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Wie es in römischer Geschichte
keine Seltenheit ist: Ein Bote des Kaisers erscheint, überbringt den
mündlichen Befehl, der Adressat hätte Selbstmord zu begehen, am
heutigen Tag noch. Grund hierfür wird keiner genannt. Der Bote geht
ab. Der zum Selbstmord Verurteilte nehmen wir an, er sei ein glücklicher,
wohlhabender Mann, gesund, sich keiner Schuld bewußt. Nehmen wir an,
er hätte auf das Spiel der Macht verzichtet, hätte still für
sich und die Seinen gelebt, hätte nicht durch übertriebenen Protz
oder eine schöne junge Frau den Neid des Imperators erregt, wäre
allerseits beliebt und geachtet. Wie verhält er sich? Glaubt er an
einen Irrtum, besteigt er den Pferdewagen nach Rom, um sich dem Kaiser zu
Füßen zu werfen? Bittet er um Gnade oder wenigstens um eine Erklärung?
Sicher nicht, zu viel wäre damit riskiert ein langsamer, qualvoller
Tod von fremder Hand, die Enteignung, vielleicht sogar Ermordung seiner
Familie, die Verhöhnung seines durch die Straßen geschleiften
Leichnams, die öffentliche Infragestellung seines Stolzes und Rufes.
Ihm bliebe nichts übrig, als an einem heiteren Tag, dessen Morgen nichts
Übles prophezeite, zu sagen: Ja, das wars. Ich werde nie wissen, warum.
Ich werde mir ein Bad einlassen, mein Testament niederschreiben, meine Adern
öffnen und im entfachten Dampf von dieser Welt hinwegdämmern.
Werde vorher noch einmal gut gegessen, mich von meiner Liebsten verabschiedet
haben, ohne ihr zu sagen, daß es ein Abschied für immer sein
wird, werde sie zu Verwandten schicken unter einem Vorwand. Werde sie küssen,
ohne daß sie in dem Kuß etwas Besonderes erkennt, werde meine
Tränen zurückhalten, äußerlich kalt sein und später
meinen besten Freund beauftragen, ihr die Nachricht so schonend wie möglich
beizubringen. Werde meinen besten Sklaven die Freiheit schenken und mit
den attraktivsten eine kleine Orgie feiern, werde mich berauschen und dem
Leben danken, daß es mir so viele genußvolle Jahre gegönnt
hat. Werde dem Mysterium, das meine Verurteilung umgibt, nicht nachspüren,
denn einmal kommt der Tod ohnehin und selten benötigt er einen
triftigen Grund. Werde mit meinen Göttern sprechen, werde sie bitten,
mich gnädig zu empfangen, oder werde, wenn da drüben nichts ist,
nichts mehr spüren von den Unwägbarkeiten dieser Welt, auf der
ich gerne zu Gast war.
So oder ähnlich hätte der ideale Römer gehandelt. Kaum einer
floh maskiert in ferne Berge, versuchte einen Aufstand anzuzetteln, um sein
Leben zu betteln oder sich freizukaufen. Die wenigen überlieferten
Exempel solcher in aller Regel erfolglosen Widerstandsversuche werden von
den Geschichtsschreibern meist mit Ekel erzählt, selbst wo den derart
gegen sein Schicksal Aufbegehrenden nicht die leiseste Schuld traf, und
die Verurteilung ohne jegliches Motiv erfolgte.
Ich frage mich manchmal, ob eine solche Situation wirklich jene allerschlimmst
mögliche wäre, aus dem Leben gerissen zu werden, als die sie mir
anfangs erschien. Wie ich handeln würde, weiß ich nicht. Ob man
zum Dasein, einem geglückten das sei vorausgesetzt, nicht genau diese
entspannte Haltung entwickelt haben müßte, die einen leicht,
trotz allem dankbar, hinübergehen läßt. Den Tod als hinterlegtes
Pfand für soviel Leben akzeptieren, auch wenn er früher kommt,
als die Statistiken es hätte erwarten lassen. Befreit vom Diktum der
Hora incerta. Gewißheit haben. Ich frage mich, ob es verlogen wäre,
stolz zu sein, einsichtig, gelassen, frage mich, ob die einzig natürliche,
menschliche Reaktion das Schreien, Klagen, auf Teufel-Komm-Raus-Weiterleben-Wollen
sein müßte, und alles andere nur angelesenes, vom Todes-Knigge
eingeredetes Zeug.
Ich bin mir nicht sicher. Ob der Geist Souveranität über seine
tierischen Instinkte erlangen kann, ohne von philosophischen Denkmodellen
verkleidet, vorbereitet worden zu sein. Modellen, die ihn mit dem Faktum
des Todes leben und fertigzuwerden halfen. Beschwichtigende Konstrukte,
die die Fragilität unsrer Existenz wattierten, relativierten, mit tieferem
Sinn ausschmückten. Von denen wir im Laufe des Lebens das uns Genehmste
wählten.
Ich wünschte mir, die Seelenruhe des Petron zu haben, jedoch ohne darstellendes
Element. Meint: für alle Welt noch ein finales Schauspiel geben zu
müssen. Sicher würde ich klagen, schreien, Aufstände anzetteln,
mich freizukaufen versuchen, maskiert in ferne Länder fliehen, um noch
einige wenige frohe Tage mit meiner Liebsten zu genießen. Doch diese
Tage wären ja nicht mehr mehr froh, nicht zu genießen, sie wären
von Furcht beherrscht, ein grausam zerdehnter, sadistischer Abschied.
Soviele narkotisierende Lügen, die drauf warteten, benutzt zu werden.
Keiner würde ich anheimfallen wollen, und am wenigsten das Leben selbst
eine Lüge nennen müssen, denn es ist eine, wenn auch knappe
Wahrheit. Ich weiß nicht, wie ich handeln würde.
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