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MEDIENARCHIVARE IN ZEITEN DES INTERNET
Eröffnungsvortrag zur Frühjahrstagung der Fachgruppe
7 im VDA
26. bis 28. April 1999, Salzburg
Meine sehr verehrten Damen und Herren MedienArchivare
bei Ihnen und bei denjenigen, die für die Organisation
dieser Tage verantwortlich zeichnen, darf ich mich sehr bedanken, daß
Sie mich hierher nach Salzburg eingeladen haben.
Aus meiner ersten Anrede spätestens, wenn Sie es sich
nicht ohnedies schon gedacht oder es gewußt haben, weil mein Name
in den Listen und Notaten Ihrer Vereinigung zum ersten Mal auftaucht,
merken Sie, daß ich kein Archivar bin, sonst hätte ich Sie
mit Sicherheit als Liebe Kollegen angesprochen. Ich bin vielmehr
kann man wohl sagen, und wäre es auch nur mit dieser kleinen Rede,
die mich vor Sie hin gebracht hat, eher ein Gegenstand, oder menschlicher
gesprochen ein Insasse der Archive. Im Augenblick genau weiß
ich es natürlich nicht dürfte der Umfang meiner persönlichen
archivarischen Existenz ein paar etliche tausend Kilobytes nicht überschreiten,
wobei ich hoffe, meinem Vortrag durch Nennung dieser Zahl jetzt nicht
hoffnungslos das Mahl des ahnungslosesten Laientums in diesen Angelegenheiten
auf die Stirn eingebrannt zu haben; und wenn, dann hoffe ich, Sie können
dieses subjektive Laientum einem bescheidenen Insassen und unbedeutenden
Objekt der Archive verzeihen.
Denn Laie, allerdings ein enthusiastischer, bin ich hier
und so kann ich mich enthusiasmiert erinnern, wann ich zum ersten
Mal begriffen habe, was das innere Wesen eines Archivs oder, was
ich mir darunter vorstelle vielleicht unter anderem sein könnte.
Es war dies zu meiner Schulzeit, nachdem ich von der Grundschule aufs
Gymnasium gewechselt hatte und an diesem mit der durchaus ordentlichen,
damals, glaube ich, so an die Sechzigtausend Bände umfassenden Bibliothek
Bekanntschaft machte, die in Sechziger Jahren gegründet worden war.
Ich muß zugeben, daß ich mich davon nie wieder so richtig
erholt habe, in jeder Hinsicht sogar und kann Sie also nur sehr
herzlich bitten, mir diese kleine Leidenschaft nachzusehen; daß
ich auf gelegentliche Beispiele aus der mehr oder weniger schönen
Literatur zurückgreifen werde. Meistens geht es da eben auch um die
Orte, an denen es vor allem und in der Hauptsache Bücher gibt, ein
Reflex vielleicht der Selbsterhaltung. Also zunächst eine Bibliothek.
Ich werde übrigens aus drei schönliterarischen
Werken zitieren, deren Autoren Musil, Marías und Amis heißen:
für Sie eine Ankündigung in die Zukunft, also genau die Umkehrung
der Spur auf den Karteikarten der Bibliothek; für mich, da ich den
Text, den ich vortrage, ja notwendigerweise schon kenne, eine Erinnerung.
Sie sehen daran, daß dieser kleine Einschub das letzte ist, was
ich geschrieben habe. Aber das nur nebenbei und zurück zur Bibliothek.
Sie erinnern sich natürlich an die Karteikarten hinten
in den Büchern, die die zumeist weiblichen Halbtagskräfte immer
herausnahmen, wenn man ein Buch ausleihen wollte. Dann wurde der Name
des Ausleihers auf die Karte geschrieben und mit dem Tagestempel gekennzeichnet.
Ich habe diese Karten in den letzten Jahren aus den Augen verloren, wo
es sie noch geben sollte, muß die Bibliothek vermutlich so klein
sein, daß es sich nicht lohnt, auf Digitalisierung umzustellen
allerdings bezweifle ich, daß es tatsächlich so kleine Bibliotheken
gibt. Früher aber, wenn ich früher meine, meine ich, etwa die
frühen Achtziger meiner Kindheit, früher also gab es diese Karteikarten
hinten in den Büchern und man konnte, wenn man wollte, bevor man
das Buch auslieh, nachsehen, von wem es zuvor ausgeliehen worden war und
wann. Nachdem ich das festgestellt hatte, bin ich ein wirklich passionierter
Spurenleser geworden. Es gab solche Karten, auf denen der eigene Name
in gewisser Regelmäßigkeit auftauchte, solche, die sichtlich
schon die zweiten oder dritten waren, wenn sich das Buch großer
Beliebtheit erfreute wahrscheinlich, seine Inhalte das pornographische
Bedürfnis der Pubertät wenn nicht befriedigten, aber auf eine
gewisse Weise anregten und für die Zeit wachhielten, wenn man alt
genug sein würde, um legal an entsprechende Darstellungen oder Beschreibungen
der menschlichen Sexualität zu gelangen. Wenn man entdeckte, daß
irgendein Lehrer, den man verblüffen oder ärgern wollte, sich
kürzlich ein bestimmtes Buch ausgeliehen hatte, konnte man das nachholen
und sich gewisse überraschende Fragen zu seinem Inhalt und seiner
Bedeutung ausdenken. Und natürlich war es mein entschiedener Stolz,
wenn ich ein Buch zum ersten Male auslieh oder wenn ich sah, daß
ein Mädchen, mit dem ich zärtliche Gedanken oder Absichten verband,
es zuvor ausgeliehen hatte.
Diese Karteikarten waren mit anderen Worten mehr als nur
ein datierendes Hilfsmittel in der Buchhaltung der Bibliothek, sie waren
ein informierender Text für mich zuweilen ein faszinierender.
Je älter sie wurden, desto interessanter wurde die Lektüre dieses
Textes, der als solcher eine Erinnerungsspur war, ein allein dem Andenken
gewidmeter und aus diesem entstandener struktureller Entwurf über
die Rezeptionsgeschichte eines Buches in einem mittelgroßen oberbayrischen
Landkreis im Laufe eines bestimmten Zeitraums.
Diese Erinnerungsspur (handlich auf einer Karteikarte zusammengefaßt)
ist wesentlich nichts anderes als das, was ein Archiv leisten kann, nur
daß das, was das Archiv informiert oder was von ihm erhellt wird,
kein einzelnes Buch ist, sondern ein mehr oder weniger großer und
spezifischer kultureller Raum. Wer hat welchen Ideen, welchen Strukturen,
welchen Problematiken nachgeforscht? Wie oft? Wer liebt Borges? Wer leiht
sich alles Verfügbare über die deutsche Romantik aus? Welchen
Autoren bin ich ihr einziger Leser? Das sind Fragen, die man nur aus der
Provinz der Schule in die der Akademie oder der intellektuellen Öffentlichkeit
verlegen muß, um zu sehen, daß sie oft gestellt werden, daß
sie vor allem im Stillen und Geheimen gestellt werden. Und das Stille
und Geheime ist ja meistens auch das eigentlich Wichtige.
Nun ist es so, daß, als durch Ekkhard Lange die erste
Verabredung zu diesem kleinen Vortrag "Andenken und Vergessen"
getroffen wurde, ich irgendwie als intellektueller Naturbursche oder zünftiger
Originaldenker losgelegt habe, um dann nachträglich festzustellen,
daß ich natürlich nicht, bei weitem, nicht der Erste war, der
sich dieser Sphäre und mit durchaus ähnlicher Begrifflichkeit
und Intention genähert hat. Ganz im Gegenteil sogar die Provokanz
des Hauptbegriffs in der Unterzeile, das Tätigkeitswort "Wegwerfen"
nämlich hatte schon jemand benutzt, um über Andenken und Vergessen
nachzudenken.
Ich hatte nun zwei Möglichkeiten: entweder was
ja gar nicht so unübliche Praxis ist die Vorläufer oder
Früheren verschweigen; je nachdem, wie kraß oder deutlich die
Ähnlichkeiten gewesen wären, desto nervöser und unentspannter
würde ich vor Ihnen stehen, je offensichtlicher und desto gelassener,
je weniger nicht davon auszugehen wäre, daß sich unter den
Zuhörern jemand befindet, der über die entsprechenden Informationen
verfügt.
Die andere Möglichkeit und die scheint mir tatsächlich
die fruchtbarere die andere Möglichkeit wäre die, mein,
vielleicht jugendliches Erstaunen, im Sinne meines Vortrages zu interpretieren,
und dann müßte ich wohl sagen: ich habe mich den Kulturtechniken
des Erinnerns, des Recherchierens, den Möglichkeiten der Archive
nicht rechtzeitig bedient, wollte alles selbst machen und das brachte
mich in Verlegenheit.
Ich wollte etwas erfinden, und habe, unwissentlich zwar,
aber eben doch zitiert. Und dabei wollen wir alle original sein und Redner
ganz besonders.
Die Archive belehren uns da eben, wenn wir uns denn in ihre
Nähe wagen sollten, eines Besseren, wenn man sich in ihnen auf die
Suche begibt, um herauszufinden, ob jemand einen bestimmten Gedanken,
den man gefaßt hat, schon einmal gefaßt hat, dann beginnt
so etwas wie eine Neuauflage des Märchens vom Hasen und vom Igel,
der, Sie wissen ja, welche Geschichte ich meine, immer schon vor dem Hasen
da war, so schnell der auch rennen mochte. Der Hase im Archiv würde
immer erschöpfter und verzweifelter hin- und herrennen, und es würden
sich ihm nicht nur der Igel und seine verkleidete Frau als ein- und dieselbe
Figur zeigen, sondern wahrscheinlich ganze Regimenter von Igeln, wohin
er auch kommt, wohin er sich wendet, würde er sich von Igeln umgeben
sehen, die ihm alle "Ich bin schon da" zurufen, so daß,
wenn man den Gedanken weitertreiben mag, die Spur unseres Archivhasens
je mehr er seine Anstrengungen vorantreibt und verstärkt,
sich seine Geschwindigkeit und sein Radius also erhöht daß
diese Spur also irgendwann die Figur eines, sagen wir elektronischen Impulses
in einem Kraftfeld annehmen würde, eines rasenden Teilchens, das
immer schneller wird, das aber nicht nach draußen kann, vom Kraftfeld
gebannt gehalten wird, und derart in alle Ewigkeit weiterrasen könnte
solange entweder seine Energie oder die des Kraftfeldes den rasenden
Zustand stabil halten würde. Natürlich paßt dieses Bild,
diese rasante Erweiterung des Märchens vom Igel und vom Hasen, zu
der rasanten Erweiterung der Informationstechnologie, es ist ein zeitgenössisches
Bild je leistungsfähiger die Archive werden, je größer
die Datenmengen, die durch die verschiedenen Netze, voran natürlich
dem Internet zur Verfügung gestellt werden, desto mehr Igel mit ihren
fröhlichen "Bin schon da"-Rufen wird unser arme Hase entdecken,
bis ihm irgendwann die Luft ausgeht, und er seine Idee, etwas Originelles
herzustellen aufgibt und vielleicht Pförtner wird oder Taxifahrer,
wobei ich nichts gegen Pförtner oder Taxifahrer sagen möchte,
ganz im Gegenteil.
Eine gemütlichere Variante solcher merkwürdigen,
frustierenden Erlebnisse mit den Kulturtechniken der Erinnerung und des
Gedächtnisses findet sich bekanntlich in Robert Musils berühmten
"Mann ohne Eigenschaften", der Besuch des Generals Stumm von
Bordwehr in der weltberühmten Staatsbibliothek zu Wien, und zwar
mit der Absicht, den, ich zitiere "schönsten Gedanken der Welt
zu finden" und ihn einer bewunderten Frau zu Füßen zu
legen. Allerdings muß er die Absicht zu solcher Suche dringend verbergen
und fragt den ihn umherführenden Bibliothekar: "Ach, ich habe
mich zu unterrichten vergessen, wie Sie es eigentlich beginnen, in diesem
unendlichen Bücherschatz immer das richtige Buch zu finden?! Und
er fragt mich recht gehonigelt", erzählt Stumm weiter,"
und diensteifrig, was der General denn zu wissen wünschen. Oh, sehr
vieles, sage ich gedehnt. "Ich meine, mit welcher Frage oder welchem
Autor beschäftigen Sie sich? Kriegsgeschichtliches?"
Das muß der General, der sozusagen als Geheimagent des allgemeinen
Laientums in die Bibliothek eingedrungen ist, verneinen, es gehe ihm ums
Ganze. Schließlich wird er in den Zentralkatalog geführt.
"Ich kann Dir sagen", erzählt der General, "ich habe
die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu
sein; rings herum nichts wie diese Regale mit ihren Bücherzellen,
und überall Leitern zum Herumsteigen, und auf den Gestellen und den
Tischen nichts wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des
Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur
Bücher über Bücher."
Dann beschreibt Stumm weiter, wie ihm der Bibliothekar schließlich
mit glücklichem Ausdruck etwas herunter reicht: "Herr General,
hier habe ich für Sie eine Bibliographie der Bibliographien"
Dem General wird es zuviel und er beginnt, sich zu empören, er fühlt
sich nämlich, selbst mit dieser erstklassigen Bibliographie der Bibliographien
vollkommen alleine gelassen und verloren, er schüttelt den Bibliothekar
geradezu, und fragt ihn nach dem Geheimnis, hier in dieser millionenfach
bestückten Sammlung nicht jämmerlich zu ertrinken?
"Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen
nun allerdings sagen: Weil ich keines lese! Wer sich auf den Inhalt einläßt,
ist als Bibliothekar verloren! Er wird niemals einen Überblick gewinnen!"
Der General fragt ihn: "Sie lesen also niemals eines von den Büchern?,
Nie, mit Ausnahme der Kataloge. Aber Sie sind doch Doktor? Gewiß,
sogar Universitätsdozent für Bibliothekswesen. Wieviele Systeme,
glauben Sie, Herr General, gibt es, nach denen man Bücher aufstellt,
konserviert, ihre Titel ordnet, die Druckfehler und falschen Angaben auf
ihren Titelseiten richtigstellt und so weiter?"
Nun haben sich seit Musil die Zeiten und ihre Archive (jeder
Art und Funktion) zwar verändert, und zwar qualitativ, in ihrer Organisation
und Struktur diese Qualitätsveränderung allerdings (die
ich zuvor mit der beschleunigten archivarmetaphorischen Version des Märchens
vom Hasen und vom Igel angedeutet habe) macht sich merkwürdigerweise
in einer Ekstase und einem Rausch der Quantität bemerkbar. Die Musilsche
Ironie, die dem General Stumm als Grundlektüre die "Bibliographie
der Bibliographie" in die Hand drückt hat sich in der Zwischenzeit
zweifellos auf phantastische Weise realisiert.
Vielleicht gab es schon immer zuviel von allem; sogar sehr
wahrscheinlich. Aber im Gegensatz zu früher gibt es inzwischen auch
die logistischen Möglichkeiten, das vielleicht allzuviele auch herzustellen,
anzuzeigen, aufzulisten, auszudrucken. Die Möglichkeiten, Übersicht
über das zu bekommen, das für einen Benutzer sei er Wissenschaftler,
Journalist, Filmemacher oder Schriftsteller oder auch einfach nur Liebhaber
von Relevanz sein könnte, sind ungeheuer angewachsen. Man
könnte sagen, daß die stetig wachsenden Möglichkeiten,
Information zu repräsentieren (also das, was eben zentrale Kataloge
immer schon leisten sollten: Repräsentation des Wissens, das für
sich eben auch schon Repräsentation der Welt war) mit rasender Geschwindigkeit
dazu führen, daß das, was Repräsentanz zweiter Ordnung
war, mit dem, was es repräsentieren sollte, identisch wird. Der Katalog
verwandelt sich, weil er immer komfortabler wird, gewissermaßen
in den Bestand. Dieser Vorgang, wie aller technischer Fortschritt, ist
zu allererst ein euphorischer und die Logik dieser Euphorie zeugt
dann die Notwendigkeit nach einem neuerlichen, in unserem Falle einem
dritten Ordnungssystem: mittlerweile, und das ist ja zunächst einmal
vor allem eine amüsante Sache, gibt es Suchmaschinen, die Suchmaschinen
zusammenfassen und durchsuchen, und wir könnten uns (wäre das
Ganze keine dialektischer, sondern tatsächlich ein linearer Vorgang)
bis in alle Zeiten eine Umstülpung und Nach- oder Überordnung
nach der anderen vorstellen. Jede kleinste realexistierende Einheit von
Information wäre dann wie ein kugelförmiger Körper, der
in vollkommener Homogenität in jede Richtung abstrahlt, der Schale
und Schale von Ordnungs (oder Katalog-) systemen um sich legt, ohne daß
ein Ende wäre.
Ich kann nicht sagen, ob Sie sich diesem Bild mit Wohlgefallen oder Unbehagen
gegenübergestellt sehen. Ob ich einen Alp- oder Wunschtraum angedeutet
habe. Ich würde an dieser Stelle zunächst interessant finden,
daß die grade aufgeschienene unendlich-stabile Ordnung der Information
am Ende des 20.Jahrhunderts etwa Ordnungsvorstellungen des späten
Mittelalters oder der frühen Neuzeit ausgesprochen ähnlich ist.
Das Universum sei eine Kugel, deren Umfang überall, deren Mittelpunkt
nirgendwo sei, dachte man sich etwa, zum ersten Mal niedergeschrieben
im 12.Jahrhundert. Ebenso gut könnte man dort wo ich von den
kleinsten Einheiten real-exisitierender Information gesprochen habe
auch den durchaus mysteriösen und sehr unterschiedliche eingesetzten
Begriff der Monade einsetzen, der nicht nur bei Leibniz eine Rolle spielt,
dort aber wohl seine prominenteste. Das Universum, das sich Leibniz dachte,
müßte man sich gewissermaßen spiegelverkehrt vorstellen:
anstatt einer großen Zentralmonade (das war Gott) viele kleinste
Monaden, die kleinsten Einheiten real-existierender Information. Die Spiegelinversion
paßt ja auch besser zu unserer säkularisierten Welt.
Ich will das jetzt nicht überstrapazieren, sondern
allenfalls mit einem kleinen Zitat aus einer, in der Süddeutschen
Zeitung (leider, und da sehen Sie, welche Großmut und Nachsicht
ich bei Ihnen stillschweigend voraussetze, leider habe ich das Erscheinungsdatum
nicht notiert) also einer in der Süddeutschen Zeitung erschienenen
Glosse von Volker Ladenthin ergänzen.
Ladenthin schreibt da: "Im Zeitalter der totalen Bibliographie verlassen
sich Wissenschaftler immer mehr auf mündliche Empfehlungen oder persönliche
Begegnungen. Gute Bücher sprechen sich herum. Tagungen gewinnen neue
Bedeutung. Mundpropaganda und Plaudereien beim Abendessen ersetzen die
bibliographische Lesearbeit. Es ist wie vor der Erfindung des Buchdrucks:
Man tauscht sich mündlich aus. Man liest, wen man trifft. Man zitiert,
wen man kennt. Die wissenschaftliche Schriftkultur heute basiert längst
auf mündlicher Tradition und Begegnung."Abgesehen davon, daß
Ladenthin da eine reichlich merkwürdige Entwicklung, die Wiederholung
des Mittelalters aus den überreichen Möglichkeiten des späten
zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt, könnte man noch eine andere
vom Autor vielleicht eher nicht mitbedachte Folgerung ziehen.
In seinen Cahiers notiert Paul Valéry einmal: "Mein
Gott, wenn ich nicht alles vergessen hätte, was ich vergessen habe."
und spielt damit auf das Paradox an, daß das, wie immer auch,
sei es individuell, sei es im Ganzen einer Kultur, bewahrte, auf einem
ungeheuren, weit größeren Berg von Vergessenem ruht, daß
wir nichts wüßten, wenn wir alles wüßten. Und obwohl
niemand über das Vergessen spricht, sondern nur vom Andenken die
Rede ist, obwohl es also keine Öffentlichkeit des Vergessens gibt,
gäbe es diese Öffentlichkeit ohne zahlloses Vergessen überhaupt
nicht, weil sie schlechterdings nicht kommunikabel wäre. Die Kulturtechniken
des Andenkens und der Erinnerung bringen also offensichtlich auch so etwas
wie Kulturtechniken des Vergessens hervor, oder führen sie zumindest
als Andeutungen immer schon mit sich, als verschwiegene und heimliche,
dunkle Zwillingsbrüder. Vergessen heißt nicht verdrängen,
oder soll es jetzt hier nicht heißen, sondern etwas durchaus Positives,
für das das plötzlich zurückkehrende Gespräch der
Wissenschaftler beim Abendessen ein kleines Beispiel sein könnte,
weil dort nicht mehr die prinzipielle, und offiziell natürlich immer
noch postulierte Vollständigkeit aller verfügbaren Informationen
das Maß, sondern gewissermaßen der Zufall einzelner Informationen
der Ausgangspunkt kreativer Arbeit sein kann. So betrachtet könnte
man die Kultur des Wissens (im Ganzen) als die Ökonomie, also die
Haushaltung von Andenken und Vergessen, von Vernichtung und Bewahrung
beschreiben. Und mittlerweile, scheint mir, wären Kulturtechniken
des Vergessens gefragt was, denke ich mir jetzt einmal, im Falle
der Archivare wohl Techniken des Wegwerfens sein müßten. Und
des Wegwerfenkönnens.
Vielleicht läßt sich nirgendwo deutlicher Selbstbewußtsein
und Zutrauen des kulturellen Prozesses festmachen, als in seiner entschiedenen
Haltung zum Wegwerfen; wer nichts Wegwerfen kann, wer es nicht wagt, etwas
aufzugeben, fürchtet das Ende nahen, das drohende Ende und
damit meine ich nicht die Apokalypse, sondern vielleicht schlicht, einen
Epochenwechsel, einen Zeitenumbruch und deshalb müßte man sich
nicht erst des Greises erinnern, der nach dem tragischen Versterben zusammen
mit Hundertfünfzigtausend Papier- und Plastiktüten in seiner
Wohnung aufgefunden wird der gesamten Sammlung des Transportmaterials,
das ihm im Laufe seines Lebens befähigte, die mutmaßlich mit
dem Fortgang des Menschen verschwundenen Tonnen von Brot und Milch, Obst
und Bier in seine sich immer mehr und radikaler verstopfende Wohnung zu
tragen. Zurück bleiben die Hüllen, das Zuarbeitende, das Fassende:
die entleerten Gefäße, die nach Füllung schreien, immer
ärger und entsetzlicher, je gefalteter und unbrauchbarer sie sich
in den Schränken, den Kommoden und den Regalen anhäufen. Die
Hüllen bleiben; immer mehr werden die Gefäße zu leeren
Hüllen, sind die Schmetterlinge immer schon geschlüpft, tanzende
Enden der Mimikry der Information zur Idee (also zur Allmöglichkeit
und Omnipräsenz) von Information.
Ich muß natürlich eingestehen, daß es ausgesprochen
fragwürdig wäre, das Gesamte eines kulturellen Zusammenhangs
allzu vitalistisch (oder irgendwie bio-soziologisch) mit den Vorgängen
und Notwendigkeiten im Individuum zu vergleichen, oder gar gleichzusetzen.
Kultur ist kein Organismus: wohl aber kann man physiologisches Geschehen
metaphorisch auf kulturelle Zusammenhänge anwenden, die anders nicht
wirklich zu fassen wären. Das wären dann komplexere Metaphern,
also eigentlich metaphorische Räume, innerhalb derer es eine Vielzahl
von Aspekten gibt; der Sinn solcher Großmetaphern, solcher räumlichen
Metaphern, ist der der Selbstverständigung, der Erklärung von
Komplexen, die für sich selbst nicht zu fassen sind, sondern, wenn
man sie genau und sachlich korrekt notieren und verstehen will zu lahmlegenden
Paradoxien führen: es verhielte sich dann so, wie in der Anekdote
von Immanuel Kant: der sich, nachdem er sich mit seinem langjährigen
Diener und Faktotum Lampe überworfen und diesen daraufhin entlassen
hatte, einen Merkzettel schrieb, einen Merkzettel wohlgemerkt, eine Art
von permanentem Tagesbefehl, der unaufhörlich auf dem Schreibtisch
lag: Lampe muß vergessen werden.
Ähnlich paradox möchte ich jetzt aus dem üblichen,
und oft, ja universal benützten Satz, den man benützt, wenn
man eine Reise unternommen hat: "Sich ein Andenken mitnehmen"
eine Variation formen. Ich bin nach Salzburg gefahren und habe mir ein
Andenken mitgebracht, heißt es. Ich würde nun heute Vormittag
gerne mit einer Analogie-Bildung schließen: ich bin nach Salzburg
gefahren und habe mir ein Vergessen mitgebracht. Selbstverständlich
will ich Sie nicht dazu auffordern, meinen kleinen Vortrag auf der Stelle
zu vergessen, auch wenn ich nicht behaupten mag, er wäre so bedeutend.
Aber ich würde mich freuen, wenn ich in der Lage gewesen wäre,
zumindest Ihnen eine Grundahnung davon zu vermitteln, wie innig Andenken
und Vergessen verflochten sind; vielleicht bräuchte unsere Kultur
so ein Bewußtsein, wie es für das Andenken, oder Eingedenken
existiert, auch für das Vergessen ich meine damit nicht das
entdeckend archäologische Bewußtsein, sich des Vergessenen
anzunehmen und es wieder zu entdecken, was ich meine, ist ein Bewußtsein
für schwarze Stellen, für Zurückverschwiegenes, Abgerissenes,
ein Bewußtsein nicht so sehr für Verlorengegangenes, sondern
für Zurückgetretenes, eine gewisse Furchtlosigkeit und Zuversicht.
Das Vergessen erst verleiht dem Andenken die Kontur, ist
der Körperschatten des Erinnerten; und dennoch stehen wir dem Vergessen,
wie soll man sagen, ausgesprochen vergessen gegenüber. Wir leugnen
die pure Notwendigkeit, vergessen zu müssen, obwohl wir es unaufhörlich
tun. Wir belügen uns über den Sinn von Präsenz und nicht
das, was wir präsent halten wollen, indem wir uns glauben machen,
die pure Datenmenge garantiere die pure Wirklichkeit unserer Überlegungen,
Forschungen und Dichtungen.
Zu suchen wäre nach einem Bewußtsein davon, daß
es ohne Vergessen kein Erinnern geben kann, sondern nur eine Totalität
von Information; daß es ohne Erinnern keine Phantasie geben kann,
keine Kreativität, sondern nur Reproduktion also Gefangensein
in der infinitesimalen Logik der beliebig vervielfätigbaren Kopie.
In seinem kürzlich auf Deutsch erschienen Erzählband
"Als ich sterblich war" hat der Spanier Javier Marías
aus der Spekulation des vollkommenen Gedächtnisses (und das ist,
und da sage ich Ihnen jetzt sicher nichts Neues, eine Erinnerung an eine
der berühmtesten Erzählungen von Jorge Luis Borges "Das
unerbittliche Gedächtnis") die erzählerische Konsequenz
in Form einer Gespenstergeschichte gezogen. Er schreibt in der Titelerzählung,
"Als ich einmal sterblich war": "Wer über das Jenseits
oder die Fortdauer des Bewußtseins über den Tod hinaus spekuliert
hat wenn wir denn das sind, Bewußtsein , hat nicht
die Gefahr oder besser gesagt den Horror berücksichtigt, sich an
alles zu erinnern, sogar an das, war wir nicht wußten: alles zu
wissen, was uns betrifft oder an dem wir beteiligt oder dem wir auch nur
nahe waren."
Der Erzähler, vornehmlich zunächst eben ein Gespenst,
berichtet davon, daß er jedes Detail seines Lebens zu erinnern gezwungen
ist und der Horror besteht nun darin, daß die Erinnerung
dann eben keine Erinnerung mehr ist, sondern eine unendliche Kopie des
gelebten Lebens mit dem Unterschied des totalen Bewußtseins,
also des Wissens darum, was geschehen wird. Zur Lebendigkeit (also der
Zeit, als man noch sterblich war und so heißt ja die Erzählung)
gehört also der offene Horizont, nicht der geschlossene; wo das Totale
eintritt, sei es im Wissen um die Zukunft oder um die Vergangenheit, gibt
es nur noch Gespenster.
Goethe das kann man grade ja leicht überprüfen,
deshalb nehme ich das Beispiel wird lebendig sein, solange Raum
bleibt, ihm eine eigene Gestalt zu verleihen. Solange Dunkelheiten bleiben,
solange man in Hotelzimmern oder wo immer, sitzen kann, und trotz Internet-Anschluß
nicht jede beliebige, Goethe betreffende Einzelheit verfügbar sein
wird, sondern man auf die Mutmaßung angewiesen ist, auf die Ahnung
und das womöglich vergeblich. Sie merken, daß ich mich heute
nacht vergeblich an einen bestimmten Gedanken zu erinnern versuchte
und der emphatische Gedanke eine Art Notlösung war; wie, so ist es
meine Erfahrung, die besten Gedanken sich überhaupt oft der Faulheit,
der Unvollständigkeit, der Lücke und der peinlichen Verlegenheit
verdanken Grundsituationen des Lebens auf Erden.
Den zumindest intellektuellen und emotionalen
Tod eines noch lebenden Autors beschrieb Martin Amis in seinem nun tatsächlich
meisterhaften Roman mit dem einfachen und mysteriösen Titel "The
Information", London 1995, auf Deutsch 1997 erschienen, unter dem
noch einfacheren und noch geheimnisvolleren Titel "Information".
Es ist ein ungeheuer berühmter Bestsellerautor, der seine Arbeitstage
mit nichts anderem mehr verbringen kann, als mit einer exzessiven Suche
nach sich selbst nach seiner Erwähnung in den Zeitungen, Zeitschriften
und sonstigen Periodika.
"In der ersten Zeit", heißt es da, "hatte
er sich auf Rezensionen von Werken der eigenen Generationen beschränkt,
wo das Beispiel Gwyn Barry (so heißt unser Autor) mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit herangezogen werden mochte. Dann weitete er sein Feld
aus und las die Rezensionen jüngerer (und älterer) Autoren.
Ehe er wußte, wie ihm geschah, las er sämtliche Rezensionen
zu allen Formen von Erzählprosa. Rezensionen panamaischer Allegorien,
japanischer Thriller; Rezensionen neuer Ausgaben des Don Quijote und Humphry
Clinker. Es war dasselbe mit der Literaturkritik insgesamt. Die Lektüre
aller Rezensionen über moderne Literatur entwickelte sich rasch zur
Lektüre aller Rezensionen über alle Literatur schlechthin. Er
fing an Rezensionen über zeitgenössische Kunst zu lesen, dann
über nicht-zeitgenössische Kunst; über zeitgenössische
Soziologie, Architektur, Wirtschaftswissenschaft, Jurisprudenz
und dann über all das im nicht zeitgenössischen Kontext. Und
weiter. Eines Morgens las er einen Artikel (müßig, fast objektiv,
ohne gewisse Hoffnung, Neuigkeiten von Gwynn Barry zu finden) auf der
Immobilienseite ein Gastautor schrieb über die Schwierigkeiten
beim Verkauf einer kleinen Wohnung. "Lieber ein Winzling wie Gwynn
Barry Sein", schrieb er, "als ein-": Und hier nannte er
einen Bühnenautor von legendärer Leibesfülle. Danach las
Gwyn alles, was er über Immobilien finden konnte, und etwas später
alles, was mit Körpergröße zu tun hatte: Autos, Ferienwohnungen,
Kleider, Gefängniszellen. Bald schon das war abzusehen
las er alles über alles. An sich keine schlechte Idee, wenn Informationen
das waren, woran einem gelegen war."
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