in Richtung Potsdam. Er schwitzte,
Sitzplätze waren keine mehr frei. Der Zug bremste in den Stationen
stark ab, schüttelte. Savignyplatz, und bald erreichten sie den Bahnhof
Charlottenburg. Am Westkreuz verließen einige den Zug. Er stellte
sich ans Fenster, wischte die Brillengläser, schaute hinaus. Die
Türen schlossen, es ging weiter. Er fühlte den Wind im Gesicht,
wandte es manchmal ab. Die Kippfenster über den großen Glasscheiben
standen, alle aus den Arretierungen gelöst, weit offen, hingen in
den Verankerungen, baumelten, schlugen vibrierend gegen die Glasscheiben.
Er lauschte diesem betörenden hellen Ticken, das nicht immer durch
die Fahrgeräusche zu dringen vermochte. Ein starker Luftzug plötzlich.
Die Brille, erfaßt, hing bloß noch mit einem Bügel, an
einem, seinem rechten Ohr. Reflexartig griff er sie und setzte sich hin.
Das ältere Paar gegenüber lächelte. Er war erleichtert,
seine Brille in der Hand zu halten. Mitten im Grunewald die Brille zu
verlieren, wäre mehr als ärgerlich - wie bloß könnte
er sie wiederfinden? Die ganze Strecke ablaufen, von Westkreuz bis Bahnhof
Grunewald? Mit dem Rad, zu Fuß, allein oder gar mit Verstärkung?
Fragen, im Wissen, daß er die Brille in der Hand hielt. Hier, das
war sie, das Gestell amberfarben, braun gesprenkelt, die Gläser je
minus zweieinhalb Dioptrien stark, entspiegelt, dünn geschliffen.
Seine Brille. Er setzte sie auf. Nun sah er wieder deutlicher.
Die Rechenaufgaben aus früher Unterweisung kamen ihm in den Sinn,
diese stereotypen, die sich eigentlich nur im Resultat unterschieden und
die er als Schüler in der kleinen Kleinstadt noch und noch lösen
mußte. Zug A verläßt um 14.18 Uhr A-Stadt in Richtung
B-Stadt, seine durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt 56 km/h.
Zug B beginnt seine Reise in B-Stadt um 13.45 Uhr, sein Ziel ist A-Stadt,
seine durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt 72 km/h. An welcher
Stelle der 289 km langen Strecke kreuzen sich die Züge?
Er blickte aus dem Fenster. Wald auch hier, Mischwald, überall Aufforstungen,
Fußwege. In Gedanken ließ er die Zeit in der Universität
vorbeiziehen. Er hatte sich damals, neugierig, für die Sozial- und
Geisteswissenschaften entschieden, und hatte in Grundsätzen zu denken
gelernt, die er auch heute noch unterschreiben kann. In Grundsätzen
wie der intersubjektiven Überprüfbarkeit, der Wiederholbarkeit
und der Gültigkeit von Wissen, und im Grundsatz des popperschen Falsifikationsparadigmas.
Er hatte sich der sogenannt objektiven Sichtweise auf die Welt zugewandt,
und er hatte, so gut es ging und im Grunde nur zum Spiel, den subjektiven
Blick fürs erste von ihr abzuwenden versucht.
Er erinnerte sich, wie dann die Dichtung aufgetreten war und selbstsicher
ihren Platz verlangt hatte. Im Kräftefeld der Pole Wissenschaft und
Dichtung, zwischen, er würde sagen, angestrebter Objektivität
und (angestrebter) Subjektivität, entstanden seine erstmals mit einer
gewissen Ernsthaftigkeit verfaßten literarischen Texte. Die Dichtung
nahm schließlich überhand. Seine Stoffe, seine Wörter
brauchten hier nicht intersubjektiv überprüfbar, das heißt
von anderen Dichtern abgesegnet, nicht wiederholbar zu sein, auch nicht
gültig im Sinne einer Fragestellung, weil sie sich nicht gleich selbst
interpretieren mußten. Annahme und Vermutung sind in der Dichtung
nicht Mittel, sondern Zweck: nicht Verifikation, nicht Falsifikation,
sondern die Frage an sich als Antwort.
Berlin sollte nun das Zentrum Deutschlands und das Zentrum der deutschsprachigen
Literatur werden. Dies schien ihm zunächst plausibel, und er blieb
in diesem für ihn doppelten Zentrum, von wo aus Zürich sich
nicht anders ausnimmt als die kleine Kleinstadt, aus der er kommt. Dies
war eine Entscheidung.
Entscheidungen traf er auch beim Schreiben. Er würde sagen: Erzählen
heißt Entscheiden. Jedes Wort, das er schreibt, bedeutet die Entscheidung
gegen alle anderen Wörter, die er nicht hinschreibt. Jeder Satz und
jeder Absatz entstehen durch eine Abfolge von Entscheidungen, der Soff
erhält durch Entscheidungen über Entscheidungen seine Form.
Was erzählen? Was nicht? Wo beginnen? Wo nicht? Wie es sagen? Wie
nicht?
Er fällt ununterbrochen ästhetische Entscheidungen, und er vermutet,
nebenbei gesagt, daß er sie selbst nur im nachhinein und nur in
der Vermutung nachvollziehen kann. Entscheidungen auch für oder gegen
andere Texte, fremde Texte und eigene frühere und künftige Texte.
Entscheidungen über das Schreiben aber auch für oder gegen bestimmte
Lebensumstände, für oder gegen bestimmte Orte, bestimmte Wohnungen,
Stühle, Tische, bestimmte Aussichten, und natürlich für
oder gegen bestimmte Menschen. Er trifft täglich mehr Entscheidungen
als der Aufsichtsratsvorsitzende von BMW - die Tragweite der dichterischen
Entscheidungen minder zu schätzen, hieße einmal mehr auch,
die Sprache zu unterschätzen.
Die Sprache: er wuchs mit zwei Sprachen auf. Seine Eltern redeten, obwohl
sie nie in Griechenland gelebt haben, Griechisch mit ihm. Er spricht Griechisch
tatsächlich ohne schweizerischen Akzent, und doch blieb ihm Griechisch
Kindchensprache, eine Sprache ohne Wortschatz. Mit der Schwester spricht
er natürlich im Dialekt der kleinen Kleinstadt. Das Griechische ist
ihm die Sprache seiner Eltern, die Sprache seiner Mutter. Deutsch aber
ist die Mutter seiner Sprachen, die Sprache, von der er alle anderen,
Französisch, Italienisch, Englisch, ableitet, Deutsch also ist seine
Muttersprache, das Standbein, während das Spielbein durch Europa
zirkelt -
oder eben durch die Schweiz, das Land der vier Sprachen und Kulturen.
Vier Landesteile, die nicht viel gemeinsam haben. Ein Land, das kulturell
an Paris, Rom und Berlin festgemacht ist und sich trotzdem standhaft weigert,
seine Gartentür zu öffnen. Die Schweiz will nicht einmal zu
den Vereinten Nationen gehören. Ein paradoxer Reflex vielleicht auf
die evidente Heterogenität des Landes: die Schweiz muß die
kulturelle Zentrifugalkraft aushalten, und sie tut dies mit konzentriertem
Blick nach innen. Sie hat sich entschieden: sie schottet sich vor der
Welt ab, ist zwar ein global player in der Finanzwirtschaft, ein Nullfaktor
aber in allem übrigen, natürlich auch im Bereich der fetischisierten
Guten Dienste, die leider nie etwas anderes waren als protestantische
Gaben, Abfallprodukte der gesteigerten ökonomischen Effizienz.
Die vier Kulturen in der Schweiz meiden den Kontakt miteinander. Zürich
und Genf sind weiter voneinander entfernt als New York von Los Angeles.
Etwa so weit wie Frankfurt/Main von Frankfurt/Oder. Die gegenseitige Teilnahmslosigkeit
der Schweizer Landesteile besteht seit jeher. Man kann nicht davon ausgehen,
daß zusammenwächst, was zusammenwachsen soll. Dies gilt auch
in bezug auf Europa.
In der S-Bahn träumt er von den Nadelbäumen und den Bergen seiner
Heimat, und dann fällt ihm immer wieder auch die Brille im Grunewald
ein. Er weiß, daß er die Brille dort vergebens suchen würde,
weil er sie gerade trägt. Sie läßt sich aber sehr wohl
in der Waldschneise, auf der breiten Trasse finden. In der Dichtung.
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