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Voller Selbstekel horchte ich dem Schrillen der Klingel
hinterher, lauschte auf Schritte in der unbekannten Wohnung, auf irgendein
Zittern, in dem sich eine Anwesenheit bemerkbar machen würde. Schon
als Kind hatte ich diese Zeitspanne gefürchtet zwischen dem Klingeln
und dem ersten Geräusch, dem Klopfen und dem Echo der Leere. Diese
Sekunden platzten zu Unendlichkeiten auf, und der große Gott der
Öde sah zum ersten Mal auf mich herab. Ich sah nicht zurück,
sondern kaute die Zeit; und oft rührte sich nichts, niemand gab mir
eine Antwort. Ich hätte längst gehen sollen, aber stattdessen
preßte ich mißtrauisch und störrisch mein Ohr an die
Tür: Gab es jemanden auf der anderen Seite der Wand, der genauso
erstarrt dastand wie ich? Einer, der mich mit der gleichen Ungeduld erwartete?
Oder versuchte da einer kein Geräusch zu machen, die Atemzüge
vor mir zu verbergen? Wurde ich verschmäht? Gab es drinnen vielleicht
zwei, drei, die lautlos über mich lachten, die Hand vorm Mund, sich
schüttelten, Fratzen schnitten, die ich nicht sah. Ich fühlte,
daß es durchaus so sein könnte, aber niemals hätte ich
mir das eingestanden.
Am schlimmsten war es im Sommer. Wenn mir niemand
antwortete, traf mich das Luftflirren, Insektengesumm und die Hoffnungslosigkeit
wie ein Geschoß im Rücken, und nun hing alles davon ab, den
Rückzug vor mir selbst würdevoll zu gestalten. Nichts hatte
mich verwundet. Ich bog mit gleichgültigem Gesicht, die Schritte
dem Tag angemessen, um die nächste Ecke, und überlegte, wo es
noch eine Tür gab, an die ich klopfen konnte. Manchmal allerdings
rannte ich zurück, klingelte immer wieder an derselben Tür,
saß fassungslos davor und ließ die Klingelabstände kleiner
und kleiner werden. Gut, es gab auch das Alibiklingeln bei einer verhaßten
Person, einem Lehrer beispielsweise, bei dem ich mich entschuldigen mußte.
Da galt es so kurz zu klingeln, daß der Knopf kaum berührt
wurde, so was wie ein Hauch, der den Menschen hinter der Tür kurz
aufhorchen lassen würde: War da was - oder eher nicht. Wobei es gelingen
mußte, daß der Zweifel immer zu Gunsten von: ,wohl eher nicht'
ausschlug. Und die Vollendung war es, sich so beiläufig wie möglich
aus dem Staub zu machen, um am nächsten Tag, die Hände durchaus
in die Seiten gestemmt, sagen zu können: Ich war da. Aber niemand
öffnete mir.
Und dann gab es auch noch das Klingeln an der eigenen
Tür. Mit verhärteten Gliedmaßen, aber einem weichen Gefühl
in den Knien, berührte ich den Klingelknopf. Todesverachtung und
Angst traf sich mit dem schrillen Klang, der manchmal den Eintritt in
die Hölle bedeutete, den Himmel aber nie. Hier waren die Geräusche
hinter der Wohnungstür nicht einfach Beweis, daß jemand da
war; jeder Schritt, jedes Räuspern hatte eine Bedeutung, die ich
sofort entschlüsseln konnte, und es gab kein Geräusch, auf das
ich nicht gefaßt war.
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