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Minsk: Nach achtzehn Stunden Zugfahrt die Ankunft, am Bahnsteig
erwartet uns eine Abordnung der Musikakademie, die Christian von Borries
und Jens Schubbe eingeladen hat, da sie ein Bach-Konzert in Berlin planen,
Musikstudenten aus Minsk einladen wollen. Laryssa Deduk, Galina Randarevitch,
die Übersetzerin, zwei Studenten erwarten uns. Früher Nachmittag.
Unweit vom Bahnhof das Parlament und Universität, die riesige Straße,
kein Laden, wir fahren mit dem Bus, kein Laden eine lange Strecke, kein
buntes Schild, grau als wäre schon Dämmerung, auf dem Platz,
erklärt Galina Randarevitch, stand früher das Lenin-Denkmal,
der Bus klappert, freie Flächen, aber nicht freigelassen, sondern
Spuren der Zerstörung, Leerstellen, die wie gewaltige Hände
die Stadt gepackt halten, besser als je Gebäude es könnten.
Die Zwischenräume reißen immer wieder auf. Dazu paßt
gut, daß die Bürgersteige so uneben, zuweilen auch aufgerissen
sind oder einfach für ein kurzes Stück abbrechen, die Erde freigeben,
Wasser - Regen und der tauende Schnee - sich zu Regen-, Taupfützen
sammelt, dazwischen einige Eisplacken.
Zurückgekehrt sitze ich nicht ohne ein Gefühl der Seltsamkeit
am Schreibtisch, still ist es, außer den Eisenbahnkopflauten, Schienenkopflauten,
als wären wir noch einmal in der großen Halle in Brest, in
der die Züge auf das je andere Fahrgestell montiert werden: Hebevorrichtungen,
das Hämmern und Schraubengeklirr, die Stimmen, die sich in der riesigen
Halle verstärken, verlieren, die Arbeiter in dicken Jacken, schweren
Mützen, Schraubenschlüssel, metallisches Klopfen, die Aufwärts-,
Abwärtsbewegung des Zuges, gleichzeitig unmerklich und fühlbar,
unter dem Zug hervor fährt das je nicht-passende Fahrgestell davon,
zieht dabei das neue an seinen Platz. Reise: morgens im Schlafwagen liegen,
das Hin und Her im Gang, Stimmen, durchs Fenster die allmählich sich
erhellende Landschaft, Baumvereinzelung, Häuserreihen, Erdbunker,
so scheint es, vor Minsk, liegend die Landschaft (flach, allenfalls leichte
Erhebungen, Senken) vorbeiziehen sehen, durch den Gang schläfrig
verkrümmt zum Schaffner um ein Glas Tee, und köstlich der Tee
mit viel Zucker nach der Nacht, der angespannten Fremdheit, Unruhe, da
die Schaffnerin uns warnt, gut zuschließen die Tür (wirklich
sind zwei zusätzliche Schlösser nachträglich an den Abteiltüren
angebracht), Mafia, und keine Polizei im Zug, sagt sie, niemand im Zug,
nur die polnische Mafia, gut zuschließen.
Die Dauer dieser Reise war gerade so, daß in der Erinnerung alles
in Bewegung scheint, als verteilten sich die Tage in Minsk ebenfalls auf
eine Eisenbahnfahrt.
Und vielleicht sind deswegen vier Tage eine gute Länge für solch
eine Reise, die damit zu einer Bewegung wird, die jede Eigenmächtigkeit
verloren hat; man überantwortet sich nolens volens, fügt wohl
selbst die Einzeleindrücke zu Bildern zusammen, kommt aber nicht
damit hin, die eigenen Muster durchzusetzen.
Kaum kenne ich einige wenige Menschen, die hier, die dort wohnen, in Minsk,
in der Hauptstadt Weißrußlands, und schon gibt es ein Gebot,
Gebot der Achtsamkeit, Vorsicht, nichts Leichtfertiges, Falsches zu sagen
über diese Stadt: Minsk, zerstört im Großen Vaterländischen
Krieg, im Zweiten Weltkrieg zerstört von den Deutschen, ist es nicht
so? und die Hälfte (die Hälfte!) der Einwohner umgebracht, umgekommen.
Der Große Vaterländische Krieg Der Afghanistan-Krieg Tschernobyl
- noch immer werden in Minsk Kinder mit Mißbildungen geborgen, sterben
Leute an Krebs.
In unserer Unterkunft haben Laryssa Deduk und Galina Randarevitch alles
für uns vorbereitet. Aus ihren Haushalten Teller, Tassen, Besteck,
ein Teekessel, Tee, Laryssa hat Salat gemacht, füttert uns erst einmal,
energisch, liebevoll, danach begleiten die beiden uns zur Akademie, zeigen
uns das Stadtzentrum.
Die Stadt erschließt sich nicht leicht, wegen des Flusses, der sich
durch die Stadt in zwei Bögen schlängelt, die Straßen
merkwürdige, unklare Stellungen zueinander einnehmen läßt,
und wir orientieren uns zögernd, laufen ein ums andere Mal falsch,
suchen den gewaltigen häßlichen Rundbau der Oper, angeblich
eines von zwei unversehrt gebliebenen Häusern in der Stadt - das
zweite ist das Parlament, beides Bauten aus den dreißiger Jahre,
scheint es. Die breiten Geschäftsstraßen der Innenstadt begrenzen
klassizistische Fassaden, nach dem Krieg wiederaufgebaut, soweit ich verstanden
habe, zwei prominente orthodoxe Kirchen gibt es, einen riesigen Sportpalast,
ein Palast der Republik ist noch immer im Bau, angeblich, so Galina Randarevitch,
seien Konzertsäle darinnen, gesehen aber habe es keiner, dann eine
Art Messegebäude mit verglaster Fassade, die Straßen breit,
aber im Zentrum nicht feindselig breit, weiter draußen dagegen,
wo Plattenbauten sich entlangziehen, wirkt es menschenunfreundlich, man
fragt sich, wer hier so genau Überblick haben will über die
punktgroßen Figuren?
Der Eingang zum Internat", das Wohnheim, in dem wir untergebracht
sind: eine gepolsterte Doppeltür, dann ein Drehkreuz, von wechselnden
Aufseherinnen bewacht, dabei eine schiechäugige, bellender Höllenhund
mit verdrehten Augen. Im Foyer ein paar Bänke, die Telefonzellen
aus Holz, von außen verspiegelt, und Spiegel sind wichtig: nirgendwo
sonst habe ich die jungen Leute in jedes Fenster schauen, vor jedem Spiegel
stehenbleiben sehen, um sich zu kämmen, zu schminken, die Kleider
zurechtzuziehen.
Im Foyer auch der Aufzug, der nicht immer funktioniert, auf den man lange
warten muß, und schneller ist es, die Treppe zu benützen, ein
paar Stufen hinauf und durch einen langen Gang, in dem es nach Weihrauch
riecht, dann eine Tür zum Treppenhaus, Küchengeruch, feuchter,
Übelkeit weckender Küchengeruch, meist Kohl dabei und vielleicht
eine fette Suppe, erstes Stockwerk, Urin, zweites Stockwerk, Staub, Putz,
Mörtel, die Zimmer werden repariert, Dreckhaufen, sorgfältig
zusammengefegt, herausgebrochene WCs, Waschbecken, die Wände gelblich,
muffig, dieser undefinierbare Ostgeruch, wieder mit Küchengeruch
vermischt, da auf dem Stockwerk sich eine Küche befindet. Aus den
Zimmern hört man die Studenten üben, Geige, Klavier, Akkordeon,
einmal tanzen zwei Frauen vor dem Aufzug, indem sie sich die Tanzmusik
vorsingen.
Im Internat. Zimmer 313, die häßlich kitschige Lampe, der kaputte
braune Schrank, der dünngelaufene rote Teppichstreifen, der braun
gestrichene Holzfußboden. Aufwachend liege ich noch einmal im Zugabteil,
die flache Schneelandschaft hinzus vor Augen, die unter dem Schnee unvollständig
bleibt, und man weiß es genau, daß man die Landschaft nicht
kennt, solange man sie nicht sommerlich, herbstlich gesehen hat, während
man im Sommer nicht gleichermaßen auf dem Winter bestehen würde
zur Vollständigkeit.
Zimmer 313 also, vor dem Fenster der Park, Schneesturm oder das kahle
Gezweig im Park (der verwachsene Baumstamm, die langen Bänke). Morgens
etwa ab zehn Uhr das Klavierspiel aus dem nächsten Stockwerk.
Es ist kalt in den Zimmern, in Strumpfhosen, Trainingshosen, in Socken
und einem Wollpullover liege ich unter drei Decken, neben mir steht der
blaue Teekessel bereit, Teebeutel, eine Pappschachtel mit Keksen (die
Fürsorge unserer Gastgeber), und vor den Fenstern, die mit Klebeband
abgedichtet sind, liegt der Park, steht der Baum mit dem täuschend
verwachsenen Stamm, der mir jedesmal eine dunkel gekleidete Person, die
sehr still dasteht, vortäuscht, während die wenigen anderen
rasch durch den regnerischen Wind laufen, in dem sich das kahle Gezweig
biegt. Vom Gang dringen Stimmen herein, und wenn ich hinaustrete, kehren
zwei hagere Putzfrauen unermüdlich von gegenüberliegenden, sehr
weit entfernten Enden des Ganges, den Staub, den von Bauarbeitern losgeschlagenen
Putz zusammen, und es scheint mir, daß sie sich nicht treffen werden
in der Mitte, denn beide sind sie gleich gekleidet in graue Kittel, beide
tragen das braune Haar harsch zurückgebunden, und ihre Gesichter
sind stumm und unwirsch.
Aus dem Haus treten und sich nach links wenden, vorbei an der Miliz, dann
an der Ecke, an der der kleine Kaufladen ist (grünes Schild, doppelte,
verglaste Holztüren), noch einmal nach links und über die große
Straße, vorbei an der russischen und der amerikanischen Botschaft,
eine kleine Anhöhe hinauf und wieder nach links, nur ein paar Meter
noch bis zur Akademie.
In der Akademie ist es hell, eine angenehme Mischung aus Ernst und Fröhlichkeit.
Die Räume sind frisch renoviert und in ausgezeichnetem Zustand, und
die spürbare Disziplin hat nichts Feindseliges, Enges. Im Eingang
stehen vor dem Spiegel Mädchen und Jungen, setzen Mützen ab
oder auf, richten das Haar, ordnen ihre Kleider.
Vor dem Aufzug übt ein Junge auf seinem Kontrabaß.
Fast alle Passanten tragen lange Mäntel, Jacken sieht man seltener.
Lange, warme Mäntel, oftmals Pelz oder Pelzimitat, oder doch wenigstens
ein Pelz- oder Pelzimitatkragen, und das macht, daß die Menschen
wohlbeschirmt aussehen, behütet unter ihren langen Mänteln,
unter ihre Pelzkappen, Pelzmützen, Hüten. Kaum einer, der eilt,
es sei denn, das Wetter läßt die Schritte beschleunigen. Kaum
einer, der über die Straße hastet oder ungeduldig aussieht.
Bei Schneeschmelze oder Regen stehen riesige Pfütze auf den Straßen,
Bürgersteigen, uneben, löchrig, zerschunden sind die Bürgersteige,
was macht, das die Leute sich in aufmerksamen Schlangenlinien fortbewegen.
Riesige Pfützen am Straßenrand, man tut gut daran, in gehörigem
Abstand zu warten, daß die Ampel auf Grün schaltet. An der
großen Straße, die wir auf dem Weg zur Akademie zu überqueren
haben, gibt eine Art Pausenklingel den Blinden das Zeichen, daß
Grün ist.
Die Häuser in schlechtem Zustand, aber elend sehen sie nicht aus,
das nicht. Der Eindruck von Ordnung und Geordnetheit überwiegt, auch
ist die Stadt recht sauber, und das Grau oder Wintergrau hängt eher
in der Luft und haftet an den Fassaden. Ob die Gesichter ernst sind? Eher
ernst, vielleicht auch streng, lächelnde, lachende Gesichter erhascht
man kaum, und jeder offene Ausdruck fällt auf. Gleichmütig und
beherrscht taugt vielleicht am besten zur Beschreibung.
An keiner Stelle und in keinem Moment das Gefühl einer unbeherrschten
Situation, als wäre, da alles so ist, wie es ist, nichts mehr
unvorhersehbar, könnte etwas Unvorhersehbares nicht geschehen. Man
kommt zurecht.
Die Synagoge - Bretterzaun, die Pforte bloß angelehnt, ich sehe
den Davidsstern, das Schild der Chabadnikim, einer bestimmten Richtung
jüdischer Orthodoxie, und trete hindurch in den schlammigen Hof,
der Weg führt auf einen großen Holzschuppen zu, nur angelehnt
die Tür, ein schmaler Gang, rechts eine Küche, in der eine Frau
kocht, sie blickt nur kurz auf, mich schweigend an, geradeaus eine verschlossene
Tür, links eine Treppe, darunter ein Waschbecken und hinter einem
Vorhang das Klo, die Treppe hinauf drei Zimmer, nein, Hebräisch könne
keiner, sagt die Frau und verweist mich auf das nächste Zimmer, in
dem ein etwa fünfzigjähriger und ein alter Mann sitzen, dick
eingepackt, da es hier, wie überall sonst, schlecht geheizt ist,
der mächtige Oberkörper des Alten ist in eine grüne Uniformjacke
gezwängt, eine ganze Reihe sowjetischer Orden darauf, auf dem Kopf
eine schwarze Kippa, eine Karte Israels an der Wand befestigt, der jüngere
spricht ein paar Worte Hebräisch, der Alte, der Gemeindevorsteher,
geht hinaus, sucht die Bocherim, die Hebräisch können, aber
nicht da sind, doch dann verständigen wir uns in einem Gemisch aus
Deutsch, Jiddisch, Englisch, in Osnabrück ist er geboren, erzählt
der Alte, 1910. Er führt mich in die Schul, recht groß, die
Frauenabteilung durch weiße Vorhänge markiert. Vor dem Krieg
war, steht in unserem Reiseführer, die Hälfte der Bevölkerung
jüdisch.
Die kleinen Öffnungen, Durchreichen an den Kiosken, die in unbequemer
Höhe sowohl für den Käufer als auch Verkäufer angebracht
scheinen. So klein vermutlich wegen der Kälte. Sehr bunt vollgestopft
(wie eine Zettelwand) die drei verglasten Wände, und da Farben in
den Straßen selten sind, ist der Eindruck umso stärker, ebenso
wie die Obststände, die Orangen, Bananen, Äpfel, Khakifrüchte
leuchten. Plakate wirken größer, da jedes Plakat einzeln hängt,
Bilder, Schriftzüge gewichtig, man erwartet Mitteilung von ihnen.
Kurz vor unserer Abreise, und dunkel ist es schon, laufen wir noch einmal
über den Fluß, am Opernhaus vorbei, wissen ungefähr, wie
wir laufen sollen, laufen wollen (Brot kaufen wollen wir, dieses dunkel
Brot, das nach Koriander schmeckt), warten an einer Ampel, - da stehen
vor uns im Pulk der Passanten zwei Musiker mit ihren Geigenkästen,
Bratschenkästen, zwei Studenten, die nach Berlin kommen, hier sind,
und es ist schön, in einer so fremden Stadt (dunkel ist es übrigens,
nicht eben freundlich, diese graue, karge Dunkelheit) zwei Menschen zu
erkennen, die da mit ihren Instrumenten über die Straßen laufen,
so wie wir auch.
Vielleicht ist das Geheimnis der Gastfreundschaft und eines Willens (eines
bestimmten Willens an einem bestimmten Ort: Christian von Borries und
Jens Schubbes Idee ein Konzert mit Musikern aus Minsk zu organisieren)
gerade dies, daß man sich in seiner Fremdheit an diesem Ort aufhält,
mit allem, was einen bestimmt und prägt, mit allem, was man liebt
und was gerade jetzt (an diesem fremden Ort) fern ist, fern ist wie ein
Pfeil, der in eine Richtung weist, ohne die Gegenrichtung, die andere
Richtung verkennen zu müssen, gleichzeitig bloß und anteilnehmend
- also zwar nicht geborgen (denn der Ort ist fremd, und wir verstehen
die Sprache nicht), aber anwesend aufgehoben und aufgefordert zugleich.
Natürlich faßt man Häuser selten an, Hauswände, Mauern,
streift sie allenfalls versehentlich mit einem Arm, der Schulter, spürt
durch den Mantel die Berührung des rauhen Verputzes, auch hier, in
der Stadt, der Straße, in der ich wohne, ist das nicht anders, und
trotzdem bedauere ich, in Minsk nicht ein einziges Haus angefaßt
zu haben, es scheint mir, daß ich nicht weiß, woraus die Häuser
bestehen, und ich bin nicht auf den Fluß gelaufen, denn nur dort,
wo er eine Ausbuchtung hat, war er gefroren, eine dünne Schicht Eis,
auf der Vögel saßen, Enten und Möwen, am anderen Ufer
sah ich den Sportpalast, umgeben von freien Flächen, die im Sommer
sicher belebt sind, sicher gehen die Einwohner am Fluß spazieren,
sitzen auf den langen Parkbänken, es haben dort zehn Leute bequem
nebeneinander Platz, und ich bedauere, keinen Stadtplan zu haben, um die
Brücken zu zählen, nur zwei haben wir gesehen, sind über
zwei Brücken gegangen, durch den Asphalt sah man Eisengestänge.
Swislotsch heißt der Fluß. Das Opernhaus liegt gleich hinter
der Brücke, ein gewaltiger Rundbau, der verlassen aussah, trotz der
erleuchteten Fenster und trotz der Plakate, die La Traviata ankündigten,
Die Zauberflöte, in mehreren Sprachen.
Noch immer habe ich das Gefühl, nachts auf dem Bahngleis zu stehen;
ich konnte nicht schlafen, stieg schließlich aus dem Waggon, stand
dicht vor dem eisernen Treppchen, um jederzeit aufspringen zu können,
falls der Zug anfährt. Später schüttelte die Schaffnerin
den abgetretenen Teppich aus der fahrenden Tür, ich stand hinter
ihr, überlegte einen Moment, sie an ihrer Uniformjacke zu packen,
weil ich fürchtete, sie könnte herausfallen aus dem Zug: das
Gewicht des Teppichs, die Neigung ihres stämmigen Körpers, die
Schwerkraft. Es war nicht kalt, die frische Luft, die hereindrang, war
angenehm, deswegen stieg ich wieder aus, als der Zug am nächsten
Bahnhof hielt, das war in Poznan, als Kind bin ich schon einmal hier gewesen.
Der Bahnsteig war leer, zwei Frauen trugen ihre Koffer so rasch davon,
als fürchteten sie, ihre Entscheidung zu bereuen, auszusteigen, hier,
und über die Gleise sah ich sie schließlich noch einmal, umringt
von Soldaten, sie schienen zu lachen. Von der anderen Seite des Zuges
her hörte ich metallisches Klopfen, gerade dort, wo monotone Schläge
die Fahrt zu behindern schienen, von Anfang an hatte man sie gehört,
und bald nach der Abfahrt erfuhren wir, daß die Bremsen defekt waren.
Ich fürchtete, gerade dieser Waggon, der letzte, nachträglich
angehängt in Minsk, würde stehenbleiben, abgekoppelt, wir würden
uns an irgend einer Bahnstation wiederfinden ohne den Zug, aber sicher
war das eine unbegründete Sorge, auch wenn ich noch jetzt, einige
Tage später, manchmal aufwache, unruhig auf das Geräusch der
Räder lausche, auf die rhythmischen Unterbrechungen dort, wo die
Gleise aneinandergeschweißt sind, auf die Weiterfahrt lausche.
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