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Ich wartete auf
die Straßenbahn Richtung Gohlis. Vor mir das Museum für Völkerkunde.
Hinter mir der "Interdruck", wo meine Freundin Wiebke im siebten
Stockwerk gerade Mittag aß. Das Essen war schlecht, die Kartoffeln
stanken, sie stanken immer, dafür waren die Essenskarten billig. Drei
Schritte von mir entfernt stand Herr K., unser Sicherheitsbeamter, und starrte
in die Luft. Wiebke arbeitete im Museum als Restauratorin, während
ich im Archiv saß und auf Katalogzettel die Kriegsverluste eintrug.
Es war 1984 und man hatte gehört, daß es überall in der
Republik sowas wie Untergrundzeitungen geben sollte. Eine Art Mappe mit
subversiver Kunst und subversiv hieß in der Praxis ungefähr soviel
wie: etwas mit eigenen Gedanken gestalten und eigene Gedanken hieß
auf jeden Fall nicht zensierte; ich stieß mit jedem meiner Gedanken
in der DDR auf Schwierigkeiten, denn auch der nicht zensierte Gedanke war
eine Reaktion auf die Wirklichkeit und die war zensiert. Gut, es gab die
Natur; Wälder, Berge, ein durchaus freizügiges Menschenschutzgebiet,
aber nie wußte man, was wirklich und was Erfindung war. Man hatte
sich für alle denkbaren Fälle eingerichtet. Vielleicht war ich
ein Spätentwickler.
Es gab nicht sehr viele Zerstreuungen in Leipzig; es gab die Initiativgruppe
"Hoffnung für Nicaragua", es gab Gottesdienste und es gab
die "Chardas", wo man bis ein Uhr Blaustengler oder Lindenblatt
trinken konnte. Man traf sich fast täglich gegen 24 Uhr auf einen Schoppen;
stand dann brav in der Schlange, dann bekam man einen Sitzplatz von Harry
zugewiesen. Harry war der Kellner, ein älterer dicker Herr mit Himbeernase,
der gegen Mitternacht leicht schwankend vor einem stand und fragte: "Was
willste meine Gudste: Linde, Mufatlar, grauen Mönch oder Blaustengler?"
Man wollte nie Blaustengler.
Am Wochenende hatten wir auf einer Zugfahrt nach Naumburg beschlossen, so
eine Zeitung zu machen. Ich glaubte nicht an eine politische Aussage, weil
ich keinerlei Erfahrung (abgesehen von früheren Kindergebeten) mit
dem Glauben hatte. Freunde von mir hatten sich vor Monaten, zur internationalen
Dokumentarfilmwoche, vor dem Capitol mit brennenden Kerzen in einen Kreis
gesetzt, um eine Schweigeminute für den Frieden einzulegen. Ich behielt
meine Kerze im Stiefel. Nicht, weil ich feige gewesen wäre. Ich wäre
mir einfach lächerlich vorgekommen. Ich hätte mich spielen sehen.
Ich hätte mir selbst nicht geglaubt, für einen Frieden zu sein,
den ich nicht kannte. Und eine Utopie hatte ich auch nicht im Kopf; die
Vergleiche für realistische Möglichkeiten fehlten mir. Meine Freunde
saßen also vorsichtig atmend im Kreis, die Kerzen waren angezündet
und ich stand hinter ihnen.
Nach ungefähr zehn Sekunden kamen die ersten "Zivilisten",
denen man schon zehn Meter gegen den Wind die Verkleidung ansah, und murmelten
Sätze, die sie für Volkes Stimme hielten: "Ihr Gesogsch,
Halbstarke, verschwindet hier. Ihr schadet dem Ansehn unsrer
Republik." Aber es war, als glaubten sie sich selbst nicht, denn sie
nuschelten ihre Worte, und sprangen in immer neuen Varianten, weiter und
höher, über die Kerzenflammen, als führten sie besondere
Sportleistungen vor. Dann kamen drei große Lastwagen, aus denen hundert
stockschwingende Uniformierte kletterten.
Anfangs fand ich auch das nur lächerlich. Dann allerdings, mit jedem
weiteren Polizisten, der auf der Bildfläche erschien, wurden angesichts
der Unangemessenheit dieses Aufgebots meine Freunde vor meinen Augen zu
großen Revolutionären. Was war geschehen? Hatte ich eine Verwandlung
verpaßt? Aber ehe ich dazu kam, mir meine Freunde genauer zu betrachten,
wurden die ersten Stöcke geschwungen, es wurde geprügelt und an
den Haaren gezogen und ehe ich bis drei zählen konnte, prügelte
und schrie auch ich, die Zuschauerin, und zuletzt sah ich mich selbst an
einem Uniformrücken hängen, wo ich versuchte, mit einem speziellen
Würgegriff aus meine Kindheit dem Polizisten die Luft abzudrücken,
der auf den Bauch meiner schwangeren Freundin eintrat.
Inzwischen stand Herr K., unser Sicherheitsbeamter, nur noch zwei Schrite
von mir entfernt und lächelte groß und falsch. Alle waren sich
einig, daß er bei der "Stasi" war. Wir verstanden uns trotzdem
gut. Er hielt mich für dumm und leicht durchschaubar. Und ich wiederum
schüttete ihm mein Herz aus, erzählte ihm die absonderlichsten
Geschichten, von meinen Vorbereitungen zu einem Reagan-Attentat, meiner
Flucht zur Elfenbeinküste, wo ich eine Tanzgruppe aufmachen wollte,
und immer nickte er neugierig und verständnisvoll. (Später fand
ich diese Geschichten in meinen Akten wieder, sorgenvoll und ausführlich
von Experten und Genossen besprochen. Zum ersten Mal wohl hatte niemand
an der Ernsthaftigkeit meiner Gedanken zu zweifeln gewagt.)
Vor ein paar Tagen hatte Herr K. mich geheimnisvoll zur Seite genommen und
bei einem Spaziergang unter freiem Himmel den Sicherheitsplan im Falle eines
dritten Weltkrieges dargelegt. Da nur die wenigsten ein Telephon besaßen,
käme, wenn es denn soweit wäre, ein Bote zu mir, mit einem Briefumschlag,
wo auf einem weißen Blatt Papier ein Geheimcode stehen würde.
Hätte ich diesen gelesen, müßte ich sofort ins Museum, dritter
Stock, ins Magazin für die Südseeinseln. Die genauen Details wollte
mir K. in den nächsten Tagen mitteilen, vorab aber schon den Geheimcode
liefern, natürlich unter dem Siegel der allerstrengsten Verschwiegenheit.
Was denn nun mit dem Krieg wäre, hörte ich mich noch fragen, aber
K. zuckte nur mit den Achseln. Er hatte über den dritten Weltkrieg
gesprochen, als wäre dieser auch nur eine Möglichkeit, das gewisse
Dinge hin und her geschoben werden konnten, Exponate aus Afrika zum Beispiel,
aber auch Materialien jeglicher Art. Man würde auf jeden Fall beschäftigt
sein. Auf die Idee, daß mit diesem Krieg ein Loch in der Mauer verbunden
sein könnte, kam er nicht. Mein Geheimcode lautetet Alpha Drei.
Ich hatte im Museum einen Rehabilitantenplatz, eine der guten Errungenschaften
der DDR, der eine gewisse Nische für Versehrte und Idioten bot. (Einmal
jährlich kam eine Abordnung, die untersuchte, ob ich diesen Platz noch
verdiente. Für ein "Ja" reichte es schon aus, auf den Händen
durchs Sekretariat zu gehen, auf den Händen minutenlang neben den Archivschränken
zu stehen, oder auf den Händen die Besucher zu erwarten.) Am nächsten
Morgen betrat ich das Museumscafe, und statt eines "Guten Morgen"
sagte ich laut: "Alpha Drei". Niemand wußte, was dieser
Gruß bedeuten sollte, nur K. wurde leichenblaß, stand auf und
stürzte aus dem Raum. Auf Grund meines Rehabilitantenplatzes stellte
mich nie jemand zur Rede. Aber die Sache mit dem dritten Weltkrieg wurde
erst einmal abgeblasen.
Sie konnten mich zwar nicht rauswerfen, aber sie konnten mich zum Telephondienst
einteilen. Aber nachdem ich die unpassendsten Auskünfte am Telephon
gegeben hatte, wie: "Der Direktor ist nicht zu sprechen, denn er sitzt
seit Tagen in einer großen afrikanischen Trommel und weint",
und dergleichen mehr, bekam ich schnell meinen Archivplatz wieder und durfte
weiterhin ungestört die Kriegsverluste eintragen. Die gute alte DDR
war einerseits ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, einerseits.
Und als nicht einzuschätzender Mensch hatte man gute Möglichkeiten,
das zu tun, was man wollte. Denn niemand wußte wirklich, wie weit
er zu gehen hatte, was man heute durfte und was morgen nicht. Wie ich später
in meinen Akten las, hatten sich vom Direktor bis zum Archivarbeiter alle
für mich eingesetzt, auch indem sie immer wieder betonten: Sie denkt
sich nichts dabei. Allerdings wurde auch mein Ausreiseantrag schneller und
mit größerer Dringlichkeit bearbeitet.
Nun also stand Herr K. nur noch einen halben Schritt von mir entfernt, vor
uns die Litfaßsäule, wo wir, ohne miteinander zu reden, das Programm
der "Academixer" lasen oder so taten. Die Straßenbahn kam
und ehe ich einstieg, sagte K.: "Viel Spaß beim nächsten
Anschlag" und lächelte wie immer. Und das Wort "Anschlag"
blieb mir im Gedächtnis und am Abend sagte ich es meiner klugen Freundin
Wiebke, deren Gehirn sofort, als hätte es das Grimmsche Wörterbuch
gespeichert, jede Art von Bedeutung für dieses Wort ausspuckte und
somit hatte uns die "Stasi" einen Namen für unsere Mappe
geliefert.
Wir stellten eine Liste mit den Adressen von Graphikern, Fotographen, Schriftstellern
und Poeten zusammen. Wir liebten das Wort Poesie, man sprach viel von Engeln
(obwohl Engel als Weihnachtsfiguren in den Kaufhäusern unter dem Namen
"Jahresendfigur mit Flügeln" verkauft wurden), wir liebten
unter anderem Brecht und Rilke; und viele Künstler oder Intellektuelle
konnten die "Duineser Elegien" auswendig: Und sie setzten sie
nicht selten erfolgreich nebst Bart, Brille und Pfeife zur Eroberung der
Frauen ein.
Wie gesagt, besaßen die wenigsten ein Telephon und deshalb standen
wir oft unangemeldet vor der Tür und klingelten. Das waren die sogenannten
abendlichen Heimbesuche. Die Straßen waren um diese Zeit geradezu
entvölkert, und jeder Spion, so dachten wir, wäre uns aufgefallen.
Am Anfang waren wir noch unsicher, und ich fühlte mich, so vor der
Tür stehend, an einen Spruch aus meiner Kindheit erinnert: "Haben
Sie Flaschen, Gläser oder Altpapier?" Denn eigentlich wußten
wir gar nicht genau, was wir von unserem Gegenüber wollten. Einen Text?
Ein Foto? Eine Graphik? Und was sollte da drauf sein? Und warum gab es diese
Mappe? Und warum das Foto gerade dort und nicht im "Magazin",
beispielsweise. "Gibt es nicht etwas, was Sie schon immer mitteilen
wollten", fragten wir zaghaft, "aber was Sie sich bisher nicht
getraut haben?" Wir wurden von den Künstlern oft mit offenen Armen
empfangen.
Im Grunde genommen, letztendlich, im Endeffekt (damals sehr häufig
benutzte Wörter) aber schien mir die Ernsthaftigkeit, mit der auf unseren
Vorschlag reagiert wurde, unangemessen oder vielleicht sollte ich
sagen: verpuffte an mir, prallte an mir ab, weil ich es nicht wirklich ernst
meinte. Ich wußte nicht wirklich, wozu wir das machten. Die DDR-Wirklichkeit
setzte sich für mich aus Geräuschen und Gerüchen zusammen.
Alles war ein Abbild. Ich selbst natürlich auch. Und die Wolken, die
hinterm Horizont verschwanden, hatten dort vielleicht eine andere
Ordnung, einen völlig anderen Zustand eventuell; eine Wolke bestand
ja nicht nur aus Luft und eine West-Wolke setzte sich zumindest aus anderen
Abgasen, Dämpfen und dergleichen zusammen. Also: Wie sahen die aus,
da, wo ich nicht war? Der Blick über die Mauer hätte mir statt
der weißen Betonblöcke auch einen anderen Planeten zeigen können.
Alles war möglich. Die Identität war mir zugewiesen, einerseits,
aber es gab auch Bücher berühmter und längst verstorbener
Dichter zum Beispiel, in denen die Öde der Sonntage genau so beschrieben
wurde, wie ich sie erlebte. Die Vermutung lag also nahe, das nicht alles,
was ich empfand, DDR war.
Andererseits ging man selten einfach nur spazieren; jedes Stück Natur
wurde auf Nutzbarkeit untersucht, der Wald auf Pilze, Beeren, herbstliche
Blättersträuße, der Meeresstrand nach bunten Glassteinen,
Muscheln und dergleichen. Nie wieder war die Urgesellschaft derart präsent:
Jäger und Sammler. Es machte mir Freude, in fremden Küchen zu
sitzen, und inzwischen hatte ich zumindest den Glauben an ein Abenteuer.
Wenn ich auch auf dem Heimweg schon wieder davon überzeugt war, meinen
Glauben zu inszenieren. Mein Mißtrauen gegen mich selbst war immens,
und meine Wunschvorstellungen diffus. Und aus Arroganz und Unwissenheit
ließ ich sowieso nur die "Großen" gelten: Benn, Celan,
Kafka und ein paar andere. Oft verstand ich die Texte nicht, die wir für
unsere Mappen bekamen, aber ich glaubte zu wissen, was sie wollten.
Ich erinnere mich gern an Jane Ann Igel, an unsere Zusammenkünfte,
an ihre Gedichte, die ich bewunderte, an den pathetischen Saab, der öffentlich
angekettet verhungern wollte, in dem Bewußtsein, das Auge der Welt
würde sein mutiges Sterben zur Kenntnis nehmen. Die Prosatexte tippten
wir nächtelang mit dreimal Blaupapier dazwischen ab. Es gab viele Freunde,
die uns halfen. Unsere erste Auflage betrug achtundzwanzig Mappen. Die Einbände
stellte Wiebke sehr aufwendig her, und ich glaube heute, sie sagen mindestens
soviel über die DDR aus wie ihr Inhalt, und waren oft kunstvoller und
interessanter als dieser. Ich habe heute noch den Geruch von Mökotedex
und Duosan Rapid in der Nase, die Klebstoffe, mit denen wir die Seiten leimten,
die dann anschließend noch schmuckvoll genagelt wurden.
Letztendlich, im Grunde genommen und im Endeffekt konnte ich es gar nicht
fassen, daß die Mappen dann fertig waren. Wir hatten ein Produkt geschaffen.
Und wenn ich mich heute daran erinnere, war das, aus aller Dumpfheit heraus,
eine intensive und sehr schöne Zeit gewesen. (Ich ertappe mich oft
dabei, wie ich den Augenblick entleere, um die Gerüche und Stimmungen
von damals hineinzupacken). Die DDR war ein großes Kinderheim, in
dem man sich an die vorgegebene Ordnung zu halten hatte, oder man wurde,
nach einer Vielzahl von Verwarnungen, entlassen. Erst die Entlassung bedeutete,
daß man erwachsen wurde.
Seit der Wiedervereinigung zahlt man für unsere Mappen eine Menge Geld.
Sie sind in Museen ausgestellt. Man hat Romane über sie geschrieben.
Der "Anschlag" gilt als Dokument des Widerstands. Forscher bitten
mich um Auskunft. Ich merke, daß ich nicht antworten kann. Ich merke,
daß ich nur darüber reden kann, wie das, was war, gemacht wurde.
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