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Mittwoch 15.9. Flughafen Tegel.
Der Weg nach Göteborg geht über Kopenhagen. Wir
sind sieben Gäste. Bis sieben sagt man "wir", am Flughafen?
Eine Rothaarige mit dicken Oberarmen telefoniert, den Kopf halb im Koffer.
Der Koffer ist ein Büro und sie, mit dem Kopf im Koffer, gehört
einer Filmfirma und kann einfach nicht leise sprechen. Die Telefonnummer
von "Anne(!)"will ihr die am anderen Ende der Leitung nicht
geben. Die? Ich bin sicher, die ist eine Frau und ich hoffe, es ist nicht
die Anne, die ich kenne. Die spielte doch bisher nur Theater.
Aber Shakespeare würde heute auch Drehbücher schreiben. Er würde
dafür sorgen, daß die Gegenwart für ihn etwas taugt.
Später Nachmittag im Hotel. Die Krimiautorin I.N. hat
sich hinlegen müssen, nachdem sie lange durch schwedischen Regen
in einer Limousine gefahren wurde. Die Krimiautorin hat gesagt, sie sei
eine Hexe und hat sich gleich für den Abend mit mir verabredet.
Als ich die Tagesdecke vom Doppelbett zurückschlage, liegen drei
Kopfkissen da.
Der andere deutsche Dichter neben mir in der Limousine hat
im Flugzeug von Kopenhagen nach Göteborg "Republica" gelesen.
Dann hat er geschlafen und nach dem Schlafen mich böse angeschaut.
Warum, weiß ich nicht.
Später sagt er, er habe mich im Flugzeug erkannt. Und ist zögernd
er netter.
Donnerstag 16.9.
Um 6.25 Uhr am Morgen kommt ein Fräulein in weißer Schürze
zur Tür herein und sagt auf Englisch "das macht nichts".
Sie zeigt auf mich wie auf einen Fleck im Bett.
Sie könne auch noch später aufräumen, sagt sie. Sie lacht
und geht. Morgen macht sie das wieder, bestimmt.
Beim Frühstück treffe ich eine österreichische
Dichterin, die mit mir in Schweden über das Müllproblem der
Deutschen sprechen will. Sie liest aus der Aufteilung des Mülls in
verschiedene Säcke und Tonnen, daß die Deutschen noch immer
gefährlich sind.
Ich nicke, gefährlich.
Ich fahre mit der Straßenbahn Nummer Vier zum Meer,
springe auf ein Fährboot, springe bei der letzten Insel ab, bleibe
eine Stunde, zähle am Steg die Fahrräder, mehr Rost, mehr bunt,
Rost, bunt, Rost, bunt, bis das nächste Boot kommt, eine halbe Stunde
kurvt, von Insel zu Insel, dann bin ich zurück, lege an gegenüber
der Straßenbahnendhaltestelle, ich? was tue ich da?, anlegen? und
suchen?, suche mir das sauberste Fenster im zweiten Waggon aus. Denn die
Holzhäuser, Siedlungshäuser mit Farben von verwaschenem Papagei,
die will ich mir bei der Haltestelle "Mariaplan" noch einmal
genau ansehen.
Die Kontrolleurin, hatte Sandalen mit hohen Absätzen,
nackte Füße und abgeblätterten Lack auf den Zehennägeln,
dunkelbraun. Also war sie nicht Kontrolleurin, sondern Kontrolleuse.
Sehnsucht nach dem Norden, gibt es das? fragt mich der deutsche
Dichter, der italienische Zeitungen lesen kann. Jetzt ist er nicht mehr
so, so mißtrauisch.
Die Mädchen in den Straßen haben eine nur ganz dünne Bräune
auf der hellen Haut. Ist das nördlich? Soll ich das sagen?
Ein anderer Dichter, der schnell wütend wird, hat mir,
als wir in der Drehtür festklemmten, gesagt, daß er früher
mal bei der Vorgruppe für die "Rattles" gespielt hat.
Schlagzeug?
Nein Gitarre.
Da habe ich die Schultern gehoben, die Luft angehalten, gezählt,
Mandeln oder Erbsen, und die Schultern wieder fallen lassen.
Freitag, 17.9.
Ein Berliner Dichter liest am deutschen Stand. Wir sind alle Gäste
der Buchmesse Göteborg. Neben dem Dichter, über den meine Schwester
beinahe ihre Abiturarbeit geschrieben hätte, wäre da nicht noch
ein Gedicht von Ingeborg Bachmann zur Auswahl gewesen, neben dem Dichter
also kniet ein Schwede mit einer Plastiktüte und hört zu. Beide
wissen wohl nicht, wie das aussieht.
Sie sagt; es gibt kein Problem mit Männer- oder Frauenliteratur
in der deutschsprachigen Literatur. Sie sagt, es gibt ein Generationsproblem.
Denn;
Peter Schneider fragt; Wer ist Zoe Jenny. Und Zoe Jenny fragt; wer ist
Peter Schneider.
Sie? Wer sie ist?
Sie kommt gleich nochmal und sagt was. Sie ist klug, aber gibt keine Autogramme.
2 Seminare
2 Lesungen
2 Diskussionen
2 Interviews
- 1 Tag
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2 dicke Augen
Der Berliner Dichter, der mit dem Fan auf Knien, sagt, er
kennt mich.
Woher?
Aus dem Fernsehen, sagt er.
Ich greife nach dem sauberen Teller für den 2. Buffetgang.
Ob er auch so ein Pumpernickel mit Meeretichschaum und Rentierfleisch
Will?
Samstag. 18.9.
Abflug um 6.20 Uhr. Autobahn, dunkel. Wieso so dunkel. Ist nicht überall
die gleiche Dunkelheit um so eine Zeit?
"Es gibt eine Landschaft, da will man nie wieder hin, auch wenn man
niemals dort war. Sie entspricht vermutlich dem finstersten Ort der inneren
Geographie. Die Finnen nennen die Mischung aus Panik und Depression unter
nordischem Himmel die "arktische Hysterie".
Das wird übermorgen über die Reisenden in Sachen deutschsprachiger
Literatur in der Züricher Zeitung stehen. So schreiben können,
und kein Buch aus allem machen wollen?
Was ist das? Oder, wer? Sie eben.
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