Kriegsverluste 1984
Angelika Klüssendorf
 

 

 

27.12.1999


 

 

Ich wartete auf die Straßenbahn Richtung Gohlis. Vor mir das Museum für Völkerkunde. Hinter mir der "Interdruck", wo meine Freundin Wiebke im siebten Stockwerk gerade Mittag aß. Das Essen war schlecht, die Kartoffeln stanken, sie stanken immer, dafür waren die Essenskarten billig. Drei Schritte von mir entfernt stand Herr K., unser Sicherheitsbeamter, und starrte in die Luft. Wiebke arbeitete im Museum als Restauratorin, während ich im Archiv saß und auf Katalogzettel die Kriegsverluste eintrug. Es war 1984 und man hatte gehört, daß es überall in der Republik sowas wie Untergrundzeitungen geben sollte. Eine Art Mappe mit subversiver Kunst und subversiv hieß in der Praxis ungefähr soviel wie: etwas mit eigenen Gedanken gestalten und eigene Gedanken hieß auf jeden Fall nicht zensierte; ich stieß mit jedem meiner Gedanken in der DDR auf Schwierigkeiten, denn auch der nicht zensierte Gedanke war eine Reaktion auf die Wirklichkeit und die war zensiert. Gut, es gab die Natur; Wälder, Berge, ein durchaus freizügiges Menschenschutzgebiet, aber nie wußte man, was wirklich und was Erfindung war. Man hatte sich für alle denkbaren Fälle eingerichtet. Vielleicht war ich ein Spätentwickler.
Es gab nicht sehr viele Zerstreuungen in Leipzig; es gab die Initiativgruppe "Hoffnung für Nicaragua", es gab Gottesdienste und es gab die "Chardas", wo man bis ein Uhr Blaustengler oder Lindenblatt trinken konnte. Man traf sich fast täglich gegen 24 Uhr auf einen Schoppen; stand dann brav in der Schlange, dann bekam man einen Sitzplatz von Harry zugewiesen. Harry war der Kellner, ein älterer dicker Herr mit Himbeernase, der gegen Mitternacht leicht schwankend vor einem stand und fragte: "Was willste meine Gudste: Linde, Mufatlar, grauen Mönch oder Blaustengler?" Man wollte nie Blaustengler.
Am Wochenende hatten wir auf einer Zugfahrt nach Naumburg beschlossen, so eine Zeitung zu machen. Ich glaubte nicht an eine politische Aussage, weil ich keinerlei Erfahrung (abgesehen von früheren Kindergebeten) mit dem Glauben hatte. Freunde von mir hatten sich vor Monaten, zur internationalen Dokumentarfilmwoche, vor dem Capitol mit brennenden Kerzen in einen Kreis gesetzt, um eine Schweigeminute für den Frieden einzulegen. Ich behielt meine Kerze im Stiefel. Nicht, weil ich feige gewesen wäre. Ich wäre mir einfach lächerlich vorgekommen. Ich hätte mich spielen sehen. Ich hätte mir selbst nicht geglaubt, für einen Frieden zu sein, den ich nicht kannte. Und eine Utopie hatte ich auch nicht im Kopf; die Vergleiche für realistische Möglichkeiten fehlten mir. Meine Freunde saßen also vorsichtig atmend im Kreis, die Kerzen waren angezündet und ich stand hinter ihnen.
Nach ungefähr zehn Sekunden kamen die ersten "Zivilisten", denen man schon zehn Meter gegen den Wind die Verkleidung ansah, und murmelten Sätze, die sie für Volkes Stimme hielten: "Ihr Gesogsch, Halbstarke, verschwindet hier. Ihr schadet dem Anseh’n uns’rer Republik." Aber es war, als glaubten sie sich selbst nicht, denn sie nuschelten ihre Worte, und sprangen in immer neuen Varianten, weiter und höher, über die Kerzenflammen, als führten sie besondere Sportleistungen vor. Dann kamen drei große Lastwagen, aus denen hundert stockschwingende Uniformierte kletterten.
Anfangs fand ich auch das nur lächerlich. Dann allerdings, mit jedem weiteren Polizisten, der auf der Bildfläche erschien, wurden angesichts der Unangemessenheit dieses Aufgebots meine Freunde vor meinen Augen zu großen Revolutionären. Was war geschehen? Hatte ich eine Verwandlung verpaßt? Aber ehe ich dazu kam, mir meine Freunde genauer zu betrachten, wurden die ersten Stöcke geschwungen, es wurde geprügelt und an den Haaren gezogen und ehe ich bis drei zählen konnte, prügelte und schrie auch ich, die Zuschauerin, und zuletzt sah ich mich selbst an einem Uniformrücken hängen, wo ich versuchte, mit einem speziellen Würgegriff aus meine Kindheit dem Polizisten die Luft abzudrücken, der auf den Bauch meiner schwangeren Freundin eintrat.
Inzwischen stand Herr K., unser Sicherheitsbeamter, nur noch zwei Schrite von mir entfernt und lächelte groß und falsch. Alle waren sich einig, daß er bei der "Stasi" war. Wir verstanden uns trotzdem gut. Er hielt mich für dumm und leicht durchschaubar. Und ich wiederum schüttete ihm mein Herz aus, erzählte ihm die absonderlichsten Geschichten, von meinen Vorbereitungen zu einem Reagan-Attentat, meiner Flucht zur Elfenbeinküste, wo ich eine Tanzgruppe aufmachen wollte, und immer nickte er neugierig und verständnisvoll. (Später fand ich diese Geschichten in meinen Akten wieder, sorgenvoll und ausführlich von Experten und Genossen besprochen. Zum ersten Mal wohl hatte niemand an der Ernsthaftigkeit meiner Gedanken zu zweifeln gewagt.)
Vor ein paar Tagen hatte Herr K. mich geheimnisvoll zur Seite genommen und bei einem Spaziergang unter freiem Himmel den Sicherheitsplan im Falle eines dritten Weltkrieges dargelegt. Da nur die wenigsten ein Telephon besaßen, käme, wenn es denn soweit wäre, ein Bote zu mir, mit einem Briefumschlag, wo auf einem weißen Blatt Papier ein Geheimcode stehen würde. Hätte ich diesen gelesen, müßte ich sofort ins Museum, dritter Stock, ins Magazin für die Südseeinseln. Die genauen Details wollte mir K. in den nächsten Tagen mitteilen, vorab aber schon den Geheimcode liefern, natürlich unter dem Siegel der allerstrengsten Verschwiegenheit. Was denn nun mit dem Krieg wäre, hörte ich mich noch fragen, aber K. zuckte nur mit den Achseln. Er hatte über den dritten Weltkrieg gesprochen, als wäre dieser auch nur eine Möglichkeit, das gewisse Dinge hin und her geschoben werden konnten, Exponate aus Afrika zum Beispiel, aber auch Materialien jeglicher Art. Man würde auf jeden Fall beschäftigt sein. Auf die Idee, daß mit diesem Krieg ein Loch in der Mauer verbunden sein könnte, kam er nicht. Mein Geheimcode lautetet Alpha Drei.
Ich hatte im Museum einen Rehabilitantenplatz, eine der guten Errungenschaften der DDR, der eine gewisse Nische für Versehrte und Idioten bot. (Einmal jährlich kam eine Abordnung, die untersuchte, ob ich diesen Platz noch verdiente. Für ein "Ja" reichte es schon aus, auf den Händen durchs Sekretariat zu gehen, auf den Händen minutenlang neben den Archivschränken zu stehen, oder auf den Händen die Besucher zu erwarten.) Am nächsten Morgen betrat ich das Museumscafe, und statt eines "Guten Morgen" sagte ich laut: "Alpha Drei". Niemand wußte, was dieser Gruß bedeuten sollte, nur K. wurde leichenblaß, stand auf und stürzte aus dem Raum. Auf Grund meines Rehabilitantenplatzes stellte mich nie jemand zur Rede. Aber die Sache mit dem dritten Weltkrieg wurde erst einmal abgeblasen.
Sie konnten mich zwar nicht rauswerfen, aber sie konnten mich zum Telephondienst einteilen. Aber nachdem ich die unpassendsten Auskünfte am Telephon gegeben hatte, wie: "Der Direktor ist nicht zu sprechen, denn er sitzt seit Tagen in einer großen afrikanischen Trommel und weint", und dergleichen mehr, bekam ich schnell meinen Archivplatz wieder und durfte weiterhin ungestört die Kriegsverluste eintragen. Die gute alte DDR war einerseits ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, einerseits. Und als nicht einzuschätzender Mensch hatte man gute Möglichkeiten, das zu tun, was man wollte. Denn niemand wußte wirklich, wie weit er zu gehen hatte, was man heute durfte und was morgen nicht. Wie ich später in meinen Akten las, hatten sich vom Direktor bis zum Archivarbeiter alle für mich eingesetzt, auch indem sie immer wieder betonten: Sie denkt sich nichts dabei. Allerdings wurde auch mein Ausreiseantrag schneller und mit größerer Dringlichkeit bearbeitet.
Nun also stand Herr K. nur noch einen halben Schritt von mir entfernt, vor uns die Litfaßsäule, wo wir, ohne miteinander zu reden, das Programm der "Academixer" lasen oder so taten. Die Straßenbahn kam und ehe ich einstieg, sagte K.: "Viel Spaß beim nächsten Anschlag" und lächelte wie immer. Und das Wort "Anschlag" blieb mir im Gedächtnis und am Abend sagte ich es meiner klugen Freundin Wiebke, deren Gehirn sofort, als hätte es das Grimm’sche Wörterbuch gespeichert, jede Art von Bedeutung für dieses Wort ausspuckte und somit hatte uns die "Stasi" einen Namen für unsere Mappe geliefert.
Wir stellten eine Liste mit den Adressen von Graphikern, Fotographen, Schriftstellern und Poeten zusammen. Wir liebten das Wort Poesie, man sprach viel von Engeln (obwohl Engel als Weihnachtsfiguren in den Kaufhäusern unter dem Namen "Jahresendfigur mit Flügeln" verkauft wurden), wir liebten unter anderem Brecht und Rilke; und viele Künstler oder Intellektuelle konnten die "Duineser Elegien" auswendig: Und sie setzten sie nicht selten erfolgreich nebst Bart, Brille und Pfeife zur Eroberung der Frauen ein.
Wie gesagt, besaßen die wenigsten ein Telephon und deshalb standen wir oft unangemeldet vor der Tür und klingelten. Das waren die sogenannten abendlichen Heimbesuche. Die Straßen waren um diese Zeit geradezu entvölkert, und jeder Spion, so dachten wir, wäre uns aufgefallen. Am Anfang waren wir noch unsicher, und ich fühlte mich, so vor der Tür stehend, an einen Spruch aus meiner Kindheit erinnert: "Haben Sie Flaschen, Gläser oder Altpapier?" Denn eigentlich wußten wir gar nicht genau, was wir von unserem Gegenüber wollten. Einen Text? Ein Foto? Eine Graphik? Und was sollte da drauf sein? Und warum gab es diese Mappe? Und warum das Foto gerade dort und nicht im "Magazin", beispielsweise. "Gibt es nicht etwas, was Sie schon immer mitteilen wollten", fragten wir zaghaft, "aber was Sie sich bisher nicht getraut haben?" Wir wurden von den Künstlern oft mit offenen Armen empfangen.
Im Grunde genommen, letztendlich, im Endeffekt (damals sehr häufig benutzte Wörter) aber schien mir die Ernsthaftigkeit, mit der auf unseren Vorschlag reagiert wurde, unangemessen – oder vielleicht sollte ich sagen: verpuffte an mir, prallte an mir ab, weil ich es nicht wirklich ernst meinte. Ich wußte nicht wirklich, wozu wir das machten. Die DDR-Wirklichkeit setzte sich für mich aus Geräuschen und Gerüchen zusammen. Alles war ein Abbild. Ich selbst natürlich auch. Und die Wolken, die hinter‘m Horizont verschwanden, hatten dort vielleicht eine andere Ordnung, einen völlig anderen Zustand eventuell; eine Wolke bestand ja nicht nur aus Luft und eine West-Wolke setzte sich zumindest aus anderen Abgasen, Dämpfen und dergleichen zusammen. Also: Wie sahen die aus, da, wo ich nicht war? Der Blick über die Mauer hätte mir statt der weißen Betonblöcke auch einen anderen Planeten zeigen können. Alles war möglich. Die Identität war mir zugewiesen, einerseits, aber es gab auch Bücher berühmter und längst verstorbener Dichter zum Beispiel, in denen die Öde der Sonntage genau so beschrieben wurde, wie ich sie erlebte. Die Vermutung lag also nahe, das nicht alles, was ich empfand, DDR war.
Andererseits ging man selten einfach nur spazieren; jedes Stück Natur wurde auf Nutzbarkeit untersucht, der Wald auf Pilze, Beeren, herbstliche Blättersträuße, der Meeresstrand nach bunten Glassteinen, Muscheln und dergleichen. Nie wieder war die Urgesellschaft derart präsent: Jäger und Sammler. Es machte mir Freude, in fremden Küchen zu sitzen, und inzwischen hatte ich zumindest den Glauben an ein Abenteuer. Wenn ich auch auf dem Heimweg schon wieder davon überzeugt war, meinen Glauben zu inszenieren. Mein Mißtrauen gegen mich selbst war immens, und meine Wunschvorstellungen diffus. Und aus Arroganz und Unwissenheit ließ ich sowieso nur die "Großen" gelten: Benn, Celan, Kafka und ein paar andere. Oft verstand ich die Texte nicht, die wir für unsere Mappen bekamen, aber ich glaubte zu wissen, was sie wollten.
Ich erinnere mich gern an Jane Ann Igel, an unsere Zusammenkünfte, an ihre Gedichte, die ich bewunderte, an den pathetischen Saab, der öffentlich angekettet verhungern wollte, in dem Bewußtsein, das Auge der Welt würde sein mutiges Sterben zur Kenntnis nehmen. Die Prosatexte tippten wir nächtelang mit dreimal Blaupapier dazwischen ab. Es gab viele Freunde, die uns halfen. Unsere erste Auflage betrug achtundzwanzig Mappen. Die Einbände stellte Wiebke sehr aufwendig her, und ich glaube heute, sie sagen mindestens soviel über die DDR aus wie ihr Inhalt, und waren oft kunstvoller und interessanter als dieser. Ich habe heute noch den Geruch von Mökotedex und Duosan Rapid in der Nase, die Klebstoffe, mit denen wir die Seiten leimten, die dann anschließend noch schmuckvoll genagelt wurden.
Letztendlich, im Grunde genommen und im Endeffekt konnte ich es gar nicht fassen, daß die Mappen dann fertig waren. Wir hatten ein Produkt geschaffen. Und wenn ich mich heute daran erinnere, war das, aus aller Dumpfheit heraus, eine intensive und sehr schöne Zeit gewesen. (Ich ertappe mich oft dabei, wie ich den Augenblick entleere, um die Gerüche und Stimmungen von damals hineinzupacken). Die DDR war ein großes Kinderheim, in dem man sich an die vorgegebene Ordnung zu halten hatte, oder man wurde, nach einer Vielzahl von Verwarnungen, entlassen. Erst die Entlassung bedeutete, daß man erwachsen wurde.
Seit der Wiedervereinigung zahlt man für unsere Mappen eine Menge Geld. Sie sind in Museen ausgestellt. Man hat Romane über sie geschrieben. Der "Anschlag" gilt als Dokument des Widerstands. Forscher bitten mich um Auskunft. Ich merke, daß ich nicht antworten kann. Ich merke, daß ich nur darüber reden kann, wie das, was war, gemacht wurde.