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Aus allen Tuschelgrüppchen zischte ein Wort hervor,
das ab und zu als "Kyselak" entziffert werden konnte. Auf etlichen
öffentlichen Gebäuden stand in knallroter Schrift ein hingeschmiertes
"Kyselak" -- ohne jede hinzugefügte Zusatzbotschaft. Auch
auf zahllosen Abörtern fand sich ein "Kyselak". Nur wußte
niemand so genau, was Kyselak eigentlich heißen sollte. Ordnungsämter
hatten alle Hände voll zu tun, die Kyselak-Grafitti zumindest im
Stadtzentrum ständig zu Übermalen. Polizei versuchte herauszukriegen,
wer dahinterstecke.
Man läutete und pochte in der Soundsogasse. Dort wohnte ein Männlein,
unauffällig, wortkarg, das hieß zufällig "Kyselak".
Meist war Kyselak aushäusig, also doch wohl unterwegs mit Tusche
und Schablone, bei Nacht und Nebel, um seinen Namen Überall hinzupinseln,
hinzustempeln, die Welt zu Überschwemmen mit Kyselak. Etliche Kyselakbeobachter
setzten sich auf Kyselaks Spur, doch niemand erwischte den Kyselak je
beim Kyselak-Pinseln. Unterdessen sangen Spatzen und Schwalben von Dächern
und Kirchtürmen: "Kyselak".
Gewagte Kyselak-Spekulationen keimten. Manche meinten, Kyselak wolle sein
ungetreues Liebchen so pausenlos wie möglich an den Vorgänger
seines Nachfolgers erinnern, eben an Kyselak. Andere meinten, Kyselak
wolle weltberühmt werden, wisse aber nicht, wodurch. Andere wollten
gehört haben, eine im Suff geschlossene Wette, sich innerhalb von
drei Jahren landesweit herumzusprechen, zwinge Kyselak zu diesem fieberhaften
Tun.
In Feuerfontänen und Leuchtsternen der Volksfeste leuchtete Kyselak
in Rotbuchstaben auf. Hatte der allseits verlachte und bejubelte Kyselak
wirklich, wie hinterher Famas dumpfe Lästerzungen behaupteten, die
Feuerwerker
bestochen?
Da ward eines Tages ein Pudel, der an einer Litfaßsäule das
Bein hob, eingefangen -- im Kraushaar fand sich ein kunstvoll hineingeschnittenes,
halb zugewachsenes Kyselak. Damit war der Beweis erbracht. Das inzwischen
hochgeläufige "Kyselak" stammte tatsächlich von jenem
scheuen Mitbürger aus der Soundsogasse! "Kyselak ist tatsächlich
Kyselak!" Das schlug ein. Das prangte tagsüber von allen Litfaßsäulen;
nachts wurde das heimlich Überpinselt, pro Litfaßsäule
mit einem handschriftlich drübergekrakelten "Kyselak".
Ein prachtvoll versiegelter Brief kam bei Kyselak an. Kyselak erhielt
eine Vorladung zum Staatschef persönlich. Der sah ein graues, schiefes
Männlein eintreten, winkte es näher heran, staunte Über
die geringen Körpermaße des Kyselak, zeigte lächelnd Verständnis
für Kyselaks Umtriebe, klagte aber Über die Kosten der Überall
nötigen Neuverputzungsarbeiten, kurz: der König zieh Kyselak
groben Unfugs und verwarnte ihn ernst. Reumütig nahm Kyselak den
Tadel entgegen, verließ den Empfangssaal, auf dessen Schreibtisch
wenig später der König einen Zettel fand. Auf dem stand ein
beiläufig hingekritzeltes Wort: "Kyselak".
Ab da ging der Siegeszug des Kyselak erst richtig los. Kyselak tauchte
jetzt, samt seinem partiell immer wieder freigeschorenen Pudel, nirgendwo
mehr persönlich auf. Sympathisanten zogen los, fleißige Propellerchen
der Pusteblume Kyselak, die immer flächendeckender durch Berg und
Tal wehte, und frischten verblassende Schriftzüge auf, mit spritzenden
Pistolen und sprühenden Dosen, signierten selber mit Kyselak, bohrten,
löteten in bunte Steine, Bergkristall und Turmalin. Kyselak-Sagen
kursierten, Kyselak-Legenden und -Anekdoten, Kyselak-Kaffeeklatsch. überall
gab es Kyselak-Andenken zu kaufen, und Kyselak-Maskottchen. Aus keinem
Textilium war der Fleck Kyselak mehr herauszureiben. Kyselak-Kultur blühte
auf. Der Name, den Kyselak sich gemacht hatte, lautete Kyselak, und nochmal
Kyselak, und noch und nöcher Kyselak, und permanent und jederzeit
Kyselak, und immerdar Kyselak.
Selbst in menschenleerer Bergwelt so berichteten etliche Wandersleut
finde sich auf Bäumen und Felsplatten "Kyselak"
verewigt, meist weithin sichtbar, teilweise unzugänglich auf problematischen
Steilwänden und unbestiegenen Gipfeln, ja sogar in unbeleuchteten
Höhlen, wo das Wort "Kyselak" nun wirklich keine Chance
hatte, entdeckt zu werden. Die Bergwelt hallte wider vom Echo Kyselaks.
Hans Metaphysicus wischte alle bisherigen Kyselak-Theorien vom Tisch.
In seiner Kyselak-Phänomenologie verfocht er die Hypothese, Kyselak
betreibe seine Kunst um der Kunst willen. Die Markenbezeichnung KYSELAK
mache für den Namen Kyselak zwar Reklame, doch nirgendwo könne
man KYSELAK-Artikel kaufen. Kyselak profitiere also von seinem omnipräsenten
Kyselak Überhaupt nicht. In diesem Sinne verwandte Hans Metaphysicus
Worte wie "autoperpetuierende Gro·kampgnen", "public
relation", "action-art", "Verweischarakter",
"Symbolwert", "Selbstreferentialität" und "The
medium the message."
Immer lauter tröteten alle Posaunen ihre Forderung heraus, Kyselak
endlich totzuschweigen. In den Gästebüchern unterzeichnete bald
kaum noch ein anderer Übernachtungsgast als Kyselak. Klosprüche
lauteten jetzt: "Nicht nur Gott ist
Überall auch Kyselak ist überall!"
Kyselak war aber nicht nur Überall, sondern sogar everywhere. Kyselak
war sogar dort, wo er nachweislich nie war. Kyselak breitete sich weltweit
schneller aus als Gürtelrose, Kakerlakenboom, Christentum, Metallgott
Toyota und Mausmaschinen, sogar schneller als Amerika, das kurz nach seiner
vorletzten und letzten Entdeckung bloß einen Überschaubaren
Waldflecken bezeichnet hatte. Kein Nordpol, wo nicht der Erstbesteiger
mit hängender Zunge ankam und nicht von Kyselaks "Bin schon
da!" begrüßt wurde. Kein Klospruch "Kyselak ist tot!",
der nicht mit einem "Kyselak lebt!" Überpinselt wurde.
Wenn es damals schon Flugzeuge gegeben hätte, wäre Kyselak sogar
an Hochplateaus ablesbar gewesen, in Großschrift quer durchs Gebirge
geschrieben, jeder Buchstabenbalken eine ausgezogene Bergschlucht. Bergsteiger,
die in Gletscherspalten rutschten, erfroren mit Blick auf den ins ewige
Eis geritzten Kyselak.
In Hindustan kam Kyselak als Kilbischika an. In China kam Kyselak als
Kiao-lung an. An der Elfenbeinküste kam Kyselak als Kulo Tyelo an.
In Australien kam Kyselak als Kunapipi an. In Etruskien kam Kyselak als
Usil an. Irgendwann mußte Kyselak, allen Berechnungen zufolge, seit
Über hundert Jahren tot sein da wurden im prähistorischen
Japan römische Münzen ausgegraben und im Ötztal ein Felsbrocken,
auf dem "Kise Lak" stand.
Irgendwann war Kyselak nur noch mühsam mit Kyselak identisch. Vom
Flugzeug aus erschien sein verwitterter Namenszug eher wie eine marsianische
Zufallskonfiguration. Urgroßväter wollten Urenkeln etwas lallen,
kamen aber nicht mehr auf den Namen. Die Schluchten, die sich jahrtausendelang
ein "yselak" zugeworfen hatten, sackten nach unten weg.
Echo lag harthörig zwischen Bächen, Steingeschiebe und Wasserfällen,
die sich tiefer fraßen. Wald verwandelte sich in Geröllfelder.
Die große Glocke, an der mal was gehangen hatte, hing mit Sprung
und ohne Klöppel. Auf irgendeinem Brocken stand noch ein Weilchen
lang ein angebröckeltes K oder ein übermoostes Y. Metallgott
Toyota verrostete. Die Kyselakitis heilte ab. Kyselak schlief ein.
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