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Montagmorgen, der
Nachtzug aus Basel rollt durch Sottrum bei Bremen, Solothurn ist schon wieder
weit weg und wäre soweit gut überstanden der Balkankrieg
nicht. Literaturtage. Mangels Fernseher zum ersten Mal seit Wochen nicht
Mittag für Mittag Pressekonferenzen geschaut, nicht den vor redlicher
Empörung überhaupt nicht mehr blassen Rudolf Scharping, nicht
den blasiert süffisanten Jamie Shea im NATO-Hauptquartier. Keine Bilder
von Präzisionstreffern; keine verdrucksten Entschuldigungen für
unentschuldbare Streuschäden bis nach Sofia und Peking
... Keine angelsächsischen Flapsigkeiten über einen Job, der zwar
getan werden muß, aber dennoch abscheulich bleibt. Ach, tat das gut!
Die Schweiz. Neutral, fern des Weltgeschehens, zivilisiert und behaglich.
Hätte so bleiben können, for a change ... Hätte es so bleiben
können? Freitagabend dann doch Programmergänzung aus gegebenem
Anlass: Nachtgespräch zum Kosovokrieg. Wer will was sagen? Vielleicht
Kathrin Schmidt zu Beginn? Doch lieber nicht. Politycki? Kopetzky? Sitzen
erkennbar zum Erst-mal-Zuhören-und-Abwarten hier. Ich auch. Der Moderator
formuliert hilflose Allgemeinplätze zur allgemeinen Hilflosigkeit.
Endlich wagen sich Peter Kurzeck und Zsuzsanna Gahse aufs Eis, berichten
ganz Persönliches: Selbst Vertriebenenkind, selbst Angehörige
einer ethnischen Minderheit. Böhmen, die Vojvodina: Dort bombardiere
die NATO Ungarn, die selbst Angst vor Milosevic haben. Ja. Nicht nur, aber
doch. Was folgt daraus? Finalement, Yves Laplace prend la parole
und gibt es, das Wort, die Parole, sobald nicht wieder her. Auf Französisch.
Als Schweizer. Und ich begreife, daß die Schweiz viel eher als Deutschland
in der gleichen Welt liegt wie der Balkan: Ein "ethnischer Flickenteppich"
auch sie der eben NICHT, als wäre das logisch, sozusagen naturgesetzlich
und jedenfalls unvermeidlich mit Blut, sondern allenfalls mit Fleckenschaum
getränkt ist. Bosnien könnte bieder und sicher sein wie die Schweiz.
Menschen führen Krieg, nicht die Ethnografie. Was sagt nun Laplace,
der einen Reisebericht durch Bosnien, sowie letzthin eine Erwiderung auf
Handkes Winterreise veröffentlicht hat? Er sagt, daß man sich
dem Thema nähern müsse, indem man sich die hinlänglich bekannten
und glaubwürdig verbürgten Zahlen und Fakten wirklich vergegenwärtigt.
Er zählt sie auf: Über eine Million Tote seit 1991. Darunter 300.000
ermordete Zivilisten. Darunter auch Serben. Ein ehemaliger Botschaftsangehöriger
der Schweiz im belagerten Sarajewo bestätigt: Auch Serben verteidigten
die Stadt gegen Serben. Auch Serben wurden von Serben erschossen. Über
eine Million Vertriebene. Darunter 300.000 von Kroaten vertriebene Serben.
Laplace nennt die Orte: Karlovac. Srebrenica. Sarajewo. Er redet lange.
Von einem Krieg, der eben nicht vor sechs Wochen, sondern vor neun Jahren
begann. Er redet, nein, er argumentiert klar und sachlich. Als er aufhört,
melden sich nach und nach Etliche zu Wort, teils Zuhörer, teils Autoren
und keiner greift eines seiner Argumente auf, und wäre es, um
es zu entkräften, ihm zu widersprechen. Millionen geschundener Menschen
verschwinden im Gerede über die eigene Befindlichkeit. Es ist, als
hätte jemand das Licht im Saal gedämpft: Die Sprache der Aufklärung
und der Vernunft weicht germanischem Geraune; private Schuldkomplexe und
Schimären utopischer Erlösungsträume als Schemen im Zwielicht.
So gesehen, in dieser Beleuchtung, kann jeder so tun, als hätte er
keinen blassen Schimmer. In diesem schummrigen Halbdunkel sind alle Katzen
grau: Auch Kroaten, Bosnier, Albaner nicht ohne Schuld; Amerika gleich gar
nicht; und erst Deutschland ... Wer will da die erste Bombe werfen ...
"Der Krieg" aber, das ist sofort wieder ganz allein der NATO-Einsatz,
nicht der rassistische Völkermord in der Nachbarschaft. Mir platzt
der Kragen. Vielleicht haben ja manche dem Französischen nicht folgen
können; also sage ich das Wesentliche noch einmal auf Deutsch, übersetze
quasi. Der erste Zuhörer verläßt unter Protest den Raum:
Er sei nicht gekommen, um sich NATO-Propaganda anzuhören. Von Schriftstellern
erwarte er ein anderes NIVEAU! Leider gibt er mir nicht die Chance, ihm
zu antworten: Auschwitz ist nicht von russischen Dichtern, sondern von russischen
Truppen befreit worden, Bodentruppen, bewaffnet mit amerikanischen Kanonen,
auf dem Boden der Tatsachen, wie sie Wehrmacht und Waffen-SS zuvor geschaffen
hatten und damit dem äußeren Anschein nach eben auch auf
dem Niveau des von Deutschland begonnen Krieges, mit den einzig geeigneten
Mitteln, nämlich den steinzeitlichen bewaffneter Gewalt.
Die Sehnsucht nach dem höheren Niveau der Dichter, gar der Dünkel,
dieses selbst zu besitzen, ist die Sehnsucht nach einer anderen, als der
gegebenen Wirklichkeit. Wir lesen und schreiben aus dieser Sehnsucht heraus,
sie bringt zuweilen Dichtung hervor, niemals aber verantwortliche Politik.
Der Schriftsteller muß fragen, wie es hat dazu kommen können,
muß versuchen, Taten und Täter aus ihren jeweiligen Geschichten
zu verstehen, das ganze, tief ins Vergangene zurückweisende Geschichte
und Geschiebe aus Opfer- und Täterrollen. So, und nur so kann er, vielleicht,
Fehlentwicklungen frühzeitig spüren und offenlegen, um der Gesellschaft
die Gelegenheit zur Umkehr zu geben ja doch, lieber Steffen Kopetzky,
verehrte Zsuzsanna Gahse, hochgeschätzte Herren Kollegen Kurzeck und
Politycki. Gewiß. Gewiß. In einem guten Drama haben alle Figuren
recht. Der Balkankrieg aber ist kein gutes Drama, sondern ein Schurkenstück
von der miesesten Sorte, in dem wenigstens einer ganz eindeutig unrecht
hat und Unrecht tut. Politiker müssen handeln, jetzt und hier. Wenn
sich Dichter an einer politischen Debatte beteiligen, müssen sie politische
Argumente verwenden. Nichts gefährlicher, als die Ästhetisierung
der Politik. "Wollt ihr mich oder eure Träume?" hat Joschka
Fischer die pazifistischen Prügelkommandos auf dem Parteitag gefragt.
Als ich es eine perverse Volte der Geschichte nenne, daß wir Deutsche,
gerade weil wir die Lehren aus unserer Geschichte gezogen haben, diesen
NATO-Einsatz gegen ein Land mittragen müssen, daß unendlich unter
dem Überfall durch frühere Deutsche gelitten hat, verläßt
auch Thorsten Ahrend, mein Lektor, den Raum. Das Gespräch versandet,
nicht aus Einigkeit scheint mir, sondern aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit
vieler Anwesenden, statt Gefühlsbekundungen Argumente auszutauschen.
Bald läuft alles erschöpft auseinander. Beim Wein im Gasthaus
Kreuz sitze ich zum ersten Mal allein, ein Berliner Freund gratuliert mir
zu meiner lasergesteuerten Präzisionsrhetorik. Sag doch
gleich Leser-gesteuert flachse ich fleißig zurück.
HaHa. Könnte kotzen...
Ich träume schlecht, sehe immer wieder Thorsten Ahrends breites
Kreuz ... Man schmeißt keine Bomben!" wenigstens
redet er am nächsten Tag mit mir. Wir sind uns schnell einig, daß
Gespräche wie das gestrige vor allem der Psychotherapie der Teilnehmer
dienen, weil die Argumente ja allesamt bekannt sein. Dringen über
diese Meta-Betrachtung dann zur Abwechslung doch einmal zu eben diesen
Argumenten vor. Die Rolle der UNO: Ich sage Srebrenica und merke, daß
er es verdrängt hat denn gelesen wird es ja haben: Niederländische
UN-Schutztruppen einer UN-Schutzzone für Bosnische Zivilisten: von
Serben entwaffnet, dann an Bäume gekettet und gezwungen, dem folgenden
Gemetzel an den ihnen Anvertrauten auch noch zuzusehen. Die historische
Rolle der USA: Für ihn offenbar vor allem Vietnam, für mich
trotzdem vor allem die Landung in der Normandie. Meiner Logik nach hätte
ich dann ja auch den Einmarsch der Vietnamesen in Kambodscha zur Beendigung
des Terrors der Roten Khmer begrüßen müssen? Genau das
habe ich damals getan. Und warum ich dann nicht auch für robusteren
Druck etwa auf die Türken wegen der Unterdrückung der Kurden
sei? Aber genau dafür bin ich seit jeher und nun? Schlägt
er also die Bombardierung Ankaras vor? Muß ich denn gleich polemisch
werden... Aber nein, ich habe nicht vor zu leugnen, daß die USA
im kalten Krieg eine Schweinerei nach der anderen begangen haben; bin
im linken Frankfurt der Siebziger auch mit Chilenischen Emigranten aufgewachsen.
Was einen so prägt...: Spät, zu spät fällt mir ein,
daß er mit einer Vietnamesin lebt, ich dagegen mit einem Sohn deutsch-jüdischer
Emigranten. Würden wir umgekehrt argumentieren, wenn es umgekehrt
wäre? Aber ist nicht eben dies das Obszöne an der lauen Reaktion
vieler deutscher Autoren: Die berufsbedingte Neigung, persönliche
Motive verstehen zu wollen, alles erklären, alles entschuldigen zu
wollen (das heiß alles, bis auf das Tun der eigenen Regierung, die
man sich so tatenarm und gedankenschwer wünscht, wie man selbst ist...),
kann doch nicht zur völligen Verweigerung des abstrakten Denkens
im politischen Diskurs führen. Was aber sonst kann es bedeuten, wenn
gesagt und geschrieben wird, man (oder frau) wolle sich keiner Seite zuschlagen
lassen, keiner Ethnie? Doch wohl, daß man zu wissen glaubt, die
NATO habe ihr Herz für die Kosovo-Albaner entdeckt, kämpfe also
statt für Prinzipien für Interessen da es für einmal
ganz bestimmt kein Öl gibt, vielleicht um den leckeren Amselfelder?
Dort wird ein rassistischer Krieg gegen ein ganzes Volk geführt,
und wir können uns nicht entscheiden, auf wessen Seite wir stehen
wollen? Die Deutschen als die besseren Schweizer: Nicht nur politisch,
sondern auch im moralischen Urteil neutral? Man muß doch auch die
SS verstehen?? Peter Handke hat zweifellos recht, wenn er auf sein Besserwissen
über die Serben, ihre Mentalität, Geschichte, Kultur verweist;
allein was beweist es? So wenig ich über Serbien weiß,
ist es doch ein Vielfaches dessen, was ich über Albaner, gar Kosovo-Albaner
weiß. Ich kann nicht einmal behaupten, daß sie mich besonders
interessierten; sie sind mir, die Wahrheit zu sagen, ziemlich gleichgültig.
NICHT gleichgültig ist mir dagegen die Frage, ob es in Europa an
der Schwelle zum 21.Jahrhundert möglich ist, ungestraft ein ganzes
Volk auszurotten oder zu deportieren. Jeder Mord, auch jeder Völkermord
hat seine tieferen Ursachen und aufzudeckenden Gründe und
es gehört zum Job der Dichter und Denker, diese aufzudecken. Das
ist ja der Skandal an Handkes maßloser Einäugigkeit: nicht
das Leugnen der serbischen Verbrechen, die nicht in sein Serbienbild passen,
nicht die Haßtiraden gegen die westliche Presse oder gar der Firlefanz
um irgendeinen Flitter, den er sich hat oder doch nicht hat umhängen
lassen. Der Skandal ist, daß wir einen Handke in der hoffentlich
nahen Zukunft nach Krieg und Milosevic gebraucht hätten, um Brücken
zu den Serben zu bauen, ihnen die Hand zu reichen, sie ins europäische
Haus zu holen; daß er sich durch die fahrlässige Beschädigung
seiner Integrität untauglich für diese wichtige Aufgabe macht.
Der Job der Politiker ist es, der aktuellen Herausforderung durch einen
rassistischen Kriegsherrn zu begegnen der Politiker wohlgemerkt,
nicht der Militärs, die sind in Demokratien bloße Werkzeuge
der gewählten Vertreter des herrschenden Volkes. Und selbst wenn
der Völkermord sich auch mit militärischen Mitteln nicht verhindern
und beenden läßt, ist es in Abwesenheit einer funktionierenden,
also von allen potentiellen Nachahmungstätern zu fürchtenden
Weltgerichtsbarkeit trotzdem richtig und wichtig, ihn hart zu bestrafen,
um ihn wenigstens teuer zu machen. Und natürlich trifft man dabei
fast immer die Falschen, Thorsten, ja doch, leider. Wir Deutsche wissen,
was Luftangriffe sind, das Gesicht unserer Städte, unsere Eltern
und Großeltern erzählen es uns. Aber eine funktionierende,
wirklich wasserdichte Wirtschaftsblockade (nichts, als ein
politisch korrekter Euphemismus für das mittelalterliche Aushungern,
hier nur eben nicht einer Stadt, sondern gleich eines ganzen Landes...)
trifft noch viel mehr von diesen Falschen. Im Übrigen: Mir tun die
serbischen Rekruten im Kosovo genauso leid, wie ihre Eltern in Belgrad.
Auch sie sind, selbst, gerade dann, wenn sie zu Tätern wurden, auch
Opfer, Verführte, Verhetzte. Ich trauere um sie. Aber ich will sie
nicht gewähren lassen. Thorsten will sie um keinen Preis bombardiert
wissen, auch nicht um den, hilfloser Zeuge eines Völkermords zu werden.
Ich glaube ihn zu verstehen. Wenn sie offen ausgesprochen wird, kann ich
diese radikal pazifistische Position respektieren. Aber ich teile sie
nicht. Am Abend haben wir wieder zusammengesessen und Rotwein getrunken,
keinen Amselfelder zum Glück, einen von dort, aus dem Grenzgebiet
zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz. Wer sich vorstellen
kann, daß in Sarajewo Olympische Spiele veranstaltet wurden, kann
sich auch vorstellen, daß das malerische Solothurn beschossen wird
als wäre es das malerische Dubrovnik. Wer Gewaltanwendung selbst
bei Notwehr, ja selbst bei Nothilfe für falsch hält, soll das
offen sagen. Nicht wie Muschg am letzten Tag das Verbrechen verniedlichen,
gegen das man nicht mit Gewalt vorgehen will: Zum Kosovokrieg falle ihm
nur die Geschichte vom Griechischen Ambulanzfahrer ein, der mit Blaulicht
in ein vollbesetztes Café rase, und dann, um die Herauslaufenden
von der Unvermeidlichkeit der Tragödie zu überzeugen, gleich
auch noch ins nächste, wo er abermals Etliche töte. Eine schöne
Geschichte, aber ein fahrlässig schiefes Bild; im Zahlenverhältnis
(Die ungewisse Rettung eines Schwerverletzten in der Ambulanz gegen den
sicheren Tod etlicher Unbeteiligter in den Cafés) stellt es die
gesicherten Erkenntnisse der UNO auf den Kopf. Auf jeden von NATO-Bomben
getöteten Zivilisten kommen mindestens 100 von Serben Ermordete.
Der Zug rollt durch die Nachkriegsviertel um den Hamburger Hafen. Wer
sich vorstellen kann, wozu Menschen fähig sind, muß hoffen,
daß sie daran gehindert werden. Und wenn es Russen und Chinesen
nicht paßt, daß sich die NATO zum Weltpolizisten aufschwingt,
dann sollen sie gefälligst mithelfen dabei; der Job ist schwer genug.
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