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Nämlich Orla hatte keinen kleinen Bruder, weil Orlas
Mum hatte nur Orla und ein Kind verloren, als sie noch draußen in
der Siedlung wohnten. Draußen in der Siedlung. Darüber der
Mond, wie ein verlassenes Wespennest. Orlas Mutter war aufgewacht, in
der Eisenbahnersiedlung. Zwischen ihren Beinen lief Blut heraus. Telefon
gab es nicht in den Häuschen draußen in den Sechzigern. Aber
es würde auch so genauso schnell gehen.
Mrs Johnstone zog sich an, Alecs Regenmantel legte sie sich
über die Schultern und raffte ihn unter dem Bauch und lief komisch,
damit das Blut nicht innen an den Mantel kam. Besser es tropfte, als daß
es am Bein runterlief. Den Mantel wollte sie nicht anziehen und ruinieren.
Warum schrie Alec sie an. Sie stieg in ihre besten Schuhe. Das Blut ließ
sich ja von dem Leder abwaschen. Und sie bestand auf der Goldkette. Alec
mußte sie hinten zumachen. Da würde bestimmt nichts drankommen.
Ich werde doch da nicht hingehen und aussehen, als würde ich wie
ein Zigeuner rumlaufen. Er stützte sie den Weg hinunter. Die Vorhänge
der Nachbarn waren noch zugezogen. Vorbei an der Telefonzelle. Alec hielt
ihren Arm und leuchtete mit der Fahradlampe. Ihr zittriger schon gelber
Strahl machte ihn noch aufgeregter, noch eiliger. Obwohl sie Licht bei
dem Mond wirklich nicht brauchten. Der blendete ja richtig.
Sie hielten den Nachtbus an, der die Schichtarbeiter in
den Dörfern aufsammelte. Sie stiegen ein und Mrs Johnstone bestand
darauf, durchzugehen bis zur hintersten Bank. Wenigstens eine mußte
sie rauchen, für die Nerven. Als sie bei der Haltestelle Chest aufstand,
war auf dem alten Ledersitz eine Blutpfütze. Gut daß ich den
dunklen Rock angezogen habe, sagte Mrs Johnstone, bevor sie sich umständlich
beim Fahrer entschuldigte. Im Chest auf der Station zogen sie ihr den
Rock aus, setzten sie auf den Stuhl, die Knie auseinander. Die junge Schwester
wurde blaß wegen dem, was da unten war. Schmale Rinnen für
das Blut führten vom Stuhl weg. Schnell brachten sie sie in den OP.
Sie entfernten, was da unten war bei lokaler Betäubung.
Ihre kurzen Finger befühlten ihren großen Bauch.
Sie konnte nur ein Nichts fühlen, wo vorher Alles gewesen war - als
hörte sie dort auf. Es fühlte sich schrecklich fremd an. Dann
holten sie raus, was da unten war. Sie legten es in eine weiße Plastikwanne,
und die jüngste Schwester, an Vollnarkose gewöhnt und nichts
denkend, reichte die Wanne über Orlas Mutter hinweg. Die Wanne kam
an ihrem Gesicht vorbei, und der Kreis der starken Scheinwerfer über
ihrem Kopf, machte alles, was in der Wanne war, sichtbar. So sah die Mutter
den zerflossenen Ausdruck auf dem Gesicht eines toten Töchterchens.
Als sie zu Hause war, im Bett lag und zwei Tage geweint
hatte, fing Orlas Mutter wieder an, zwischen den Beinen zu bluten - der
Doktor hatte das ungeborene Kind nicht ganz entfernt - Teile davon waren
noch in ihr und verfaulten. Wieder die Fahrt im Nachtbus, die Haltestelle
Chest... der Stuhl.
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